GEORG SOLZ

VERWIRRUNG

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© Greg Ory 2010 – 2018, Record P 3, engl. Confusion, january 2010 to august 2014, Hamburg and Hampshire, novel, German. This is an extract only.




II

Als mein Roman über den Greis fertig wurde, sendete ich diesen Brief, ein Meisterstück in seiner Gattung, an jenen Wiener Verlag, das renomierte Haus:


»Meine hoch verehrten Damen und Herren,

ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich offen mit Ihnen reden dürfte. Es ist common sense – so vermute ich es –, dass man keine Arbeit seriös ausführen kann, wenn einem die Zeit fehlt. Ruderich z.B., langjähriger Freund und Verleger, reagiert fast nie auf die Manuskripte, die sich bei ihm anhäufen, ein recht erbärmliches Ding zu sehen. Er zuckt die Achseln, der Schelm: „Was solls? Es sind so viele, man kann nicht auf jeden Autor antworten...“ Niemand auf dieser Welt hat ihn gezwungen, einen Verlag zu gründen, aber jetzt sitzt er da und lässt Manuskripte warten, als ob dies ein redliches Verhalten wäre.

Da Ihr Verlag aber ein ganz anderer, ja ein durchaus seriöser ist und Ihre Mitarbeiter, inkl. die 19-jährige Praktikantin vom Germanistik-Institut, auf Manuskripte comme il faut eingehen, sende ich Ihnen gern, und allzu gern, die ersten Seiten meines „Musikers“ zu – nicht dem Ruderich, wie denn? Ich habe seine Standardantworten selbst verfasst: den klassischen zweiten Absatz, der immer mit leider anhebt –

Es ist aber leider so, dass man in meinem Alter unordentliche Briefe zu verfassen beginnt und etliche Regeln aus dem byzantinischen Reich bei Seite lässt. Sie werden aber genug esprit und Güte haben, um mir dies zu verzeihen, nicht wahr? Der Konvention nach fügt der Bewerber ein sensationelles Exposé hinzu und erklärt das Was und Wie der Welt und warum sein Werk zugleich den Nobel-Preis gewinnen und Billionen verkaufen wird. Es gibt inzwischen hoch-elegante Vorlagen im Netz, es lohnt sich zu sehen.

Mein „Musiker“ ist aber nicht fertig. Ich weiß nicht, wohin der Fluss der Erzählung sein Leben lenken wird, und von einem Exposé ohne Plot hat mich selbst der treue Ruderich abgeraten – gut so! denn sonst könnte die Praktikantin, die es in die Hände kriegt, Anstoß, wie man sagt, daran nehmen, dass dem Exposé dies oder jenes fehlt und, von diesem parti pris fehlgeleitet, die Probenseiten gar nicht lesen – Sie lachen, ja, aber mindestens beim Ruderich kommt dieses exzentrische Phänomen vor. Ich aber, der ich den „Musiker“ und nicht das Exposé veröffentlichen möchte, möchte lieber, dass sie den „Musiker“ lesen und nicht das Exposé einer noch unvollständigen Arbeit. Does it make sense for you? Es spart Ihnen Zeit, meine hoch verehrten Damen und Herren, dass Sie sich ein Urteil direkt aus dem Buch und nicht aus dem famosen Exposé bilden.

Eines bedarf aber, wie mir scheint, einer Erklärung: die Sprache. Dass ich mit viel Elan in cooler Gassensprache schreiben mag und es gerne tue, weiß auch der Ruderich. Aber verschiedene Erzählungen verlangen verschiedene Sprachen. Mein greiser Musiker hat das Pech gehabt, im 19. Jh. zu leben. Seine Sprüche voller mal du siècle werden dem Gegenwartsanbeter samt royal retinue vielleicht nicht gefallen, aber meine Damen und Herren, wie kann ich meinen Greis und seinen Erzähler wie den hoch verehrten rap-singer von der Ecke sprechen lassen? Bitte bedenken Sie, dass der gute Mann eine Zeit lang im Kreis der Hamburger Senatoren verkehrte! It doesn't work like that, ich muss die Erzählung so schreiben, wie es ihre eigene Dynamik verlangt, und nicht, wie ich es möchte...

Ich weiß, ich weiß, Dieter Bohlen wird mein Zeug altmodisch schimpfen. Aber, sehen Sie, die Ironie dieser Welt ist manchmal traurig. Die Gegenwart eines Menschen lässt sich nur selten an seiner Ausdrucksweise messen. Was mein Musiker und seine Mitmenschen erleben, das geht über die Zeit hinaus. Ich weiß nicht, ob der gute Spruch stimmt, aber zum Trost las ich einmal bei Platon, dass die Wahrheit keine Frage der Zeit ist. Nun, wer als Verleger behauptet, dass die psychologische Wahrheit meines Musikers nicht „ins Programm passt“, hat mindestens keinen Platon gelesen. Aber was rede ich, pfui! was wird die Praktikantin denken, um Gottes Willen, wenn der Typ aus Hamburg sich so anpreist? Das sollte niemand denken! Die Gefahr – oder soll ich sagen: der Trost? –, dass ich ein begnadeter Schwindler à la Kaiserreich bin, ein Weinschmecker, ein artiste manqué, wie man so schön auf dem Montmarte sagt, besteht auch, und dies trotz der Anerkennung, die nicht nur Ruderich meinem Büchlein schenkt, nein nein, nicht nur er, ein paar andere auch – believe it or not.

Ich soll ihr Leben erleichtern, sagt sie? Na gut, ich höre auf, ich höre auf. Anstatt dass ich mich weiter zu renommieren versuche, machen wir es so, dass ich erstmal ade! sage und Sie meine wenigen Seiten lesen: Wäre das eine Sache? Vielleicht – so möchte ich es hoffen – haben Sie dann mal Lust, salopp zu sagen, ob mein Buch die Geschichte der Menschheit ändern wird und daher „ins Programm passt“ oder ob das Zeug eher für die Katz ist. Everything goes! Wenn das ein Ding für das Programm ist, dann zerbreche ich mir den Kopf mit dem epoche-machenden Exposé – wussten sie schon? Angeblich waren sämtliche Exposés des Herrn Thomas Mann eine Katastrophe.

An dieser Stelle empfehle ich mich also, meine hoch verehrten Damen und Herren, und wenn ich Sie durch unanständige Worte verletzte, so bitte ich Sie, mir großmütig zu verzeihen. Ich war ein guter Mensch, als ich die Sommer noch in Schweden verbrachte, aber Hamburg, ach, Hamburg hat mich verdorben – so sagt mindestens Ruderich – but anyway, let's not talk about that, die anständige Sprache und den Formalismus überlasse ich der Gesellschaft meines Musikers, denn der weiß ja, mein lieber Schwan, wie man sich anständig ausdrückt und wie man sich beträgt, ja der! – der weiß schon, wo der Hammer hängt.

Ihr sehr ergebener Diener,

Erik Stolborn

PS.: Das Buch wird schon in Tränen enden – wenn Sie es erlauben.«


Ich weinte wochenlang an der Schulter meines treuen Ruderich, denn schließlich basierte die schöne Erzählung auf einer wahren Geschichte. Wahr? Dieser Musiker zählte ja zur erlauchten Crew meiner Voranhen – ein trauriger Typ, gewiss, der sein Greisentum in Paris verbrachte. Den Papierkram über ihn, das ganze Zeug fand ich in der Schublade, bevor wir das Haus im Schimmeldorf verkauften – ach so, der Schimmeldoft ist ein Insiderwitz, genau, eine runtergekommene Gegend mitten im bürgerlichen Eppendorf. Meine Familie war schon gut begütert, das muss ich sagen, aber Krieg und Zeit und allerlei nahm vieles weg – ich, der Theologe, bin der letzte, ja wohl, und kümmere mich, wie man schön sagt, um die Kalkulation beim großen Laden, Mönckebergstraße.

Zwei Jahre hat mich die Recherche gekostet. Was nun übrig bleibt? Ich bleibe im Wohnzimmer sitzen und ja, etwas Kalkulation liegt auch auf dem Tisch, aber die kann warten, mein Gott, man muss auch was essen. Der Mond scheint zwar nicht, aber der Stinkkäse schmeckt herrlich und solange Musik dabei gespielt wird, ist mein Abend gerettet. Auf der Ruderich-CD steht die kantische Maxime: All rights of the producer and of the owner of the recorded work reserved. Unauthorized Copying, lending, hiring, public performance, diffusion and broadcasting of this recording prohibited. Drauf singt die CD: „Höre, Israel, höre des

Herrn Stimme.“ Und der Herr sprach: „Das Menü für kleine Mäuse! Pibo-Menü: Eine Grundpizza, 20 cm plus capri-sonne & Überraschung! 4,55 €, Einfach zwei Beläge aus der ersten Preiskategorie (ein Punkt) aussuchen, denn sie sind inklusive. Alle anderen Beläge siehe jeweiligen Small-Belagpreis auf den Innenseiten. Kleinteile sind nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet.“

Ach, meine Damen, aus meinem Buch wird nichts, aber zum Glück gibt es noch Bäume. Ein Fenster leuchtet. Es war Ruderichs Idee – wessen, wer sonst? –, die Lesung zu organisieren. Bei mir! So eine Unverschämtheit kommt selten vor, ich erfuhr davon erst zwei Tage vorher. Acht Leute, zehn? Die saßen bei Kerzenlicht wie sonst immer bei mir. Das Projekt war im Grunde schon passé, ich hatte bereits mit dem Schumann-Zeug angefangen, aber die Nachbarschaft hing noch sehr an der chose – da stand ich also und musste vorlesen:


»Vor dem Fenster zur leeren Straße wirkt er ernst, obwohl das Fenster den Augen nur dient. Das ist vielleicht der Grund, warum man in jener Zeit der Neuigkeiten kein Wort aus seinem Munde vernahm. Zwei Herren kommen nacht-umhüllt die Straße herauf. Der Greis beobachtet sie – erkennt sie; den Brief mit deutschem Stempel in der Hand.

