GEORG SOLZ

RETTER DER REPUBLIK

Unordentliches Drama

Index



© Greg Ory 2008 – 2018, Record P 1, engl. Redeemers of the Republic, march 2008 to june 2016, Hamburg and Hampshire, prose play in five scenes, German.





DRAMATIS PERSONÆ

Herr zu Guth Rektor der Universität Hegenhagen,
Herr Boß Sein Stellvertreter,
Herr Faulleiter Professoren und
Herr von Sinnen Verwaltungs-beamte
Herr Fürst der Universität
Herr Laber Hegenhagen,
Ein Bildschirm letzter Generation

Die Begebenheit spielt in den großzügigen Räumlichkeiten des neu eingeweihten Verwaltungspalais, nahe dem Wunderwald der Feen.




I. Privatkabinett von Professor zu Guth.
Die Herrschaften tagen.

Guth: Wir müssen ein Problem besprechen, das… na ja, es ist immer noch dasselbe Problem, und die Sache wird immer komplizierter. Die Chaoten machen immer wieder Lärm und glauben, im Recht zu sein. Tja! Das sind genau diejenigen, die gestern eine Demo vor diesem Gebäude veranstaltet haben. Sie verstehen schon, worum es geht, oder? Na klar! Ich habe Herrn Boß zu uns gebeten, um die Situation besser und neutraler darzustellen, denn Herr Boß ist sozusagen die Seele dieser Universität. Ich bitte um Aufmerksamkeit. Herr Boß? Ach, da sind Sie. Herr Boß, Sie haben das Wort.

Boß: Vielen Dank, Herr Präsident.

Guth: Ich bitte um Ihren Vortrag.

Boß: Wie Sie wissen, meine Herren, ist der Kampf um gerechtere Studienbedingungen an dieser Universität leider nicht von allen anerkannt worden. Vor einem Monat hatten wir nach gründlicher Diskussion ganz demokratisch entschieden, dass im Interesse der Studenten doch Kameras in allen Toiletten zu installieren sind. Die Dringlichkeit dieser Maßnahme bedarf keiner weiteren Erklärungen. Es steht außer Debatte, dass Studierende nach Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse sich richtig, wie soll ich sagen … tja, reinigen müssen. Das entspricht ja den neuesten Richtlinien für berufsqualifizierte Absolventen, natürlich, und das wollen wir umsetzen. Nun, verehrte Kollegen, erheben sich schon die ersten Stimmen und Steine aus dem Pöbel, die nur danach trachten, unser Opfer zu diskreditieren und unsere Arbeit zu boykottieren!

Unruhe.

Ich verstehe und teile Ihre Empörung, aber wir müssen das Thema erneut diskutieren, weil noch viele Unklarheiten bestehen. Ich bitte um etwas Geduld, denn es wird keine einfache Sitzung sein.

Faul.: Einfach wird sie nicht! Aber was diese Demos angeht, Herr Boß, bleiben Sie getrost. Ich unterrichte seit dreißig Jahren an dieser Universität, und seit dreißig Jahren gibt es solche Demos. Man kann nichts dagegen tun, ach was, diese Leute, das ist die miserabelste Brut, die man sich vorstellen kann. Sie gucken mich komisch an? Kaum wird ein Wort gesagt – was sage ich? – , kaum wird ein Wort gedacht, da schreien sie Nein, die Rebellen, ganz ohne Grund. Niederträchtig!

Guth: Ihre Feststellung hilft uns nicht weiter, Herr Faulleiter, denn die Miserablen, von denen Sie sprechen, haben die Presse für sich gewonnen und unser image ist sowieso schon nicht das beste … Ich würde nach dieser Einführung von Herrn Boß vorschlagen, dass wir den Text der neuen Toilettenordnung durchgehen und die Unklarheiten beseitigen. Es sind insgesamt nur 69 Paragrafen und ich denke, wir schaffen das, oder? Ist es Ihnen recht?

Bestätigung unter den Anwesenden.

Gut, wir können dann die amtliche Einleitung überspringen und mit Paragraf 1 beginnen, ja? Also, ich lese vor: „Zur Kontrolle der hygienischen Unversehrtheit der Toiletten und von ihren Nutzern werden alle Toilettenkabinen videoüberwacht.“ Kann das denn so bleiben oder sollen wir das ändern?

Laber: Moment mal!

Guth: Herr Laber?

Laber: Zunächst das Grundsätzliche: Wir haben uns keine Gedanken darüber gemacht, wer die Kameras installieren soll. Das müssen wir klären. Wir sind verantwortlich für die Sicherheit aller Studenten! Wenn wir irgendeine Firma beauftragen, diese Kameras irgendwie zu installieren, sodass sie nach zwei Monaten wackeln und von der Wand herunterfallen, wo bleibt dann unsere Verantwortung? Nein, nein, werte Kollegen, wenn wir ein Unterfangen dieser Tragweite beginnen, und ich spreche hier von einem Projekt mit sichtbaren Folgen, dann müssen wir es richtig und ordentlich machen. Studierende haben das Recht, in Würde kontrolliert zu werden, selbstverständlich, und das heißt, dass wir für diese Aufgabe eine effiziente Installation brauchen. Ich schlage vor, dass diese Arbeit ausschließlich von staatlich geprüften Meistern durchgeführt wird.

Guth: Meister?

Laber: Meister!

Faul.: Bohrungsmeister!

Boß: Wandbohrungsmeister!

Sinnen: Weißwandbohrungsmeister!

Guth: Das sieht ordentlich aus.

Sinnen: Vortrefflich.

Fürst: In der Tat. Das ist an sich ein guter Vorschlag, Herr Laber. Es ist sicherlich ein Punkt von gravierender Bedeutung. Aber wir sollen nicht vergessen, dass wir in diesem Fall drei staatlich anerkannte Weißwandbohrungsmeisterprüfer brauchen, drei Prüfer, die prüfen sollen, ob die Kameras richtig in den Löchern hängen. Schön und gut! Aber wir wissen alle, was für ein Saugeld all das kostet! Wie werden wir denn so ein Projekt finanzieren? Wir haben hunderte Toiletten an dieser Universität.

Guth: Seien Sie beruhigt, Herr Fürst, das ist doch kein Thema. Wofür haben wir denn Studiengebühren? Ich halte die Idee von Herrn Laber für ausgezeichnet. Wir sollen zur Beruhigung des Pöbels in der Toilettenordnung anmerken, dass die Installation der Kameras nur von staatlich geprüften Meistern durchzuführen ist.

Fürst: Es tut mir wirklich leid, Herr zu Guth, aber ich bin mit diesem Vorschlag nicht ganz einverstanden, er ist mir zu teuer, unnötig für die Universität. Wir müssen uns überhaupt überlegen, ob die Sicherheitskontrolle in den Toiletten tatsächlich mit Kameras zu gestalten ist. Man spricht die ganze Zeit über humanitäre Werte, von Menschenrechten und dergleichen. Würdige Menschen wollen würdig behandelt werden. Wäre es nicht eventuell besser, dass wir statt Kameras fachkompetente Kontrolleure engagieren?