Die zwei Herren rufen, hören aber nichts. Sie gehen durch die Türe hinein. Sie sehen, was sie sehen. Und sie weigern sich zu sein. Doch die Gedanken, die vielen, zur gleichen Zeit, behelligen, und die Pflicht ermahnt, hält sie auf:

„Die Antwort aus Berlin... Nirgends in Preußen zu finden. Wahrscheinlich bei Sedan gefallen. Courage! Dieser Herr,“ und sie zeigen den Namen auf einer Visitenkarte, „kann Sie zu seinem Grab begleiten. Die Adresse – hier.“ Und sie gingen von dannen.

Stille.

Der Greis dachte, dachte, dachte vielleicht. Es fing an zu regnen. Er schloss das Fenster zu und setzte sich ans Klavier. Er versuchte zu spielen und schlummerte. Überall war sein Bett, seit der Sohn gegangen war – überall.

Ja, der Morgen kehrte wieder, und Soldaten marschierten durch die Straße. Immer dasselbe, und tief im Gedanken Erinnerung: Mein Sohn war einer von denen.

Den Brief nahm er vom Tisch auf und steckte ihn in die Hosentasche.

Er begab sich auf die Rue de Sevres und alles ging schnell. Ein Klopfen an der Türe. Der andere wusste, wen er sah und warum. Sie berieten über Zugverbindungen. Am Nachmittage stiegen sie ein. Und die Landschaften des Weges erinnerten ihn, den Greisen, an dies und jenes. Er ward seines Lebens gewahr.«


Applaus? Als ob der Himmel auf dem Bett liege, im Traum: Seite 13 – Präposition Artikel-Substantiv-Substantiv Verb Artikel-Adjektiv-Substantiv Artikel-Substantiv Verb. Punkt. Substantiv Verb Präpositionalpronomen Adverb Substantiv Adjektiv-Substantiv Konjunktion Adjektiv-Substantiv. Vielleicht hat Kierkegaard recht: Bist du Adjektiv, wirst du es bereuen. Bist du Substantiv, wirst du es bereuen. Die Bibliothek war aber voller wissenschaftlicher Bücher, gewiss war meine Quelle aus dem 19.Jh. toll, und das Feuer war heiß und heizte das Wohnzimmer voller Gäste, die Lesung vor dem Tisch und dem Zettel: „Fr 09:30 bis 16:30.“ In der Zeitung aber stand der Tag und der Tag stand vor der Zeitung, außerhalb des Bildes, als

Robert Schumann in Sachsen lachte. Was für ein Traum ist das? Schumanns Identität ist ein Rätsel, tief und höchst umstritten. In der Forschung wird seine literarische Bewandtheit mehrfach erwähnt, auch seine Syphilis, allerdings durch implizite, unzulängliche Andeutungen. Es ist umstritten, ob er Jean-Paul wirklich so gut paraphrasieren konnte. Vielleicht war er ein romantischer Terrorist, der den neuen Karneval beginnt. Gerüchtgemäß sprach er mit Geistern und musikalschen Phantomen – Geheimdiensten. Spekuliert wird auch, dass er einen lebendigen Vogel und eine Bombe verschluckte. Allerlei Geschichten gibt es über ihn, aber nicht erstaulicher als meine Entdeckung über den Herzog von Lingen. Ich werde noch dazu kommen. Meine Lesung ging weiter:


»Nachdem beide ausgestiegen waren, schritten sie in die Richtung des Feldes. Da erkannten sie, ganz im Grünen, den Zaun. Auf der Wiese etliche Kreuze: „Ihr Sohn...“ zeigte der Bote. Der Greis setzte sich an die Wurzel eines Baumes und betrachtete seine Umgebung. Die Dämmerung. Der Duft aus der Ferne vermochte nicht zu sagen, warum die Augen schweigen.

Die ersten Sterne leuchteten. Der Greis, es schien, wandte sich an einen und unterhielt sich mit ihm, ja, aber er war nicht von Sinnen. Er hatte nur lange gelebt. Und er gab dem Stern einen Namen, erzählte ihm sein Leben. Die Zeit in Bonn. Paris. Er sprach über Wien und Enttäuschungen, erwähnte London, die Musik, seine Werke. Das Haus und den Tod. Er schlief nicht. Erst in der Nacht berührte der Bote seine Schulter. Sie stiegen am Morgen in den Zug ein. Der Greis sah die Welt durch das Fenster. Und es war unglaublich, was er beobachtete.

Bei der Ankunft war es wieder Abend. Der Greis ging zu Fuß nach Hause – das einsame Schreiten, das ihm zum Herrn über die Nacht machte, wie einst ein junger Mann den Tag beherrschte, den Tag, der nun kein Tag mehr ist.«


Weiter träumen? Ich weiß nicht, ob der Tag sich beherrschen lässt. Siehe, da stirbt ein gewisser Yan Lu in Shanghai, der aus den Tagen Zeitung machte. Vorsicht! Kommt die Polizei? Ach was, da kommt nichts, lasst uns über Yan Lu sprechen. Er hatte eine ganz außerordentliche Geschichte, denn er wurde geboren, lebte und starb. Und hatte Glück dabei. James Wester aber, sein Freund aus New York, ein Mann ohne jeglichen Geschmack, der unerhört kifft und lacht, sieht Yan Lu als einen Schmetterling, eine unveröffentlichte Figur aus Schumanns Karneval, eine Blume, die Schmetterlinge frisst. Ist es nicht erstaunlich, dass so ein cooler Typ starb? Nicht den Schumann, den irrelevanten Yan Lu meine ich, der die Tage nicht beherrschte. Nun schlägt er im Himmel das Notenheft auf: b-c-b-c-b-c-b-c-b-ces-des-ces-des-c-d-c-d-c-d-c-d-c-d-c. Das war aber kein Schumann, das war Debussy, nicht wahr? Es spielt keine Rolle: Für die quantitative Soziologie ist es statistisch relevant zu wissen, dass auch Debussy gehört wird. O je, die Geschichte meines Greises hört sich so verwirrend an. Soll ich lieber zum Herzog von Lingen kommen? Es werden jede Menge Behauptungen über ihn, die Relativitätstheorie, die krassen Theaterstücke und die deutsche Politik aufgestellt, aber soll man all das wirklich glauben?

Ich entdeckte den Herzog von Lingen, als ich im alten Haus nach Papieren suchte, nach Schumann, denn der Greis kannte ihn, der Schriftverkehr ist durchaus erhalten – so glaubte mindestens mein Opa vor zwanzig Jahren. Im Keller aber warteten die Aufzeichnungen des Dr. Streusen auf mich. Dieser deutsche Diplomat, ein Vertrauter meines Opas, dieser Mensch aus Wahn und Imagination, von dem ich nur die Signatur kenne, enthüllte mir die Natur des – soll ich sagen: Bösen? – Die Schweigenden mögen für sich selbst urteilen. Ich setzte aber die Lesung fort an der Stelle, wo ich aufgehört hatte, an der Straße, denn das größte Schweigen, das mir je begegnete, war der musizierende Greis:


»Man erholt sich aber von allem, und Mademoiselle brachte Gemüse. Eine Base begleitete sie. Und der Greis erlaubte Musik und sie sangen und tanzten so melodisch, dass der Greis aufstand und vom Fenster hinaus auf die tote Straße blickte. Und er wünschte, das Leben wäre solch ein ewiger Tanz. Doch die Musik verstummte, und er fand sie schön, da sie zu Ende ging.

Tagelang unterhielten sie sich. Die Base grüßte am Vorbeigehen. Dann verschwanden sie.

Eines Nachts sehnte sich der Greis nach seinem Sterne. Er spielte seine Musik und seine Musik war ein Fluss. Ein Herz. Da träumte ihm wie seit langem keinem mehr träumte. Eine seiner schrecklichen Aufführungen. Der Tag, es schien, war gar kein Tag, als er erwachte. Nur Wind, und an gestern Erinnerung. Ihm fehlte, glaubte er, etwas. Er hatte wenig – eine Klaviersonate vielleicht und dürftige Klänge durch die Zeit verstreut. Ihm störte nichts, denn er wirkte nicht mehr. Nur das neue Ding, die plötzlichen Gedanken, die ihm vor dem Klavier plagten, wollte er kurz, aber nur ganz kurz, ins Notenheft eintragen. Sein Heft fand er nicht mehr. Er fand ein Stückchen Brotpapier.

Nur wenig Arbeit, nur ein paar Tage. Das Ende. Der kalte Nachmittag gab ihm die nötige Inspiration, ja, ein weiterer, kalter Nachmittag, aber so lebte er, was kann man machen? Jene, die lange lebten, sind komisch. Sie wollen ein ganzes Leben wiedergutmachen. Die Bäume. Und er schrieb weiter seine Noten, das hässliche Gesicht mit Sternen sprechend, unberührt.

Mademoiselle brachte Gemüse, und der Greis berührte sie. „Wie schön...“, sagte sie, „die Musik ist wirklich – ist wirklich...“ Sie sahen sich an – und die junge Frau verabschiedete sich. Und es wurde Nacht.«


Aber dieser Mensch ist zu belanglos, vergessen wir ihn, lasst uns lieber an Schumann denken. Als Ruderich von meiner „Schumann-Biographie“ hörte – Anführungszeichen: so nannte er das Projekt, nicht ich – lachte er wieder wie blöd: „Wusst' ich doch, den haste als Kind immer geliebt!“ Er meinte das Haus im schwedischen Wald, wo meine Familie um 1940 Liederabende veranstaltete. Schweden ist schön. In Schweden kann man alle Verbrechen vergessen. Wie denn nicht? Wie konnte der Führer jenem glücklichen Kreis auffallen? Ein Mensch, der sich anscheinend nur um die gesunden Werte Deutschlands kümmerte, kann kein Verbrecher sein. Ich erinnerte mich tatsächlich an dieses Sommerhaus, das ich öfters als Kind betrat, an die bedrückende Naivität, die der Garten, die Wände ausstrahlten. Dieses versteckte Schweden erschien mir als ein Land vom Traum, ein Taumel, das selbst in den Jahren des Deutschen Herbstes, in meiner Kindheit noch eine Würde, einen latenten Stolz aus dem 19. Jh. in sich trug, einen Kern, den kein Krieg erschüttert hatte. Sonntags buk die Oma Kuchen. Im Wohnzimmer, das weiß ich noch genau, und wie! spielte man mir zum ersten Mal die Schauplatte von Schumann – die Fantasie in C-Dur, die ich fast jeden Tag hörte, als ob ich das tiefste Geheimnis entdeckt hätte. Ich weinte dabei und ich tanzte.

„Nach der Oper“, schrieb Dr. Streusen (der erste Satz, den ich im kalten Keller las), „unterhielten sich Karl Siegmund Herzog von Lingen, ehemaliger Staatsrat, und der ältere Theodulf Streusen, mein Vater. Wir verließen das Musikhaus, eine Schattengestalt hinter uns, und besprachen die Einzelheiten der Aufführung, die wir gehört und genossen – dies letzte Partizip gilt insbesondere dem Herzog – hatten: Wagners Götterdämmerung. Auf dem Weg zum Hotel durch die dunkle Straße – man wird mir verzeihen, dass ich den Namen vergessen habe –, sprachen sie über das Ende der Zeiten.“ Er meinte den Krieg.

Bloß nicht applaudieren, dachte ich mir, mein Buch ist es nicht wert. Ich musste lachen: Am Anfang war das Wort und das Wort wurde Welt und die Welt wurde Wert. Und der Wert wurde Würde, sodass der Yan Lu meines Traumes (mit Genitiv-E), von der Zensur ermordet, noch leben sollte. Doch die Würde wurde Wurst. Nein, mein lieber, die Wurst gehört den Würmern. Die Gäste meiner Lesung gingen. Ohne Kerzen. Nur Ruderich versuchte, mich zu trösten.

Aber Ruderich ist ein Pessimist. Er erwartet nichts mehr von den Menschen – außer Geld. Sein Leben nennt er freilich spirituell. Gestern sagte er mir in der Ecke von der Eppendorfer Landstraße zum Eppendorfer Baum etwas wie: „Der spirituelle Sinn des Lebens ist, dass wir Menschen alle vergänglich sind. Nur unser Geld bleibt.“ Da weinte der Mann sogar. Dann ging er zum Kloster, dann ging er zum Puff und laberte weiter: „Man spricht von Strukturen, die man nicht sieht, von Politik und Gesellschaft und Wirtschaft. Ich habe sie gesucht aber nicht gefunden, und die wollen mir vormachen, dass ich doof bin!“

Vier Fenster leuchten jetzt und ich bleibe sitzen vor toten Kerzen. Fest steht nur, dass jede intelligente Wirkung eine intelligente Ursache hat. Wenn der Tisch sich allein nach links bewegt, dann stehe ich vor einer intelligenten Wirkung, deren intelligente Ursache in einem verborgenen Geist liegt, der mich politisieren will, aber kein Phantom fliegt um Europa. Der Tag ist einfach und, ich muss wieder lachen, der Tag ist einfach schwer. Wie denn nicht? Es gibt durchaus Menschen wie Astrid, die Sekretärin, die Oberterroristin aus der Mönckebergstraße. Drei wurden schon entlassen, seit die Intrige begann. Jetzt hat sie ein Auge auf die Kalkulation geworfen. Ich bin dran, gewiss, nach zwölf Jahren bin ich dran. Meine Arbeit schaffte Wert und

Wurst. Mein Koffer voller Pein ist Schwarz-Rot-Grün-Gelb-Schwarz, der Himmel farblos. Ruderich spricht von Kausalzusammenhängen. Wenn der Himmel farblos ist, dann schmeckt mir z.B. mein Käse. Und in meinem Wohnzimmer hält Bellinis verblasste Madonna das Kind, als ob sie mit den Brüdern sänge:


In einem Tal, bei armen Hirten,
erschien mit jedem jungen Jahr,
sobald die ersten Lerchen schwirrten,
ein Mädchen, schön und wunderbar.


Danke, Schiller, für deine Spende an Haiti! Auf meinem Tische liegt noch dein dichterisches E, diesmal im Dativ, und CD auf CD, und Buch auf Buch, und Chaos auf Chaos. Währenddessen muss ich gähnen – es sollte ja mein Abend sein! –, ohne die Hand auf den Mund zu legen, und ein schönes junges Mädchen wird mit acht Kugeln in Kabul erschossen. Traditionen stehen unter schwerem Mordverdacht.

„Ach, Sie haben Recht, Herr Doktor,“ nickte der Herzog, dessen Leben sich mir im dunklen Keller enträtselte, „ich kümmere mich sowieso nicht mehr um die Politik! Aber alles wäre anders gewesen, wenn ich einmal regiert hätte. Sie lachen, aber es fehlte nicht viel dafür. Ich bin beinah an die Macht gekommen.“

Der liebe Kaiser sollte abdanken, nicht wahr? Natürlich sollte er, aber man wollte dafür sorgen, dass... – was heißt man? Ein paar Adlige wollten den guten Herzog an der Macht sehen, weil er gute Sprüche hatte. In die Richtung ging Dr. Streusen.

Lingen spielte den Blöden: „Ich kann nicht alles darüber erzählen, Staatsgeheimnis. Meine Aufgabe hätte darin bestanden, als Präsident des Kabinetts eine Übergangsregierung zu leiten, bis die Krise überwunden wäre und der Kronprinz den Thron besteigen könnte. Bis dahin sollte ein neuer Deutscher Bund die Einigung der Länder erhalten.“

Das klang ja famos, dachte ich mir, aber es kam nicht dazu. Hindenburg mischte sich anscheinend ein und der Herzog war super, super sauer – na klar, was hat die Republik seinem Titel zu bieten? Mensch, ich werde langsam Historiker!

Mein Leben aber wartet auf mich. So starb Robert Schumann in seinem Frankfurter Bunker, im Keller, während Clara – ich schreibe es ungern – mit Johannes Brahms im Treppenhaus spielte. Natürlich empört mich der Gedanke! So eine Unverschämtheit gab es im 19. Jh. bestimmt nicht, ich muss mich berichtigen, das ist grotesk: Das ist sicherlich nicht erhaben. Bloß – der Robert Schumann wird sich seine Syphilis auch von irgend einer – verzeihe: Fickrerei – zugezogen haben. Ich brauchte frische Luft, doch die rote Ampel stoppte meine Schritte. An gewisse Dinge soll man nicht denken, wissen wir schon. Ich konnte mir aber nicht verbieten, diesen Sachverhalt für skandalös zu erklären. Ich überquerte die Straße bei grünem Licht, erröttend aber, als ob ich selbst Robert Schumann wäre, der Entmystifizierte, der Sex-Romantiker. Kann ein ordinärer Mensch, der sich so populär benimmt, ein tiefes Werk erschaffen? Die Diskrepanz war offensichtlich. Ich machte meinen gewohnten Umweg durch den Eppendorfer Park, den nächtlichen Spaziergang, und starrte tief in den Schnee. Wo ist das Erhabene?