Laber: Wie meinen Sie das, Herr Fürst?

Fürst: Na ja … qualifizierte Kontrolleure halt, wie kann ich es sagen? Sie sollen die Studenten nach Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse untersuchen, wenn Sie mich verstehen. Ich meine, für viele ist es einfacher, von einem Menschen kontrolliert zu werden, der einen zugleich auch beraten kann.

Sinnen: Ha! Sie sind ein Idealist, Herr Fürst, ein Träumer! Studenten wie die gestrigen Demonstranten sind dieser Art Behandlung nicht gewachsen. Ich muss es schweren Mutes sagen, verehrte Kollegen, aber ich muss es sagen: Wir müssen streng vorgehen. Wir brauchen Kameras, die absolut neutral und konsequent sehen, was zu sehen ist, und dafür brauchen wir doch hoch qualifizierte Bohrungsmeister, ist doch klar!

Unruhe.

Guth: Meine Herren, ich bitte um Geduld. Bitte nicht schreien, meine Herren, um Gottes willen, mit Schreien hat man doch keine Demokratie. Hören Sie bitte zu! Wir können nicht den ganzen Tag diskutieren, ob wir Meister brauchen oder nicht. Es gibt viel wichtigere Fragen.

Sinnen: Na was denn? Wieso unterbrechen Sie mich immer?

Guth: Ich habe Sie nicht unterbrochen, ich …

Sinnen: Aber ich war doch noch nicht fertig, verdammt!

Guth: Aber mein lieber Herr von Sinnen, wie können Sie so viel Wert darauf legen, wer die Kameras installiert, wenn wir z. B. noch gar nicht wissen, wo sie genau installiert werden?

Sinnen: Wie das denn?

Boß: Da bin ich aber ganz erstaunt.

Guth: Was gucken Sie mich so an? Was stellen Sie sich denn vor, um Himmels willen? Wie kann man bloß eine Kamera in einer Kabine installieren, wenn man nicht weiß, ob der Kunde das Klopapier mit der rechten oder mit der linken Hand zum Einsatz bringt? Es muss doch die richtige Position festgelegt werden.

Laber: Sie meinen, man soll die richtige Hand festlegen …

Guth: … müssen wir ja! Sonst brauchen wir keine Kameras. Und zwar darf die Hand, die das Papier einsetzt, nicht die Hand sein, mit der man schreibt. Das leuchtet doch ein, oder? Das heißt, nur die linke Hand darf das Papier berühren, damit wir die Kameras, wenn überhaupt, an der richtigen Seite der Kabinen installieren.

Boß: Man muss in der Tat an alles denken. Ein bisschen Ordnung ist immer gut.

Laber: Und was ist mit den Linkshändern?

Guth: Sie sollen sich anpassen. Sie sollen mit der rechten Hand schreiben lernen. Mensch, es ist nicht der Weltuntergang, dass diese Banditen sich endlich anpassen!

Laber: Nein, Herr Rektor, das ist ganz schlimm, das ist schlimm, schlimm, eine sehr unglückliche Aussage von Ihnen, denn Linkshänder können nicht so einfach mit der Rechten schreiben.

Boß: Dann haben sie Pech, Herr Laber, dann haben sie alle Pech! Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, das heißt in einer Gesellschaft, in der jeder vor der Welt und den Prüfungsämtern beweisen muss, dass die Welt ihn braucht, dass er bedingungslos für seinen Erfolg kämpfen kann. Das Leben ist nicht einfach, meine Herren, nein, das Leben ist hart! Harte Zeiten! Wenn zwei oder drei Faule die rechte Hand nicht richtig benutzen können, dann haben sie eben keinen Anspruch auf ein kritisches, gesellschaftsorientiertes, berufsqualifizierendes Studium und müssen mit den natürlichen Folgen der sozialen Auslese rechnen. Und was gehört dazu? Dazu gehört Exmatrikulation. Aber ganz sicher, sofort! Sie sind der Abschaum unserer Gesellschaft, die Pest unserer Zeit. Bildung ist ein knappes Gut! Man muss beweisen, dass man sie verdient, wenn man sie erlangen will. Seitdem wir die Universität in den Wunderwald der Feen verlegt haben, haben wir gewusst, dass wir ein Werk für die Zukunft bauen – dass nicht jeder den Luxus eines Studiums an unserer Universität so ganz ohne Weiteres genießen kann. So geht das nicht!

Sinnen: Was regen Sie sich aber über belanglose Frage auf? Letzten Endes könnte man ohne Problem Kabinen für Linkshänder aufstellen. Wer hat überhaupt gesagt, dass man die Toilettenhand festlegen muss? Das hört sich fast lächerlich an. Es wäre viel einfacher, wenn man die Kameras über den Waschbecken installieren könnte, um sicherzugehen, dass man sich die Hände deutlich und ordentlich wäscht – beide Hände!

Guth: Unfug, Herr von Sinnen, und ich sage warum: Klopapier und Kugelschreiber passen nicht zusammen! Da hat sogar schon mancher Dichter gesagt, und zu Recht, dass die rechte Hand sowieso nicht wissen soll, was die linke tut. Seien wir vernünftig, werte Kollegen! Der Pöbel schreit nach Revolutionen. Wir müssen schnell handeln.

Sinnen: Ich bitte Sie, Herr zu Guth! Ich weiß ganz genau, was eine Revolution ist. Als ich 1968 zum ersten Mal Marihuana rauchte, wusste ich sofort, dass die Angelegenheit der Revolution gerecht war, dass meine Generation nicht unbegründet gezürnt hat. Was wir heute erleben, das ist nur eine Entartung der großen Ideale von damals! Ich fordere Respekt! Ich kann nicht glauben, dass Sie aus bloß parteiischen Gründen handeln und dies noch vernünftig nennen. Gewiss hat Ihnen Ihre Frau schon viel über Liberalismus beigebracht, sie schwärmt ja dafür!

Guth: Was sagen Sie über meine Frau? Ich bin sehr stolz darauf, dass meine Frau ein gebildeter Mensch ist, der sich liebevoll dieser Universität widmet. Und Ihre Frau? Was macht denn Ihre Frau? Ich möchte gar nicht wissen, an welcher berufsqualifizierenden Universität sie studiert hat, wenn sie in ihrem Studium nicht richtig lernen konnte, wie man … ich möchte lieber schweigen. Vielleicht brauchen Sie und Ihre Frau selbst eine Toilettenordnung zu Hause!

Sinnen: Was?