Hier, im Traum, im Reich der Epik und der kantischen Maximen, in der geheimen Fortsetzung des Karnevals, dem zweiten Kreisleriana-Zyklus, nie veröffentlicht und doch nie vergessen. Die Figuren stellen sich vor. Gestatten Sie:

I. Ein grau grausames Auto floss aus den Wolken und tanzte weinend die Melodie des Schönen durch die Blumen des Blutes auf den blauen, laut lachenden Bäumen von Baden in der Badewanne eines jungen, blinden Pferdes mit zwei Mäulern und ein Steuer auf der gehakten Hand.

II. Der Präsident von Mexiko hatte einen Orgasmus, als er erfuhr, dass man heute 100 g italienische Mortadela für weniger als zwei Euro erhalten kann.

III. Als die Glocke läutete, ging Grätchen, die amerikanische Präsidentin, in ihren Garten, den Goethe nicht betrat, und hielt eine Blume in der Hand. Diplomatie ist romantisch. Da dachte sie ihres Helden aus Afghanistan, ob er sie liebe, und kurz bevor der Verteidigungsminister sie erwischte, sprach sie noch unentschieden, der Blume Blätter nehmend: „Liebt er Wort, liebt er Feuer, liebt er Wort, liebt er Feuer, liebt er Wort, liebt er Feuer, liebt er Wort... Er liebt Feuer!“

IV. Da zündete der japanische Premierminister eine Zigarette an und hustete ungebührlich.

V. Ruderich aber spielte Karten mit sich selbst vor dem Altar seiner Kirche. Die schönen Worte, die am heutigen Tage in der Welt ausgesprochen wurden, stehen immer noch auf Weihnachtskarten.

VI. In Hamburg gibt es einen Tierpark, wo ein Affe schön pupst. Das ist nicht schön zu sagen, nein. Das Blaue aber, das ist auch sehr wichtig.

VII. François hatte gestern einen Traum und wollte die Welt ab heute schön gestalten. Er lebt in Paris wie der Greis meines Romans. Er liebt die Gerechtigkeit und hört aus dem Oratorium: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn. Er wird dich versorgen. Und er wird den Gerechten nicht ewiglich in Unruhe lassen. Denn seine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und keiner wird zu Schanden, der seiner harret.“

VIII. Um 1943 begann aber die Endlösung. They put things right: Grätchen lief mit Wohlwollen im Garten. Und James Wester lachte ohne Bosheit. Und Yan Lu starb eines friedlichen Todes. Und Ruderich half seinen Mitmenschen. Und Mortadella wurde billiger. Und der japanische Premierminister gab das Rauchen auf. Und das schöne Mädchen aus Afghanistan lebte noch lange Jahre. Und das Wort wurde Würde. Da Boom! Da flog durch die Wüsten ein lohendes Ding und zerbombte die Welt, und Feuer, und Kugel, und Waffen, und Tränen, und Kummer, und Leiden, und Leichen, und Menschen, und Monster, und Worte und Werte flogen blutend auseinander, als der Tag zu Ende ging. Und die Nacht wird lang sein.

IX. Vergeltung kommt: Langsam schleicht eine giftige Schlange gigantisch durch die Stadt und erwischt den Busfahrer, den armen, der gerade nach Hause fuhr. Und der japanische Premierminister zündet wieder eine Zigarette an.

Die Gäste möchten lieber, dass ich mit der Lesung fortfahre? Natürlich, ich Dämlicher hatte fast vergessen, dass sie später noch zur Disko im Hamburger Berg wollen. Dorthin kommt ein junger Computerfachmann, der sich tagelang Pornobilder im Internet anschaute, cooler Typ. Und François googelt weiter, seht, wie graziös, um den Sinn des schönen Gartens zu finden.

Nur noch eine Figur: Ein Bürger von London vertritt die Theorie, dass die Menschen virtuell programmierte Akteure eines Pornofilmes ohne Sex sind.

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Gut, die allerletzte Figur, versprochen: Als Kierkegaard 1834 beichtete, stand ein Gitter zwischen ihm und dem Priester. Aber Hamlet ist nun tot. Der Rest bleibt Stille. Nun lasst uns zusammen lachen wie der Lacher von New York, Brüder: The world is waiting just for you! Die Zukunft gehört uns. Das schöne junge Mädchen mit acht Kugeln lacht auch. Lasst uns ihr eine SMS schicken, ein kostenloses Angebot von Simyo! Da schleicht eine giftige Schlange die Straße hindurch und sie frisst alle Emails von Goethe an Schiller. Und da flog ein schwarzer Vogel, der verzweifelt sang, und sprach: Luxuriöse Eigentumswohnungen mit direktem Elbblick, bodentiefe Fenster, großzügige Raumkonzepte, Wohnfläche von circa 73 qm bis circa 336 qm, 2 bis 5 Zimmer, ID-Nr. 1203933, KP auf Anfrage. Da jagte ihn plötzlich der Stadtjäger und fragte nach seiner Fahrkarte.

Coda: Im Kino küsste Ruderich seine Ex-zukünftige-Freundin, die ihn liebte. Sie wussten nur eines: In Rio de Janeiro erschossen zu werden ist der schönste Tod der Welt. Aber es muss doch eine Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt in den wissenschaftlichen Erzählungen bestehen. Jede Geschichte z.B. wird von mehreren erzählt, von Schönberg und Chopin. Ich höre nun Schönberg, obwohl Chopin mir besser gefällt. Als ich Internet zu Hause hatte, gefielen mir am meisten die coolen YouTube-Videos, echt cool! –

Das ist, soweit ich sie vom Traum in den Tag übersetzen kann, die Weisheit der zweiten, geheimen Kreisleriana. Ich muss mich furchtbar entschuldigen, dass ich meine Leser so lange vom klassischen Fluss meiner Erzählung ablenkte. Wenn er oder sie mir die Güte der Geduld erweist, wird er oder sie bald verstehen, dass wir uns doch mitten im Leben meines greisen Musikanten befinden, gerade im 19. Jh., im Wahn der stillen Gedanken, die im Kopfe jenes Menschen kreisten, auch wenn er zu seiner Zeit kein YouTube-account hatte. Wie? Hat man schon die Stelle meiner Lesung vergessen, wo ich kategorisch vorlas, dass der Mann die Welt durch das Fenster sah und dass es unglaublich war, was es beobachtete? Mein lieber, ich sage es dir, es war kein Dornröschen, was er sah. Die Landschaft aus dem Fenster war keine vernünftige Handlung mit klarem Anfang. Das Reale ist, so sagte ich auch dem Ruderich, die Unterbrechung der Handlung, denn man stirbt nicht am Ende. Man stirbt plötzlich. So auch Schumann, auch der Greis und die ganzen Phantome meines, seines Traumes, der im Grunde nur Tag ist.

„Meine ersten Lehrer“, fuhr aber der Herzog fort, „lehrten mich die Weltsprachen. Die vielen Arten des Deutschen galt es zu beherrschen und ich beherrschte sie. Französisch lernte ich und Englisch und auch die klassischen Sprachen. Das Griechische begeisterte mich. Selbstverständlich beherrschte ich in weniger Zeit Italienisch und Spanisch, Dänisch und Schwedisch, Niederländisch. Das Russische blieb nicht unvergessen. Auch die Sprachen zweitrangiger Völker habe ich erforscht.“

Zweitrangig nannte dieser Mann eine Menge Leute aus aller Welt, und das meinte er auch, der ehrliche Mann. Die deutschen Kolonien könnten England und Frankreich ruhig behalten; die Vermenschlischung der Wilden, die grobe Arbeit passte ja zu ihnen. Deutschland sollte sich dann, erst später, wenn die grobe Arbeit getan wäre, um die Veredelung des Geistes kümmern – so weit seine etno-anthropologische Auffassung. Welch ein Unterschied zu meinem musichen Greis in Paris! Der Herzog prahlte über Männer aus dem Kreise Bismarcks, die ihn reiten und fechten lehrten, die Lehrer der Chemie, der Physik, der Mathematik. Bismarck soll seinem Vater gesagt haben, dass die Welt über ihn sprechen werde. Aber ich muss gerecht zu ihm sein. Er liebte auch das Klavier, er machte gern seine achtstimmigen Kontrapunktübungen, er wäre meinem einsamen Vorfahren vielleicht nicht ganz fremd. Und dennoch lernte er Wagner kennen, nicht Schumann. Malerei, Literatur, Rhetorik, Theologie, all das bereicherte seine jugendliche Bildung, während mein sterbender Greis zur gleichen Zeit mit Sternen sprach. Die Aufzählung wollte kein Ende nehmen:

„Mein Vater bestellte Professoren der Rechtwissenschaften zu seinem Haus, als ich erst neun war! Die Nationalökonomie, die Staats- und Kriegswissenschaften, die Philosophie habe ich tief erforscht. Mit fünfzehn ging ich nach Heildelberg.“ Er studierte alle Fächer, alle, und mit fünfundzwanzig war er in der Position eines Gelehrten, den jeder Humanist, jeder Universalgelehrter des 17. Jh. beneidet hätte.