Faul.: Meine Herren, ich bitte darum, was für ein Kindergarten ist das? Also wirklich, Herr zu Guth, ich kann es nicht zulassen, dass Sie unsere Kollegen auf diese Weise kränken. Glauben Sie etwa, dass Sie sich am vornehmsten benehmen? Ich habe Sie immer gut und genau beobachtet.

Guth: Stellen Sie sich nicht so an, Herr Faulleiter, bitte nicht. Ich weiß auch ziemlich viel über Sie und Ihre Schweinerei, und passen Sie auf, mein Lieber, weil …

Unruhe.

Boß: Genug, genug! Schluss damit! Sind wir im Theater oder was? Das ist eine wichtige Diskussion, davon hängen Schicksale ab. Seien wir doch endlich vernünftig und kommen wir bitte zum Thema zurück.

Laber: Das wollen wir ja, aber mit diesen Typen ist es unmöglich.

Guth: Passen Sie auf, wie Sie mich ansprechen, Herr Laber, ich bin nicht Ihr Vater, den Sie als Typ bezeichnen dürfen.

Laber: Wie äußern Sie sich über meinen Vater? Ich kann Sie verklagen, Herr zu Guth, ich habe Zeugen …

Boß: Können wir bitte weitermachen? Ich möchte weitermachen.

Ruhe.

Besser jetzt? Herrgott, was für ein akademischer Zirkus das war!

Faul.: So ist es jedenfalls besser. Ich versuche, zum Thema zurückzukehren, wenn ich darf. Ich möchte Sie noch an einen ganz wichtigen Punkt erinnern.

Ruhe.

Wenn die Kameras installiert werden, so können sie trotzdem nicht verhindern, dass durch die ordentliche Benutzung der Toiletten unangenehme Gerüche in den Einzelkabinen entstehen. Und Sie werden wohl alle zugeben, dass diese Gerüche oft ein ungebührliches Ausmaß erreichen. Daher ist es unsere Aufgabe, die Toilettenordnung so zu gestalten, dass strenge Maßnahmen gegen diese Gerüche unternommen werden. Die Kameras, so qualifiziert wie sie sind, so freundlich, kompetent und verständnisvoll, können nicht prüfen, wer die unangenehmen Gerüche hinterlässt.

Boß: Wenn ich Sie gut verstehe, schlagen Sie also vor, man sollte hoch qualifizierte Kontrolleure engagieren …

Faul.: Nein, gar nicht, überhaupt nicht, oder besser gesagt: nicht unbedingt, denn das wäre nicht die günstigste Lösung. Das Problem muss in seiner tiefen Ursache bekämpft werden. Wir, oder mindestens die Ärzte, wissen, dass diese Gerüche mit der Diät des Patienten zusammenhängen.

Sinnen: Was schlagen Sie also vor, Herr Faulleiter?

Faul.: Na ja, alle, die sich bei uns um einen Studienplatz bewerben, sollen den üblichen Bewerbungsunterlagen anerkannte Röntgenaufnahmen beifügen. Genau! Ich meine insbesondere: Magen- und Darmaufnahmen.

Unruhe.

Darf ich weiter…? Diese Aufnahmen werden dann von einer Sonderkommission hoch kompetenter Fachärzte untersucht, um zu prüfen, ob die Bewerber in der physischen Lage sind, den Pflichten der Toilettenordnung nachzukommen.

Sinnen: Das kann nicht angehen. Wie wollen Sie die einzelnen Fachbereiche informieren?

Faul.: Ich weiß, wovon ich rede, machen Sie sich keine Sorge. Zur Gewissheit, dass die Aufnahmen echt sind, sollen die Bewerber einige Kopien ihrer Aufnahmen amtlich beglaubigen lassen, damit die Welt und die Prüfungsämter beruhigt sind.

Laber: Aha! Das heißt jetzt, jeder bräuchte im Grunde nur dreizehn beglaubigte Kopien der Aufnahmen beizufügen.

Faul.: So einfach ist das.

Laber: Vortrefflich …

Guth: Ausgezeichnet. Das muss ich mir aufschreiben.

Fürst: Moment! Die Röntgenaufnahmen können über den körperlichen Zustand des Bewerbers nur vor dem Studium informieren, aber nicht über dessen Entwicklung während der Studienzeit. Das ist auch wichtig, eigentlich noch wichtiger!

Faul.: Korrekt! Entstehung und Art der Gerüche hängen wie gesagt immer, oder fast immer, mit der Diät zusammen. Es muss also genau vorgeschrieben werden, welches Essen in den Mensen angeboten werden darf.

Fürst: Unmöglich, Herr Faulleiter! Das würde sonst voraussetzen, dass alle Studierenden doch in den Mensen essen.

Faul.: … sollen sie ja! Wie kann man sie sonst kontrollieren?

Guth: So ist das! Unsere Studierenden dürfen nur in den Mensen essen. Sie sind nicht gezwungen, an dieser Uni zu bleiben und unsere Toiletten zu benutzen. Aber wenn sie es wollen, dann müssen sie bitte schön etwas leisten. Ein Studienplatz ist nicht nur per Knopfdruck zu erhalten. Das Leben ist kein Ponyhof. Eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht zukunftsfähige Arbeitskräfte, d. h. Menschen, die imstande sind, Regeln zu beachten. Wer sich nicht anpasst, hat schon verloren.

Faul.: Genauso ist das!

Boß: Ein bisschen Ordnung ist ja nie fehl am Platz …

Fürst: Ich beginne, das Konzept besser zu verstehen. Wichtig ist bei dieser Regelung, dass die Toiletten nur für hygienisch geprüfte Studenten vorgesehen werden. Das werden sie sicherlich verlangen. Wie denn nicht? Die Studenten haben nicht nur Pflichten, sie haben auch Rechte. Wenn man im Zuge dieser Studienqualitätssicherung so viel von ihnen verlangt, so ist es mehr als gerecht, dass sie allein das Privileg haben, die Universitätstoiletten zu benutzen.

Sinnen: Das ist vernünftig.

Guth: Sehr gut, Herr Fürst, sozialbewusst. Aber darf ich eine kleine Pause vorschlagen?

Sinnen: Eine Pause wäre sehr willkommen. Ich muss aber sagen, ich bin begeistert! Wir geben einen wichtigen Schritt zur Verbesserung der Studienbedingungen. Ein Traum meiner Generation wird verwirklicht. Die Geschichte wird wohlwollende Seiten über uns schreiben. Nun lasst uns doch eine kleine Pause genießen und diese Stunde der Menschlichkeit besingen, diesen Sieg der Demokratie. Welche Entscheidungen können demokratischer sein als jene erhabenen, die die Herrscher im Interesse der Völker treffen, so wie wir heute im Interesse unserer geliebten Studenten entscheiden? Dafür wählen die ordentlichen Völker ihre demokratischen Regierungen. Ja, meine verehrten Kollegen, dafür sind wir da! Hegen Sie keinen Zweifel daran, gar keinen, dass die wenigen Rebellen, die sich zur Schande der Zivilisation in unserer Universität verstecken, dass sie mit dem sanften Druck der Gerechtigkeit bald auf unsere Seite kommen werden, und Hand in Hand werden wir zusammen den Weg einer zukunftsfähigen Demokratie beschreiten, die unsere hoch modernisierte Leistungsgesellschaft benötigt.

Guth: Fürwahr, meine hoch verehrten Kollegen, das ist auch für mich ein Moment von großer Erregung. Ich kann meine Tränen kaum verbergen, wenn ich an meine ganze Arbeit für diese Universität denke – und Sie wissen genau, ach, Sie wissen wohl, dass dies keine leichte Arbeit war. Mich hat nimmer das Bewusstsein verlassen, dass trotz aller Schwierigkeiten der Zustand unserer Universität komplett aussichtslos wäre, wenn wir nicht hier wären, um noch Schlimmeres zu verhindern.

Faul.: Mein Gott, was wäre dann mit uns?

Boß: Ich kann gar nicht daran denken …

Laber: Nun gut, darf ich auch etwas vorschlagen? Wir sind alle ja sichtlich berührt. Warum trinken wir nicht einen Schluck, Herr zu Guth, einen guten Schluck wie nach Feierabend, um uns für die weitere Diskussion zu stärken? Der Freude dieser Stunde müssen wir doch bitte schön gerecht werden.

Guth: Nun gut, Herr Laber, nun gut, so machen wir das. (Steht auf, sucht eine Flasche und schenkt jedem ein Gläschen Aquavit ein.) Auf das Wohl der Wissenschaften!

Alle: Sehr zum Wohle! Prost! (Alle unterhalten sich in kleinen Gruppen.)

Guth (zu Laber): Herr Laber, bitte nehmen Sie meine Worte nicht übel. Es war ein Moment großer Nervosität, ich wollte Sie nicht kränken.

Laber: Ich verstehe, Herr zu Guth, alles ist verziehen, ich muss mich auch für meine Bemerkungen entschuldigen, die zu Menschen guter Sitten wie uns nicht passen.

Guth: Natürlich nicht. Meine Frau lässt übrigens fragen, ob Sie nächsten Samstagabend zur Oper kommen. „Fidelio“ wird gespielt.

Laber: Ach, Fidelio, eine meiner Lieblingsopern:

„Bestrafet sei der Bösewicht,
Der Unschuld unterdrückt,
Gerechtigkeit hält zum Gericht,
Der Rache Schwert gezückt!“

Wie berührt mich dieser Chor des Volkes am Ende, mein Gott! Es muss eine schlimme Sache sein, die Unterdrückung.

Fürst (zu Faulleiter): Das Ergebnis der heutigen Sitzung ist ein sehr zufriedenstellendes. Es war schon höchste Zeit, die Kameras einzuführen, nicht wahr, Herr Fürst? Die Röntgenaufnahmen und die Studentendiät sind zwei entscheidende Elemente. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Faul.: Lange Erfahrung, mein Lieber, was sonst?

Fürst: Nur die Frage der Kabinen für Linkshänder und die der Verbohrungsmeister bleiben offen, aber das wird sich bis zum nächsten Monat sicherlich noch klären.

Faul.: Aber ohne Zweifel! Das einzige Problem besteht noch darin, die Studenten effizienterweise über die neue Ordnung zu informieren. Aber die passen sich an, das kriegen wir schon hin, wir schaffen das.

Fürst: Och, darüber müssen Sie sich keine Sorge machen, nein, sie erfahren alles per Internet. Ich kümmere mich selbst darum. Die Banditen werden alle gleich eine Message in ihrem Personal Account erhalten. Sie klicken dann auf den grünen Button, d. h. New-Infos, und nach dem Reading der neuen Toilettenordnung klicken Sie einfach auf Accept! Sobald wir die neue Ordnung senden, haben sie alle 24 Stunden, diese zu downloaden und auf Accept zu klicken. So schnell geht das.

Faul.: Und wenn sie nicht klicken? Gibt es auch einen Button für Refuse?

Fürst: Nein, nein, Herr Faulleiter, seien Sie doch nicht so dämlich (lacht). Die Studenten, die die Frist für das Accept versäumen, sie werden, wie soll ich das sagen, hmm, sie werden vom System gelöscht.

Faul.: Oh! Das ist aber schön! So bleiben uns nur die Besten erhalten! Das nenne ich wirklich eine vorbildliche Universität. Ich bin gespannt auf die nächsten Tage!

Boß (zu Sinnen): Herr von Sinnen, ich muss mich auch dafür entschuldigen, dass ich letzten Dienstag keine Zeit für unsere Schachpartie hatte.

Sinnen: Keine Sorge, mein Lieber, keine Sorge. Die besten Kämpfe sind jene, für die der Gegner keine Zeit hat.




II. Zweite Sitzung, eine Woche später.
Guth, Boß, Faulleiter

Guth: Darf ich anfangen, meine Herren? Werden Sie sich endlich beruhigen? So ist es besser. Ich bringe dieses Thema nicht gern zur Sprache, aber damit muss man sich auch auseinandersetzen. Wir hatten letztes Mal eine sehr inspirierende Debatte über die Toilettenordnung, und eigentlich sollten wir sie heute tagesordnungsgemäß fortsetzen. Aber das muss jetzt warten. Ich habe eine gravierende Entdeckung gemacht.

Boß: Wie?

Faul.: Wo? Wann?

Guth: Ja, ich erzähle, beruhigen Sie sich, um Gottes willen. Es geht um dieses Pamphlet hier, genau das!

Boß: Oha! Ein Pamphlet!

Guth: Sie fragen, wo ich es gefunden habe? Na, raten Sie mal. Genau! Geklebt an der Innenwand einer Toilettenkabine.

Boß: Eine der neuen?

Guth: Natürlich!

Faul.: Das ist aber unerhört. Das ist sogar verboten! Wir haben schon vor zwei Jahren die Beschriftung und jegliche Zweckentfremdung von Toilettenwänden verboten. Wenn ich so was höre, da muss ich sofort zur Tablette greifen, damit mein Herz es verkraftet. Habe ich Sie richtig gehört? Diesen jungen Banditen muss man klarmachen, wie wichtig es ist, Evakuierungsprozesse nicht durch Vandalismus und Wandschriften zu stören. Das müssen wir in der Toilettenordnung bekräftigen, meine Herren, aber wie! Die Toiletten sind Stätten der körperlichen Befreiung. Der Darm hat einen Anspruch darauf, sich in aller Ruhe, jawohl, in Harmonie mit seiner Umgebung zu entlasten. Darum sind alle Wände bei uns entweder hellrosa oder mit Blumenmotiven bemalt. Die sind nicht anzutasten. Und im Hintergrund läuft ja Mozart: Klavierkonzerte.