Was mich betrifft, ich erwartete keine Antwort vom Wiener Verlag. Was sonst? Ein Mensch, der mit dem helter skelter seiner Kalkulationen so beschäftigt ist, wird nie Schriftsteller werden. Nicht einmal der Herzog schaffte es. Würde es sich lohnen, über sein Leben zu schreiben? Der ist adlig, so was liest man gern, das lässt sich vermarkten. Aber jemand unterbrach meine Gedanken und fragte, ob ich etwa den Müll auf den Weg geworfen hätte. Der Mülleimer war nur zwei Meter entfernt. Ich antwortete:

„Ich nicht! Sie, vielleicht?“

„Wie? Ich war gar nicht hier. Das müssen Sie doch gewesen sein!“

Ich stand aber auf und ließ mir nichts gefallen:

„Wie kommen Sie darauf, mich mit Dreck gleichzusetzen?“

„Schreien Sie mich nicht an, ich habe nur gefragt...“

Aber die Art und Weise, und der Umstand, und der Schnee, und meine innere Lage und Robert Schumann. Ich konnte es nicht akzeptieren, dass dieses Gespräch überhaupt stattfand. Ich erwiderte:

„Das könnte jeder gewesen sein. Woher haben Sie die Autorität, mir diese Frage zu stellen? Kennen Sie mich?“

Eine leuchtende Wut kam in den Augen meines Ansprechpartners zu Tage und er beharrte dabei mit viel Platonismus:

„Ich muss Sie nicht kennen!“

Sollte ich den Verstand verlieren? Was hätte Robert Schumann erwidert? Ich für meinen Teil sagte nur:

„Ich lasse mich nur von der Polizei zurecht weisen! Warum belästigen Sie mich? Wer sind Sie, wie heißen Sie? Ich will Ihren Namen wissen!“

Die Mann erschrak und verschwand im Schatten.

Scheißleute.

So einer könnte mein Leser sein, wer weiß? Nein, so einer will nichts von meinem Greise, nichts von Schumann wissen, am liebsten nur von herzoglicher Pracht. Der gelehrte Herzog aber seufzte: „Wie sehr zögerte Seine Majestät, sich für meine Beratung zu entscheiden. Mein armer Vater konnte meinen Ruhm nicht sehen, wenn ich mein Leben erfolgreich nennen darf. Erst 1909 bat mich Wilhelm II. zu sich. Als Geheimrat war ich bei den Kreisen, die mich wirklich kannten, ein respektierter Mann. Auf den Kaiser selbst hatte ich kaum Einfluss. Ach, vergessen wir es. Wo war ich? Was wollte ich sagen? Ach ja, ich hätte den Kaiser keinesfalls ausgeliefert. Ich hätte die Übergabe der Regierung an den Kronprinzen verzögert, ja! aber nur, um seine Position zu stärken. All das ist Traum, all das ist nicht wirklich geschehen und wird nicht wieder möglich sein. Ich habe nichts erreicht von dem, wozu ich geboren und erzogen wurde. Erfolg sollte nur Hitler haben.“

Mein Brief an den Wiener Verlag wurde sicher missverstanden, nicht umsonst wiederholt eine ganze Insel jenseits der Nordsee, dass die Deutschen keinen Humor haben (und damit meinen sie bestimmt auch die Österreicher, aber ganz gewiss!), aber wozu Publikationen, wozu Ruhm? Mein Musiker ist einsam gestorben. Von seiner Sonate weiß der Geier, bestimmt im Krieg verbrannt, oder von Mademoiselle entsorgt. Und 1919 wurde sein Pariser Grab nach Jahrzehnten geschändet, denn was war er? O je, er war dort ein Deutscher, ein Fremder zu Hause. Er war vor allem toll, äußerst toll. Wie denn nicht? Ein Mensch, der mit Sternen spricht, kann nur verrückt sein. Ich saß wieder im Wohnzimmen, ja, es sollte mein Abend sein, und wiederholte vor dem Publikum meiner selbst die ominöse Stelle:


»Die ersten Sterne leuchteten. Der Greis, es schien, wandte sich an einen und unterhielt sich mit ihm, ja, aber er war nicht von Sinnen. Er hatte nur lange gelebt. Und er gab dem Stern einen Namen, erzählte ihm sein Leben. Die Zeit in Bonn. Paris. Er sprach über Wien und Enttäuschungen, erwähnte London, die Musik, seine Werke. Das Haus und den Tod. Er schlief nicht. Erst in der Nacht berührte der Bote seine Schulter. Sie stiegen am Morgen in den Zug ein. Der Greis sah die Welt durch das Fenster. Und es war unglaublich, was er beobachtete.

Bei der Ankunft war es wieder Abend. Der Greis ging zu Fuß nach Hause – das einsame Schreiten, das ihm zum Herrn über die Nacht machte, wie einst ein junger Mann den Tag beherrschte, den Tag, der nun kein Tag mehr ist.«


Ich könnte die Skizze noch viel verschönern, Wiederholungen streichen und – egal, verstehen wird mich niemand und es ist gut so. Nicht jeder muss verstanden werden, braucht auch nicht, die Kalkulation an der Mönckebergstraße, die mich ernährt, die Auseinandersetzung mit Astrid, deren Emails immer mit :-) enden, kommt auch ohne Poesie zustande. Poesie? Astrid wollte mich feuern, obwohl ich sie – ich schweige lieber und zünde die Kerzen wieder an, um zwei oder drei Jugendgedichte zu suchen. Es gab eine Zeit, da ich für daktylische Hexameter, oder wie auch immer sie heißen, schwärmte. Sollte nun die wahre Lesung beginnen? Ich blätterte um und trug mir selbst eine Stelle meines jokosen „Ewige Liebe“ vor:


Ich warte, Muse, auf dich und koche schon die Tomaten
Für später, wenn wir ganz geil vom Fitness-Studio abhauen.


Ruderich, dem Schwein, habe ich das vollständige Gedicht, ein Tausendzeiler, vor sieben Jahren schon gegeben, er wird nie fertig und soll nie fertig werden. Am besten lege ich das Heft bei Seite. Das ist sie, genau sie, die Sonate meines greisen Musikers. Das Los ist bitter, nicht wahr? Ach, ich will nicht darüber nachdenken, wieso bin ich so negativ? Ich muss mich nur zusammenreißen und diesen verdammten Keller gründlich durchsuchen, die Schumann-Briefe müssen dort sein! Das wusste schon Opa vor zwanzig Jahren, früher noch. Er las sie bei Liederabenden im schwedischen Haus vor, während Deutschland unterging. Aber dieser Bericht von Dr. Streusen, wer auch immer das war und woher auch immer mein Opa ihn kannte, diese herzogliche Geschichte ist pure Langweile, das muss aufhören, ich möchte das Zeug nicht mehr lesen, es ist mir einerlei, was dieser Herzog tat. Dr. Streusen aber fragte:

„Warum widmen Sie sich nicht einer der Wissenschaften oder Künste, die Ihre Jugend beschäftigten?“

„Ich schreibe Essays,“ antwortete der ehrwürdige Greis. „Ich suche vergeblich nach einer Antwort auf die Frage, woran mein Leben gescheitert ist.“

Die bitteren Worte fielen auf den Beamten wie ein Blitz. Ein unbekanntes Mitleid beschlich uns. STREUSEN: Ihr Leben ist nicht gescheitert, Herr von Lingen. Sie sind zu einem der gelehrtesten Menschen Ihrer Zeit geworden. Man kann sich über alles mit Ihnen unter–

HERZOG VON LINGEN: Wie beneide ich Alexander! Er konnte alles sein, was er sein wollte. Eine deutsche Seele hatte er, meine Herren, wahrhaft deutsch. Aber wir, die wir weder Augustus noch Alexander sind, wir geschichtsunfähigen Menschen, warum erlauben wir uns das? Dieses Leben unser, besteht es nicht nur aus Träumen, die sich nicht verwirklichen, unmöglichen, erhabenen Bestrebungen, lächerlich zugleich? Warum ertragen wir das Ruhmlose? Dies frage ich nicht diejenigen, die am Sterben sagen: Ich bin der große, der die Welt unterjocht, Alexander. Sondern jene frage ich, die vor dem Tod nur sagen: Ich hab dem Bettler auf der Straße Brot gegeben, einmal hab ich ihm Brot gegeben. Diese, die seit immer dazu verdammt waren, nichts zu sein, die unvollständigen Menschen frage ich, die vor dem Tode jammern: Ach, wenn ich dies und jenes hätte machen können! Wozu bilden sich jene, die weder Kaiser noch Könige werden, und sich samt ihrem Wissen dem Ekel unterwerfen, dem Markt und der peinlichen Arbeit, in denen Gelehrte und Tolle denselben Platz einnehmen und die Welt beliebig ist?

STREUSEN: Vielleicht ist Glück wahrhaftig ruhmlos.

HERZOG VON LINGEN: Sie werden mit ihrer Bescheidenheit sterben. Augustus lebt!

STREUSEN: Nicht alle Menschen können ruhmvoll sein. Doch alle können Menschen sein.

HERZOG VON LINGEN: Dem Schwachen mag dieser Spruch genügen. Ruhmloses Leben ist nicht sinnlos. Wir brauchen Bauern! Doch für jeden, der kein Alexander sein kann, ist das Leben Demütigung! Ich habe es nicht gewollt, doch anders ist die Welt nicht. Wir sind Opfer unserer Grenzen und all dessen, was uns von Augustus trennt, uns daran hindert, vollständige Menschen zu sein. Und sind wir nützlich, dann nur so, wie der Bauer dem Herzog, dem Reiter das Pferd. Nicht diese ist die Nützlichkeit, die mir gebührt! Es ist edel, des Bettlers tiefem Leide zu helfen, aber nicht nur daraus besteht vollständiges Menschsein.