Boß: Hören Sie bitte auf mit der Vorlesung, Herr Faulleiter, das brauchen Sie nicht zu sagen, zu wiederholen, zu bekräftigen, das wissen wir alle, das ist festgelegt, das steht in der Toilettenordnung geschrieben, das weiß jeder Student. Es geht nicht um Wissen, es geht ja, wie soll ich es sagen, es geht nur um ein kindliches Bedürfnis nach Frechheit, ganz genau, das unartige Bedürfnis, Evakuierungsprozesse zu behelligen. Die Diagnose des Problems steht schon lange zur Verfügung. Jetzt müssen wir handeln, aber schnell!

Guth: Darf ich auch was sagen, meine Herren? Ich wäre froh, wenn es sich dabei um eine normale Banditengeste handelte, nur um so ein Kavaliersdelikt. Heben Sie sich Ihre Empörung für später auf, denn der Skandal hier liegt nicht im skandalösen Ort des Plakatierens. Er liegt im Inhalt selbst! Ich gebe Ihnen vollkommen recht, die Würde einer Toilettenkabine findet immer weniger Beachtung. Man vergisst oft, dass nur der Darm und nicht das Gehirn dort evakuieren sollte. Und dennoch muss ich Ihnen sagen: In diesem Fall war dies das kleinere Übel.

Boß: Und das größere war …

Guth: Tja, wie soll ich es anfangen? Ich glaube, es bleibt mir nichts Weiteres, als das Dokument vorzulesen, damit Sie selbst urteilen.

Faul.: Meine Güte, ist es lang?

Guth: Ja …

Faul.: Wiegt es viel?

Guth: Ja.

Faul.: Stinkt es auch?

Guth: Ja!

Faul.: Na bitte! Das hört sich tiefgründig an.

Guth: Ich stehe am besten auf (steht auf). Also, wo fängt es an? Hier, genau, hören Sie zu: „Ich teile meinen Freunden mit, dass ich ab Juli aufs Land ziehe.“

Faul.: Ist doch nicht schlimm!

Guth: Darf ich weiter? Es geht weiter: „Dort werde ich in nächster Zeit eine Universität gründen.“

Boß: Oha!

Guth: Es fängt erst an, Herr Boß. Es geht weiter: „Das Wichtigste habe ich bereits mit einem Freund besprochen. Der wurde vor Jahren exmatrikuliert, aber der gute Mann kennt sich aus. Ihr würdet sogar weinen, wenn ihr wüsstet, wie dieser Mensch sich rehabilitiert hat. Rehabilitiert? Nach einer existenziellen Krise hat er endlich seinen Weg gefunden. Er hat ein Beratungsunternehmen für Universitätsgründer eingerichtet, ein hübsches Büro am Rathausmarkt.“

Boß: Was ist das denn? Das muss eine Verballhornung sein!

Guth: Das meint er ernst.

Faul.: Wie, ernst? Kann man denn eine Universität einfach so gründen? Wunderbar! Und woher kriegt er seine Fachkräfte, seine Bücher, die ganze Infrastruktur? Universitätsgründer! Das fehlte gerade noch. Ich will auch so ein Büro einrichten, Beratung für Gärtner, Unternehmer und Universitätsgründer. Den Begriff muss man sich schon einprägen. Was macht also ein Universitätsgründer? Steht er eines Tages auf und meint: Heute gründe ich mal eine Uni? Das grenzt, gelinde gesagt, das grenzt ans Lächerliche. Der Mann gehört ins Irrenhaus, wenn er das wirklich meint.

Guth: Was heißt wirklich meinen? Natürlich meint er das, und nicht nur das. Das Pamphlet ist noch lange nicht zu Ende.

Boß: Was schreibt er noch?

Guth: Viel! Wo war ich? Ach ja, hier, das Büro am Rathausmarkt. Es geht weiter:„Ich sage Euch ganz kurz, warum ich die Stadt verlasse. Die Schweinegrippe ist nicht die einzige Plage dieser Stadt, o je, schön wär’s. Seit Monaten breitet sich diese unheilbare Gehörkrankheit aus, eine unerklärliche Epidemie. Kurios ist, dass der Bazillus meist Professoren befällt. Bei Studenten hingegen führt er zu Stummheit und einer besorgniserregenden Pünktlichkeit bei Vorlesungen. Mein Arzt ist um meine Gesundheit sehr besorgt und fürchtet, dass dies Verhalten eine Überdosis an gelehrter Weisheit verursachen kann. Dagegen soll eine langfristige Kur auf dem Lande helfen.“

Boß: Professoren, die nichts hören, und Studenten, die nichts sagen. Das kommt mir bekannt vor, das kommt mir fast wie ein déjà-vu vor. Ist es eigentlich nicht der Normalfall?

Faul.: Selbstverständlich. Die Welt besteht aus zwei Menschensorten: den Erfahrenen und den Unerfahrenen. Wo diese beiden sich treffen, da spricht der Erfahrene und der Unerfahrene hört zu. So gehört sich das. Dieser Universitätsgründer hat eine sehr gesunde Krankheit entdeckt.

Boß: Da bin ich mir nicht so sicher, Herr Faulleiter. So wie Sie es beschreiben, wäre es keine Krankheit, sondern ein Segen: Taubheit und Stummheit, wo sie hingehören. Aber was ist mit der besorgniserregenden Pünktlichkeit? Das kann durchaus an einer schwachen Konstitution des Körpers liegen.

Faul.: Was meinen Sie, Herr Boß?

Boß: Na ja, man sieht oft, dass Menschen in krankhaftem Trancezustand oder im Schlafwandel in ein repetitives, obsessives Verhalten verfallen. Es ist durchaus möglich, meine Herren, dass durch die Verunreinigung unserer Toiletten eine bakterielle Kreation ans Licht der Welt kam, eine Gefährdung für die Gesundheit unserer Studenten. Was sollen wir tun? Das muss fachlich geprüft werden.

Faul.: So viel stellen Sie sich vor? Ich glaube, Studenten sind pünktlich, weil die Anwesenheitsliste auf sie wartet. Wer zu spät kommt, den bestraft die Exmatrikulation. Mensch, das haben wir vor zwei Jahren entschieden, anders geht es ja nicht!

Guth: Nur ein Nachtrag, Herr Faulleiter: Studenten sind pünktlich, weil sie dem Beginn der Vorlesung zuhören wollen. Manchmal spielt der Inhalt des Vortrags schon eine Rolle.

Faul.: Na ja, das kommt gelegentlich auch vor.

Boß: Aber dann, Herr Faulleiter, müssen wir eine Aufklärungsbroschüre organisieren, um die Studenten zu beruhigen. Die obsessive Pünktlichkeit ist gar keine Obsession, sie ist nur das gesunde Ergebnis der berufsqualifizierenden Angewöhnung, die wir mit sanftem Druck vorschreiben. Und so ist es auch mit der Stummheit. Aber bedenken Sie nur, dass diese nicht ein Ausdruck des Zuhörens, sondern des Gehorsams ist.

Faul.: Dem stimme ich voll und ganz zu, Herr Boß. Natürlich muss der Unerfahrene schweigen, um durch Zuhören zu erfahren, aber wichtiger als Erfahrung ist natürlich Gehorsam.

Boß: Da sprechen Sie meine Sprache. Die Welt wird unseren Pragmatismus beneiden, denn ich frage Sie, meine Herren: Was bringt Erfahrung allein, wenn sie kein Geld bringt? Der Mensch muss doch essen und trinken, mein Gott, der muss seine Miete bezahlen, der sollte auch mal Steuern zahlen. Dass man zur Universität geht, um was zu erfahren, das finde ich abstoßend. Wie denn nicht? Ja, wenn es nur ums Lernen geht, da kann man seine Bücher zu Hause lesen und ab und zu mal Lehrer fragen, wenn man was nicht versteht. Na sicher! Die Gebäude einer ehrwürdigen Infrastruktur, das hoch qualifizierte Personal, die Ämter, die Titel, die Gebühren, die Fristen, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, das Papierwerk – wer braucht das alles, wenn es nur ums Lernen geht? Das sind doch Leute, die ein bisschen schwach im Geist sind, die stellen sich vor, sie gehen zur Uni, weil sie was lernen wollen. Ich verstehe so was nicht, ich habe schon die Vermutung, dass eine gewisse Krankheit diese Studenten befällt.

Guth: Mein lieber Herr Boß, das sind aber tiefgründige Gedanken, die Sie hier äußern. So hatte ich Sie ich noch nicht erlebt, nicht dass ich mich erinnere. Sie sollten schon versuchen, diese gesunden Grundsätze aufzuschreiben. Ich werde gleich weiterlesen, denn das Pamphlet geht ja weiter, aber erzählen Sie bitte weiter, wie Sie sich das ideale Studium vorstellen. Wir brauchen unbedingt Ideen, denn das Alte, mein Lieber, das bricht nur zusammen, das bröckelt herum, das brauchen wir nicht mehr. Wir müssen mehr Flexibilität wagen!

Boß: Herr zu Guth, was wollen Sie noch hören, wenn Sie mir die Worte schon quasi aus dem Mund nehmen? Ich bin, wie Sie wissen, ein sehr bescheidener Mensch, und mein Motto war von Kindesbeinen an: Immer sinnig bleiben! Das hat mich mein Vater, der Matrose gelehrt. Bei mir war das so, und so stelle ich mir das ideale Studium vor: Ich habe mein Abitur gemacht und da habe ich mir gedacht – Mensch, was soll ich machen? Von viel Gelaber habe ich nie was gehalten: Immer sinnig bleiben! Was konnte ich also am besten? Am besten konnte ich mich an Regeln halten. Wenn der Lehrer mich ganz fies anschrie, da war ich froh, da dachte ich: Endlich einer, der mich erzieht und mir zeigt, wo es langgeht. Genau! Als der Lehrer dann einmal sagte, dass man irgendwelchen Institutionen gehorchen muss, da wusste ich sofort, dass ich irgendwelchen Institutionen gehorchen wollte – der Schule, dem Staat, was auch immer. Da habe ich sofort erkannt, was der Sinn des Lebens für mich ist: Rumkommandieren und rumkommandiert werden. Ach, das waren Zeiten!

Faul.: Das ist eine beachtliche Lebenseinstellung, Herr Boß! So viel Einsicht bereits in jungen Jahren. Mein Gott, aber wie ging es dann weiter?

Boß: Och, wie gewohnt. Es war mir klar, dass ich irgendwelche Institutionen brauchte. Nach dem Abitur musste ich mich irgendwie bewerben, dann immatrikulieren usw. Ich habe früh erkannt, dass trotz meiner Liebe zu Formalitäten die offizielle Benennung des Fachs egal ist, wenn man es sinnig nimmt. Bei mir war das so: Ich saß da eines Abends und musste mich für ein Fach entscheiden. Was habe ich getan? Einen Fachkatalog bestellt und das Ding zufällig geöffnet: Seite 69. Da bin ich auf das Wort Philosophie gestoßen. Das klang gut, das gefiel mir und das habe ich studiert. Ich war sehr pünktlich, ich hörte mal zu, habe mal bei Klausuren auch meinen Senf dazu gegeben: Immer sinnig bleiben. Wenn Leute anfingen, zu viele Fragen zu stellen, zu meckern, auf Demos zu gehen und alles, da wusste ich sofort, die würden nirgends hin gelangen, und es hat sich auch so herausgestellt. Mich faszinierte die Institution: die Gebäude, die Professoren, die Bescheinigungen, die Fristen, die Regeln – vor allem die Titel. Und weil ich immer sinnig blieb und immer gehorchte, führe ich jetzt etliche Titel. Die Schreiberei war immer das Einfachste: Eine Fußnote hier, ein Fremdwort da – klang alles seriös und hat immer geklappt. Und mich wundert jetzt, dass einer einfach so auf die Idee kommt, eine Universität zu gründen. Was für ein frivoles Verständnis, meine Herren! Ich bedaure diesen Menschen.

Faul.: Das tun wir alle, Herr Boß, und ich muss sagen, Ihre Bekenntnisse bestärken mich nur in der Auffassung, dass mein Lebensweg doch der richtige war, denn ich teile in allem Ihren gesunden Pragmatismus.

Guth: Umso empörender ist es, nach so vielen Jahren und Errungenschaften für diese Universität jetzt auf ein solches Pamphlet zu stoßen. Soll ich weiterlesen, meine Herren?

Boß: Aber bitte, Herr zu Guth! Ich möchte sehen, wie weit dieser Betrüger geht.

Guth: Na gut, ich fahre fort, ich fahre fort, oder besser, der Betrüger fährt fort nach seiner Ausführung über die Krankheit.

Faul.: Ach ja, er hatte sich entschieden, aufs Land zu ziehen, oder? Super!

Guth: Ganz richtig. Der Betrüger geht weiter und schreibt: „Nun ein Wörtchen zu meinem Projekt, meiner Universität. Heutzutage ist es gottlob einfach, eine Universität zu gründen, eine Kleinigkeit. Der Berater hat alles erklärt: Ich brauche dafür nur einen Präsidenten, drei Vizepräsidenten, Referenten, Sekretäre, Geschäftsführer, Schatzmeister, Vertreter beim Bürgermeister und selbstverständlich ein virtuelles Anmeldungsprogramm. Das war’s.“

Boß: Moment mal! Das hört sich verdammt gefährlich an. Dieser Mensch scheint verstanden zu haben, worum es bei Universitäten geht. Für wen hält er sich denn, wie darf er sich anmaßen, sich uns jetzt in den Weg zu stellen? Wofür mancher sein Leben lang braucht, um es zu verstehen, hat er in fünf Minuten begriffen, wie es scheint, und das sei ihm gegönnt. Aber dass er dies jetzt als Waffe gegen uns wendet? Ne! Das lasse ich mir nicht gefallen. Das ist schon ein konkurrenzfähiges Projekt, meine werten Kollegen, ein besorgniserregendes. Das müssen wir verhindern. Ich brauche Luft, frische Luft. Was sagt er dann weiter, wie wird er sein Programm finanzieren?