STREUSEN: Anscheinend gehen Sie davon aus, dass ein jeder sein Leben berühmt erkennen will. Doch einige haben andere Träume. Ob Alexander selbst sein Leben nützlich fand? Augustus ist tot! Von seinem Ruhm erfährt er selber nichts mehr. Was bringt ihm das?

HERZOG VON LINGEN: Sicher fand Caesar sein Leben nützlich, weil er den Unterschied zwischen Veni-vidi-vici und dem bloßen Pöbel kannte. Von welchen Träumen sprechen Sie, Herr Doktor? Sie meinen die Träume der Bescheidenen, die Träume der Schwachen, die auch Schweine erfüllen können. Ihre Einstellung ist eine Frucht der Erziehung, die dem niedrigen Stande nötig ist. Die Schwachen müssen in der Tat lernen, bescheiden zu sein, und dies, wie Sie wissen, im Interesse des Reiches. Die Schwachen sind es, die die Bescheidenheit als Tugend tarnen müssen, um ihren Zustand von Verlassenheit in einer Welt zu rechtfertigen, in der die Unerfüllbarkeit der Bedürfnisse niemals zur Ruhe, sondern zur grenzenlosen Zerstörung führen sollte, wie es bei dem Starken der Fall ist, dem es nicht angemessen ist, sich zu beugen.

STREUSEN: Das ist unmenschlich, Herr von Lingen!

HERZOG VON LINGEN: Ich bin sehr menschlich, meine Herren. Ich verlange nicht viel! Der Wunsch nach Ruhm und Sieg ist angeboren. Fragen Sie die kleinen Knaben, was sie als erwachsen sein wollen, und keinen einzigen werden Sie finden, der behauptet: Ich will nur ein bescheidener Bauer, ein Arbeiter sein! Sondern alle werden sagen: Ich will wie Bismarck sein, oder Karl der Große, oder Marcus Aurelius! In der Tat kann Alexander nicht selber den Ruhm genießen, den er heute hat. Doch der Ruhm ist nicht nur die Befriedigung des eigenen Stolzes. Wir haben eine Geschichte, wir schulden all denen unseren Ruhm, die ihre Erwartungen auf uns stellten.

STREUSEN: Dieses Gespräch beginnt, mich zu empören!

HERZOG VON LINGEN: Mein Vater! Was hätte er nicht getan, um mich an der Lage eines gelungenen Herrschers zu sehen? Wir sind schuldig für ein Leben ohne Nutzen. Der Ruhm, von dem ich spreche, ist der Ruhm eines dem Augustus würdigen Lebens. Ich sage nicht, dass er diesen Ruhm verdiente. Die Geschichte gab ihm aber eine unsterbliche Erinnerung, und es sind ähnliche Erinnerungen, die das Gewissen eines Herzogs fragen: Was hast du, Herzog, getan? Wer bist du, um dir ein bescheidenes Leben zu erlauben, der Suche nach endlosem Ruhm zu entsagen?

STREUSEN: Halt, Herr Staatsrat! Man kann Sie nicht so reden lassen! Erforschen Sie Ihren Ahnenstamm. Dies wird Sie lehren, wie viele Bescheidene, wie viele Schwachen und wie viele Nutzlose es gegeben haben muss, bevor Ihr Geschlecht von Stand zu Stand nobilitiert wurde, auf dass Sie hier den Ruhm besingen. Deren Erinnerung, Sie sind es! Sie schulden ihnen Respekt!

HERZOG VON LINGEN: So ist es, Herr Streusen, so ist es! Meine Familie hat Deutschland erschafft. Mein Vater war bei der Kaiserkrönung zu Versailles anwesend, dieser Sternstunde der Zivilisation. Der Mensch muss überwunden werden, Nietzsche kann sich nicht geirrt haben. Ich habe ihn persönlich kennen gelernt...

STREUSEN: Nietzsche hat Sie vergiftet, Herr Staatsrat!

HERZOG VON LINGEN: O nein, nicht vergiftet! Sie wissen nicht, wovon Sie reden. Sie haben weder das Alter noch den Adel für die Philosophie, Herr Streusen. Es ist unzulässig, was Sie mir vorwerfen. Ich muss mich verteidigen! Ich hätte an jeder Universität des Reiches lehren können, und doch habe ich mich geweigert, ich wollte der Menschheit Höheres geben! Nicht in der Müßigen Stätten wollte ich vergeuden mein Wissen. Professor kann jeder werden, der sich mehr als andere bildet. Ich aber, der nicht viel, sondern das Höchste an Wissen erlangte, das ein Kind meiner Zeit hat erreichen können, sollte ich mich an einer beliebigen Universität langweilen, während die Lenkung des Reiches mich erwartete?

STREUSEN: Warum denn nicht? Eine Universität hätte Ihnen –

HERZOG VON LINGEN: Unfug! Für den Kaiser habe ich mich gebildet. Es war nicht wenig, was ich ihm gab, und nur nicht mehr, weil Seine Majestät meine Dienste nicht haben richtig einschätzen können. Während schlechte Berater das Reich zugrunde richteten, versuchten nur wenige, ihn zum richtigen Weg wiederzubringen. Ach, ich kann es nicht vergessen, ich kann es nicht. Ich habe alles erreicht, was ein Mann meines Standes erreichen kann, und dennoch nichts habe ich erreicht. Ich hätte der Menschheit so viel mehr geben können, so viel, wenn der Kaiser mehr auf mich gehört hätte, mein Gott, so viel...

STREUSEN: Der Menscheit sollen Sie geben, was Sie eben haben, Herr Staatsrat, und nicht, was Sie haben wollen. Was Sie haben möchten, um es der Menschheit zu geben, erlangen Sie nur dadurch, dass Sie es von der Menschheit nehmen. Wollen Sie aber geben oder nehmen? Genommen haben Sie genug. Wie viel Wissen haben Sie erworben! Neben den Worten bedarf es der Werte.

HERZOG VON LINGEN: Was? Sie verurteilen mich zu Unrecht, denn ich habe nur meine Pflichten erfüllt! Wie viele Nächte verlor ich, an Deutschland denkend. Ich musste zusehen, wie alle das Reich verrieten, die ihm gedient hatten. Sie haben Hitler, ein Schurkenkind vom Lande unterstützt. Selbst der Kaiser hat ihm aus den Niederlanden gratuliert, als Paris in die Hände seiner Tollen fiel. Was bedeutet das, meine Herren? Was erwarten Sie von einem Mann von Stand und Bildung, der einst einen Kaiser beriet, wenn er seinen Herrn bei solcher Tat erwischt? Gescheitert ist das Leben, es gibt kein anderes Wort dafür. Ein Mann, der Bismarck verwirft, um Hindenburg zu preisen und Hitler zu gratulieren! Und ich? Warum hörte er kaum auf mich, der ich mein ganzes Lebens für sein Reich geopfert hatte? Ha! Wahrscheinlich konnte ich nicht gut genug segeln ... Nun, Herr Streusen, urteilen Sie selbst, wer gutes oder schlechtes Gewissen haben darf.

STREUSEN: Und wenn Hitler ein Herzog gewesen wäre, Herr Staatsrat, hätten Sie ihn dann beraten?

HERZOG VON LINGEN: Haben Sie ihn beraten? Sie schätzen mich sehr falsch ein. Ein Herzog hätte sich nie wie Hitler aufgeführt. Woher kommen seine Doktrinen? Hat ihn Bismarck dies gelehrt? Der Pöbel, Herr Doktor, der Pöbel, einmal an die Macht gekommen, vollbringt die Wunder des Unheils, in dem wir Deutschland jetzt sehen müssen. Aus dem neidischen Pöbel stammte seine Doktrin. –

Alle schwiegen. Ein schwarzes Auto fuhr langsam vorbei und verschwand hinter dem Schatten der Ecke. Für einen Augenblick schien der Weg dieses für immer verschwundenen Vehikels die einzige Sorge der Menschheit, dort, in meinen zwei Gefährten verkörpert, bis Herr Streusen gen Boden schaute und die Stille unterbrach:

„Ich verstehe. Dennoch ist nicht alles verloren. Sie können auch der neuen Republik Ihre Dienste erweisen, wenn der neue Staat entsteht. Die Besatzung wird zu Ende gehen.“

„Unmöglich!“ lehnte der Herzog entschieden ab. „Ich kenne das Unwesen der Parteien, die in der Republik um kein Haar besser sind als in der Monarchie. Wenn keine Instanzen walten, die der Korruption dieser Parteiungen Einhalt gebieten, sich ihnen überstellen wie damals der Kaiser oder selbst ich, wenn ich Regent geworden wäre, ist ernste Politik unmöglich. Sie haben mich zu Recht der Achtung erinnert, die ich den meinigen schulde. Wie kann ich mir erlauben, zu Wahlen anzutreten? Soll ich ertragen, dass ein Toller mehr Stimmen erhält als ich, weil er etwa ein schöneres Lächeln hat? Meine Herren, ich bin ein ernster Mensch und diese grauen Haare strahlen keine besondere Sympathie aus, um das gemeine Volk dazu zu bewegen, mich freiwillig zu wählen, wie einst unwissende Weiber Hindenburg ob seiner Frisur wählten. Nein nein, eine Republik kann keinen ernsten Staat bilden. Ich habe genug Platon gelesen, um mir dies anzutun. Aber es geht mir nicht gut, meine Herren. Wo ist denn dieses Hotel, um Himmels Willen? Wir kommen nie an!“