Guth: Dazu kommt er jetzt. Ich lese vor: „Ich bin sehr sparsam: An meiner Universität wird es keine Bücher geben und auch keine Dozenten, bis die Gebühren gebührendes Geld bringen. Mein Geheimnis? Die Vorlesungen von Philosophie und Spinnerei kann ich selbst übernehmen.“

Faul.: Betrug! Das ist ungerecht! Wer wird noch bei uns studieren wollen?

Guth: Gerecht? Dazu hat er auch was zu sagen: „An meiner Uni wird man Gerechtigkeit erfahren. Die guten Studenten können zu Hause bleiben! Die sind sowieso alle vom Lehrstoff befreit, um sie kümmert sich der Schatzmeister. Ich gehe eine Kooperation mit dem Fitnessstudio ein, damit die Jungs auch mal was zu tun haben, und nach drei Jahren sind sie habilitiert. Ich meine, bei der Mensa dürfen sie auch was essen. Jeden Mittag serviere ich Kartoffeln mit Soße.“

Boß: Verdammt noch mal, der wird unser Geschäft liquidieren!

Guth: Das wird er, und weiter geht’s: „So betreibe ich mein Geschäft nach dem Grundsatz des englischen Weisen Voltaire, dass jeder seinen Garten pflegen muss. Aus den meisten Studenten wird zwar nichts werden, aber das ist schon überall so, dafür kann ich sowieso nichts. Das Besondere bei uns ist: Die wirklich guten übernehmen dann die Verwaltung.“

Faul.: Voltaire war doch Franzose!

Boß: Spielt doch keine Rolle! Was glauben Sie, was ich alles in meinen Hausarbeiten geschrieben habe? Der Mann ist gefährlich! Wir müssen die Bildungsbehörde kontaktieren und eine Struktur zustande bringen, die dieses Projekt stoppt. Dieser Mann hat keine staatlich anerkannte Qualifikation!

Guth: Wie jetzt? Er hat bei uns studiert.

Boß: Aber nicht, um Universitätsgründer zu werden und gleich nebenan zu wirken. Er kann doch für uns arbeiten, aber bitte nicht gegen uns, Herr zu Guth. Das sage ich in unserem, vor allem in Ihrem Interesse. Zusammen können wir daran arbeiten, dass dieser Mann keine Genehmigung erhält. Ich rufe sofort den Bürgermeister an. Hat er noch was zu sagen, Herr zu Guth? Ich kann dieses Zeug nicht mehr ertragen!

Guth: Der kommt jetzt zum Schluss.

Boß: Mein Gott, ist ja höchste Zeit!

Guth: Und zum Schluss schreibt er: „Um den Kosten meines philanthropischen Projektes nachzukommen, vertage ich meine Promotion und verkaufe meine Masterurkunde. Es ist ein delikates Stück Papier mit feierlichen Motiven, liebevoll angefertigt, passend zu allen Wänden, zu Neu- und Altbau, Büro und Wohnung, Salon oder Stube. Ich biete das Gemälde für einen freundlichen, zumutbaren Preis. Interessenten wenden sich bitte an meine Kollegin Mathilde am Torplatz.“

Boß: Ha! Das müssen wir kaufen. Das müssen wir sofort kaufen, damit er später keinen Nachweis für seine Qualifikationen hat.

Faul.: Aber Herr Boß, die Urkunde wurde von unserer Universität ausgestellt, die können wir nicht offiziell kaufen.

Boß: Was heißt offiziell? Man schickt ja eine neutrale, anonyme Person los. Oder glauben Sie, Herr zu Guth soll die Urkunde persönlich kaufen? Sobald ich dieses Dokument in die Hände bekomme, sind wir gerettet. Wir? Die ganze Republik ist gerettet, denn an dieser Aktion hängt unsere Zukunft. Scheitern wir, wird der Staat zu einer Bananenrepublik. Siegen wir, sind wir dann Erlöser, meine Herren, wir sind die Retter der Republik.

Guth: Ha! Dass ich nicht lache. Sie übertreffen sich in Ihrer Rhetorik, Herr Boß. Retter der Republik? Was meinen Sie damit?

Faul.: Mir leuchtet sofort ein, Herr zu Guth, was unser Kollege meint. Er bezieht sich wohl auf die Vereinbarung mit dem Bürgermeister.

Boß: Und mit dem Ministerkabinett.

Guth: Die neuere?

Faul.: Natürlich, aber das gilt auch für die alte. Alles fing an, wie Sie wissen, mit einem Telefonat des Bürgermeisters.

Boß: Genau, und dann wurde das Treffen organisiert.

Faul.: Hier in diesem Raum! Plötzlich drehte sich der Mann um und sagte Herrn Weiskaum, dem alten Präsidenten: „So geht es nicht weiter! Das ganze Geld, das wir für diese Banditen verausgaben, das ist eine Unverschämtheit. Wir sind doch bis zum Hals verschuldet, wir können uns das nicht leisten. Die Investition muss sich lohnen, meine Herren, wir müssen was davon haben. Aber was haben wir davon? Nichts! Gestern habe ich zwei Anrufe gekriegt. Die wichtigsten unserer Arbeitgeber, der Autokonzern und der Versandhändler, beschwerten sich. Keine Arbeitskräfte, und ohne Arbeit keine Leistung, und ohne Leistung keine Steuern! So geht es nicht, meine Herren, das muss sich ändern.“ Das sagte der Bürgermeister. Herr Weiskaum war ziemlich ratlos, och, der Mann konnte nur hin und her gucken und fragen: „Aber was kann ich dafür, was soll ich tun?“ Und am Ende des Tages wussten sie besser: Um die Republik zu retten, braucht man Berufsqualifizierung. Also: Der Bürgermeister gibt uns das Geld und wir bilden die Fachkräfte für den Autokonzern und den Versandhändler aus. Ich meine, jeder nach seiner Qualifikation. Der, der Chemie und Physik und weiß der Geier was studiert hat, der geht zum Konzern. Und der, der Geschichte und Philosophie und was auch immer studiert hat, der geht dann zum Versandhändler. So hat jeder seine Arbeit, so werden Steuern bezahlt, so ist die Uni gerettet, so ist die Republik gerettet. So einfach ist das!