Schumann, wo bist du? Ich gehe vergeblich zu Konzerten und auch deine 4. Symphonie in der Musikhalle begeistert mich nicht mehr. Ich muss nur das Gesicht der barocken Geigenspielerin sehen und ich weiß sofort, worauf sie wirklich steht. Sie geht nach Hause und schaut sich Rambo an. Gut, warum denn nicht? Nur, ich verließ allzu oft den Saal und werde nicht bald zurückkehren – vielleicht eines Tages, ja, als Erik Stolborn, der größte Schumann-Forscher aller Zeiten. Das klingt bombastisch, nicht wahr? Aber das wird nicht geschehen, das wird bestimmt nicht geschehen. Vor kurzem habe ich dem Ruderich in der Kneipe gesagt: „Weißt Du, mein lieber – was ich überall sehe, sind entweder Widerholungen oder Widersprüche. Oder beide. Nirgends ist Deutlichkeit. Nirgends Sinn. Und dabei hieß es so schön bei der Partitur von der Fantasie in C-Dur: Durchaus fantastisch und leidenschaftlich vortragen!“

Ruderich lachte: „Bleib schön bei deiner Kalkulation, mignon!“ Habe ich schon gesagt, dass der Spaßvogel dreizehn Euro von jedem Teilnehmer meiner Lesung verlangte? Es gibt keine wahren Freundschaften, nein, es gibt – gemeinsame Interessen. Wie? Ich mache kein Drama daraus, wirklich nicht. Das habe ich schon gewusst, als ich mit sechs Jahren Monopoly in der Schule spielte. Die Schule bringt einem viel bei. Mit vierzehn habe ich geschrieben:


Stellt euch Monopoly vor, das Spiel,
Gespielt von sechs verlassenen Kindern.
Man sagte den Spielern, dass der Tod
Auf die Verlierer wartet, nur einer
Aber das Spielchen gewinnen wird.
Ich will nicht wissen, was diese Spieler
Um des Siegens willen sich erlauben,
Gegeneinander zu tun – ich schweige.
Nun denkt an diese Erde des Glückes
Und sagt mir den Unterschied zum Spiel.

Aber genug von Hausfrauenweisheit. Die Fantasie in C-Dur bereitet mir eine schulderfüllte Wonne, seit ich vom Irrweg des Schönen erfahren, von der Straße, in der die erhabene Lust sich in den nationalen Orgasmus entartete, der so viele das Leben kostete. Aber ist es nicht so, dass Thomas Mann sich ein bisschen irrte, dass man die Romantik freisprechen, nur ein bisschen freisprechen kann? Ruderich! Das harmlose Schifflein der Universalpoesie, mein lieber, das Schifflein im Sturm kann niemandem schaden, nein, das Schifflein meines greisen Musikanten, mein Gott, nein, es kann nicht mal eine kleine Ameise töten. Wer hat, ich frage mich, das Nationale zum Maßstab des Universalen erhoben?

Der Wiener Verlag meldete sich tatsächlich nicht. Zum zweiten Male starb der Greis und ich wiederholte mir die Worte seines Todes:


»Nur wenig Arbeit, nur ein paar Tage. Das Ende. Der kalte Nachmittag gab ihm die nötige Inspiration, ja, ein weiterer, kalter Nachmittag, aber so lebte er, was kann man machen? Jene, die lange lebten, sind komisch. Sie wollen ein ganzes Leben wiedergutmachen. Die Bäume. Und er schrieb weiter seine Noten, das hässliche Gesicht mit Sternen sprechend, unberührt.

Mademoiselle brachte Gemüse, und der Greis berührte sie. „Wie schön...“, sagte sie, „die Musik ist wirklich – ist wirklich...“ Sie sahen sich an – und die junge Frau verabschiedete sich. Und es wurde Nacht.«


Undankbar vergeht die Zeit. Bis die meisten sich erkennen, ist viel verloren. Jeder stille Schritt verriet uns diese Wahrheit, aber der Herzog war müde. Dieser Mann, so strahlend und abstoßend, auch er hätte glücklich sein können – vielleicht. Aber nicht daran wollten wir denken. Herr Streusen, die Bitterkeit der Stille erkennend, füllte sie wieder mit Wort:

„Sie haben Richard Wagner persönlich kennen gelernt. Das muss ein großes Erlebnis gewesen sein!“

„O ja,“ antwortete Lingen, „meine Eltern sahen ihn das erste Mal bei der Uraufführung von Tristan und Isolde. Vorgespielt habe ich ihm – Gott, 78 war das. Ich war ein Kind, und es war gestern. Er ermutigte mich, Musik zu studieren. Ja, vielleicht hätte ich es tun sollen. Wenn er wüsste, was aus mir, was aus Deutschland geworden ist. Wir sprachen nie über Politik, aber die Begeisterung, die Begeisterung!“

Der Herzog erinnerte sich an seine Kindheit, die wie meine Sommer in Schweden verlief. Er durfte den Saal nicht betreten, wenn die älteren Ernstes besprachen, aber er horchte die Gespräche vom Vorzimmer aus. Sein Großvater sprach über Mac-Mahon, der Preußen vernichten werde, über Bismarck, der den Krieg nicht gewinnen könne. Ha! Wer hätte gedacht, dass Frankreich so schnell kapitulieren sollte? Alles kam ihm herrlich vor und die ganze Welt musste wissen, wie herrlich sein deutsches Reich war. Aber auch Wagner konnte sich nicht vor Hitler retten, und der Herzog seufzte:

„Das ist kein Leben, meine Herren. Ich sah das Reich entstehen, ich habe Wagner kennen gelernt, ich habe den Kaiser beraten – nicht er! Ich hätte regieren sollen, nicht er. Was für eine Welt ist das? Der Gute wird nicht belohnt, der Böse wird nicht bestraft. Ich wäre ein ganz Großer gewesen. Was bin ich nun mit all dem, was ich weiß? Ein Niemand, ein verbitterter Faust, den kein Mephistopheles verführen wollte – aber warum spreche ich so viel?“

„Das stimmt, Herr Staatsrat,“ griff Herr Streusen besänftigend ein, „alles ist möglich, wenn man ein Kind ist. Sie müssen nicht so viel erzählen, wenn die Erinnerungen schmerzen.“

„Alles ist möglich,“ sagte der Herzog und schaute verwirrt auf die – Sterne, „aber ich gräme mich nicht. Mein Volk ist ein Volk des Fleißes und des Kampfes. Unter uns fand die Zivilisation ihre höchste Vervollkommnung. Deutschland wird wie Athen aus den Trümmern auferstehen, um die Welt zu erziehen. Ohne uns ist keine Kunst, keine Technik, kein Wissen, kein Geist. Lasst die Fremden unsere Heere vernichten. Unser Geist wird bleiben. Alexander und Augustus, mit deutschen Helden verglichen, verblassen. Während die Feinde sich widersetzten, die ganze Welt vor Neid und Furcht untergeht, wird Deutschland herrschen, und Deutschland wird siegen, und überall wird Deutschland sein, bis Ordnung und Fortschritt auf Erden walten. Wir sind Alpha und Omega, der Zenit alles Menschlichen. Schauen Sie, meine Herren, auf diesen sternenklaren Himmel, sehen Sie den Namen unseres Volkes, wie hoch das Sternenzelt ihn trägt! Was hat die Wahrheit des deutschen Geistes zu fürchten?“

Aber kaum, dass der Herzog gesprochen hatte, musste er schweigen, denn in seinem traurigen Sternentaumel fiel er kurz vor dem Hotel. Die Stadt ist, wie wir wissen, noch nicht frei von Trümmern. Auf einen tückischen Stein war nun gestolpert der letzte Herzog von Lingen, gefallen. Alle Welt lief herbei zu helfen, wie zu helfen war. Es war vergeblich. Unglücklich traf sein Haupt den Bürgersteig, auf den auch die Schwachen treten müssen. Kein Laufen, kein Schreien, kein Helfen wirkte. Und das Blut jenes hässlichen Todes, gleichgültig auf der Straße fließend, während Dr. Streusen, der ältere, die Tränen unterdrückte, kündigte die Dämmerung der Ewigkeit an. Ich aber musste weiter an meine Kalkulation in der Mönckebergstraße denken:

Auf dem Tische sind zwei Würfel: Drei und Eins. Dann habe ich gewürfelt: Vier und Zwei. Dann noch einmal: Zwei und

Vier. Wir sind dort, wo unsere Kunden sind: Winter 2003! Mein Faxgerät ist eingestellt. Klavier wird gespielt. Zweimal habe ich heute gegessen. Ein Fenster leuchtet. Und der Dichter sprach: Weihnachten geht weiter mit diesem kostenlosen Girokonto und 50 Euro Startguthaben. Jetzt wechseln und Kontogebühren sparen! Ein DSL-Splitter für den VDSL- oder ADSL-Anschluss liegt neben zwölf Buntstiften auf dem Tisch, am Fenster die Exegese des Neues Testaments. Ruderich will jetzt auf Fernsehen, Radio und Computer verzichten, und verzichten will er auf Handy und Email und Post.

Ich erwachte aber mitten in der Nacht und erinnerte mich, dass Robert Schumann die letzten zwei Jahre seines Lebens im Irrenhaus verbrachte. Irgendwo im alten Keller müssen die Briefe sein. Ich konnte es nicht akzeptieren, dass man sie vielleicht entsorgt hatte, wie die Zeit das Leben meines Greises entsorgte: „Und es wurde Nacht.“ Irgendwann fragte Schumann, dies ist belegt, ob es noch Frankfurt gebe. Die Antwort lag auf der Hand, gewiss. Er zog sich aber in die Einsamkeit seiner Zelle und fragte den Tag, warum der Traum so böse zu ihm war. Er sah den Wahnsinn kommen und konnte sich nicht wehren. Erst als Clara ihn besuchte, erst nach zwei Jahren, als er sie sah, als er in Selbstverachtung vor ihr kniete und lange weinte, erst dann erfuhren wir, dass die Träne größer ist als der Wahnsinn. Drei Tage später starb er.

Nein, mein lieber Greis aus Paris, man kann nicht sagen, dass Dienstleistung sinnvolle Arbeit ist. Die

Blumen duften. Arbeit ist nur gut von sich selbst und für sich selbst, nur da erfüllt sie ihren schöpferischen Zweck, das wusste schon Hegel – was wusste schon Hegel? James Wester, der Mann vom Traum, Dornröschens Gatte fragt die Passanten: Was fragen Sie nach meinen Schmerzen? Lasst uns das Leben genießen! Algerien ist keine Kolonie mehr, also – Rundum-Komfort: rund um mein Konto, rumd um die Uhr.

Ich träume weiter wie die Fantasie in C-Dur und die verlorene Sonate meines irrelevanten Vorahnen ohne Verlag. Nach dem zweiten Kreisleriana-Zyklus wird in London das Programm der nächsten royal variety performance bereits angekündigt:

I. Vielleicht ist der japanische Premierminister ein russischer Formalist.

II. Levi-Strauss ist tot. Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona eis requiem.

III. Wer im Leben viele Fehler macht, sollte immer einen Radiergummi bei sich haben – oder so lange Schlafen wie Dornröschen.

IV. Der gegenwärtige König von Frankreich ist durch und durch ein Romantiker.

V. Es gibt nur zwei Sachen in der Welt, die ich hasse: Wenn ich auf dem Klo sitze und das Wasser gegen meinen Po schlägt, und wenn man seinen Nächsten nicht liebt. Aber der amerikanische Präsident hat heute gebetet, weil er gnädig ist.

VI. Das Symbol der durchgestrichenen Abfalltonne auf Rädern bedeutet, dass das Produkt in der Europäischen Union einer getrennten Müllsammlung zugeführt werden muss. Dies gilt sowohl für das Produkt selbst, als auch für alle mit diesem Symbol gekennzeichneten Zubehörteile. Diese Produkte dürfen nicht über den unsortierten Hausmüll entsorgt werden.

VII. Heute entscheiden wir, wann es Bundesliga im Fernsehen gibt. LIGA total! Das Bundesliga-Fernsehen bei Entertain! Angebote solange der Vorrat reicht. Änderungen und Irrtum vorbehalten. Papier hergestellt aus 100% Altpapier und zertifiziert zu 100% als FSC Recycled Paper. DK F. Vielen Dank für Ihren Einkauf.

VIII. Mit der überarbeiteten Version der Versys bietet Kawasaki für 2010 ein preiswertes Motorrad für zahlreiche Einsatzmöglichkeiten. Vor allem bei Design und Komfort zeigt sich das Fun-Bike deutlich verbessert. Der Handel klingt verlockend: Ein Unbekannter bietet dem Finanzminister 1500 Datensätze von Steuersündern an, die ihr Geld am Finanzamt vorbei in der Schweiz angelegt haben. Der Skandal 2009 stürzte Papst Benedikt XVI. und den Vatikan in eine tiefe Krise. Die Bezahlung dieser Mitarbeiter liege 30 Prozent unter dem Gehalt der regulären Saga-Beschäftigten. Ein plakatives Beispiel, wie die gekaufte Meinungsmache läuft, liefert die Deutsche Bahn. Bunjaku ballert 96 gen Abstieg. Denn Woods (34) ist nach Loredanas Erfahrungen im Bett ein Nimmersatt.

Nun gehe ich zum Eppendorfer Park, ok? OK, lasst mich dorthin gehen, wohlwissend, dass viel Schnee auf dem Boden liegt und die Straßen glatt sind. Es ist gut, dass alle zu Hause bleiben, dass die Stadt dunkel ist. Der Sonntagsschneestraßenwanderer sucht nach Antworten aus der

Stille.

Und er findet sie in der Tankstelle: Hanse Menü-Dienst – einfach sympathisch. Keiner bringt's heißer – appetitisch frisch und gesund ... Qualität und Frische fürs Wochenende. Große 5 Euro Aktion. Greifen Sie zu! Da erwachte plötzlich Dornröschen aus schrecklichen Träumen, und brüllte, und schlug mit der gigantischen Faust auf den Tisch. Und der Tisch brach zusammen und ließ alle Bücher auf den Boden fallen. Und der Boden bedeckte die Bücher mit Staub. Da freute sich aber der Leidende, als er inmitten seiner Lebenswege einen 5-Euro-Schein auf dem Bürgersteig sah. Als er den Schein heben wollte, rutschte er und fiel und lachte und stand auf und nahm das Geld und schaute überall um sich her, dass keiner ihn sah, und hob schnell den Schein und steckte ihn in die Tasche und ging schneller und schneller. Dann aber ward er müde, so müde wie ich auf dem Rückweg vom Eppendorfer Park in der Nacht, auf dem Weg zur Lesung, im Gedächtnis ein blödes Gedichtlein, ein blödes Gedichtlein im Gedächtnis:


Ich verlaufe mich nachts durch meine Straßen
Und meine Straßen erkennen mich nicht.
Ich sage: Hier gehör' ich, dort ist meine Bleibe.
Doch der Weg erwidert: Du bist ein Fremder,
Du, ich kenne dich nicht, was willst du von mir?
Dieselben Schritte ziehen entlang wie früher
Und meine Türe weiß nicht, wer ich bin:
Meine Straßen leiden bereits an Alzheimer.


Nun ist Yan Lu ein glücklicher Mensch. Nach seinem Tode erreichte seine Seele den himmlischen Frieden und entwickelte sich zu einer konkurrenzfähigen Version von Excel-Plus-Plus, auch mit Windows-70 kompatibel. Und ich liebe es, wenn Yan Lu auf Enter clickt, weil es sehr wichtig ist. Plötzlich aber steht der Inquisitor empört auf, nimmt den Hammer und schlägt dreizehn Mal sein Laptop, weil es nicht schnell genug war, und er wirft das Ding aus dem Fenster und weint.

Aber all das ist unnötig, all das ist traurig sogar, weil der Lacher von New York, genau, unser vergessener James Wester immer noch keinen Job hat. Ob die Welt ihn nicht mag? Ach was! Leben lohnt sich. Lidl lohnt sich. Warum ist aber die Welt so, dass Ruderich und James Wester sich nicht kennengelernt haben? Der Mönch könnte dem Lacher helfen. Nun irrt James Wester seit dreizehn Jahren weinend durch die Gassen seiner Stadt, ohne Dach, ohne Geld. Der raucht nicht, trinkt nicht, fickt nicht, stiehlt nicht. Was ist das für eine Lebeneinstellung, meine Damen und Herren? Doch heute morgen, da er mit John, dem Bettler, sprach, entschied er sich, sein Leben zu ändern:

„Genug, John! Weißt du was? Ich habe die Erleuchtung gekriegt. Wenn da kein Job ist, mein lieber, lasst uns doch das Leben genießen, voll und ganz. So ist das! Morgen fahre ich mit meinem exklusiven Jaguar Coupé los. Beverly Hills. Vielleicht kaufe ich mir ein Haus. Das sollst du dir auch überlegen. Packen wir es an?“

Nun wein, mein Mädchen, Wein für dich, du liebe Clara. Wo bleibt die schöne Korrespondenz deines Ehemannes? Morgen Abend werde ich den Keller von oben nach unten durchsuchen, versprochen. Rettung? Für meinen greisen Musiker bleibt nicht viel übrig, nicht wahr? nein nein, nicht viel. Die bunte Kuh schlägt ganz zufällig den Duden 10, die 3. Auflage auf: Füller, der; -s, - (ugs.): Schreibgerät mit eingebautem, nachfüllbarem Tintenbehälter: mit einem Füller schreiben.

DA CAPO.




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