Boß: So einfach ist das!

Faul.: Denn eines ist sicher, wie Herr Boß schon sagte und immer sagt: Nur Plato lesen und verstehen, ha, das reicht nicht. Man muss Plato lesen, Gebühren zahlen, pünktlich sein, die Anwesenheitsliste unterschreiben, seine Scheine holen, seine Fristen beachten. Man muss sich einfügen, um Gottes willen, man muss sich benehmen, denn das braucht ja der Versandhändler später, das braucht der Konzern. Den Plato brauchen sie nicht. Aber das ist unser Charme, meine Herren: Wir bilden für den Markt, aber wir bieten auch ein bisschen Plato, damit die Jungs zufrieden sind, damit sie sagen können, sie sind mehr als bloße Handwerker oder billige Hilfskräfte. Sie sind Akademiker, aber wie, natürlich, sie bekommen jede Menge Titel und Urkunden von uns. Sie lernen, wie man sich benimmt. Wenn sie also müde sind beim Versandhändler, dann denken sie: Mensch, ich habe doch meine Titel und meine Urkunden! Und dann sind sie getröstet und motiviert, weiterzumachen.

Guth: Das brauchen Sie nicht weiter auszuführen, Herr Faulleiter, ich bitte Sie, das ist eine Selbstverständlichkeit, ich war je selbst bei jener Sitzung anwesend. Ich verstehe jetzt, was Herr Boß mit Rettung der Republik meint.

Faul.: Umso besser, Herr zu Guth, denn dann begreifen Sie die gefährliche Lage!

Guth: Begriffen hatte ich schon, bevor ich Ihnen das Dokument vorlas.

Faul.: Also wissen Sie, wir wissen es alle, wie viel Schaden dieser neue Universitätsgründer mit seinem Angebot anrichten kann. Diese Konkurrenz können wir uns nicht gefallen lassen.

Guth: Was schlagen Sie denn vor, Herr Faulleiter?

Boß: Zuerst müssen wir diese Urkunde, die der Betrüger anbietet, sofort kaufen – aber auch so günstig wie möglich!

Faul.: Sicher, aber das wird nur eine palliative Wirkung zeigen. Das Problem müssen wir an der Wurzel behandeln und beheben. Der Bürgermeister ist der Schlüssel – aber natürlich! Statt ihn anzurufen, müssen wir unbedingt eine erlesene Delegation schicken. Wir werden nicht ruhen, bis wir von höherer Stelle ein Bildungsmonopol erhalten, sodass nur wir erziehen, ausbilden und aufklären dürfen, nur wir, die vom Staat finanziert und akkreditiert werden. Wer Plato außerhalb dieser Universität liest, der soll in dieser Stadt nirgends landen, der soll überall diskreditiert werden, nach dem Motto: Er ist nicht genug qualifiziert, er weiß nicht, wovon er redet. Genau, so muss das sein, damit der gute Mann sich degradiert fühlt. So gehört es sich. Wir müssen klarmachen, dass richtiges Wissen nur Wissen ist, das von uns oder durch uns vermittelt wird. So handeln wir im Interesse des Ministerkabinetts, des Konzerns, des Versandhändlers und der Studenten selbst. Stellen Sie sich sonst vor, wenn jeder auf die Idee kommt, ein Universitätsgründer zu werden! In kurzer Zeit sind wir am Ende, Schluss mit uns, vorbei, passé. Wie denn nicht? Der Bürgermeister hat ja schon gesagt: Er wird den Universitätsgründer finanzieren, dessen Geschäft am meisten und am schnellsten Geld bringt, und das verspricht ja das Pamphlet.

Guth: Möchten Sie diese Delegation organisieren, Herr Boß? Bedenken Sie, dass wir wahrscheinlich nur eine Gelegenheit haben werden, den Bürgermeister oder das Kabinett zu überzeugen. Ich brauche Ihre Erfahrung und Ihre Rhetorik, werter Kollege!

Boß: Aber sicher! Sie können sich auf mich verlassen.

Herr von Sinnen und Herr Fürst treten ein.

Guth: Aber da sind sie! Na endlich.

Boß: Was gibt es Neues?

Faul.: Ich hoffe, nur Gutes.

Guth: Was gucken Sie denn so? Ist jemand gestorben?

Fürst: Eine Einigung mit den Banditen können Sie vergessen.

Faul.: Wie jetzt?

Sinnen: Alles gescheitert. Die Toilettenordnung halten sie für unmenschlich, unwürdig, unzumutbar und un-weiß-Gott-alles.

Faul.: Wie? Die rebellieren schon wieder?

Fürst: Aber sicher, Herr Faulleiter, stellen Sie sich doch nicht so dämlich an! Diese Leute haben sonst nichts zu tun, sie müssen ja rebellieren.

Boß: Tja! Wenn die Toiletten dreckig wie beim Geierhändler sind, dann klagen sie. Wenn man sie sauber halten will, dann klagen sie auch.

Guth: Und jetzt?

Sinnen: Jetzt? Jetzt geht’s los, mein Lieber! Jetzt gibt’s schön Streik, jetzt gibt’s Demos, jetzt werden Barrikaden gebaut und Gebäude gestürmt.

Guth: Och Gott! Und wo ist denn Herr Laber?

Sinnen: Der versucht noch, die Banditen zu beruhigen, ich meine, der und sein Professorenteam, die waren immer ganz gut dabei. Aber meine Herren, die Lage gerät langsam außer Kontrolle. Herr Laber selbst hat schon gesagt, wenn er keine Einigung erzielt, geht er sofort zur Polizei. Wie denn nicht? Die Brandstifter, die lassen nicht auf sich warten, und umso weniger wollen wir zusehen, wie sie vorbeikommen und Gebäude einfach in Brand stecken. So nicht! Herr Laber wird die Polizei verständigen.

Guth: Das darf er ja, das habe ich ihm erlaubt, das ist sein Job, das macht er immer gern. Sie nehmen mir die Worte richtig aus dem Munde, Herr von Sinnen. Die Lage könnte nicht gefährlicher sein, und die Toilettenordnung ist nichts, gar nichts verglichen mit – na ja, mit dem, wie soll ich sagen, ja dem Pamphlet des Betrügers!

Sinnen: Wovon reden Sie, Herr zu Guth?

Fürst: Was für ein Pamphlet? Was für ein Betrüger?

Guth: Wir sind so gut wie verloren, meine Herren! Lesen Sie selbst und urteilen Sie selbst, wie verloren wir sind.

Herr zu Guth zeigt das Pamphlet. Herr Fürst und Herr von Sinnen lesen.

Fürst: Um Gottes willen!

Sinnen: Ich muss mich hinsetzen.

Fürst: Ein Universitätsgründer!

Sinnen: Der macht uns fertig.

Boß: Nicht, wenn wir schneller sind.

Sinnen: Wie denn?

Fürst: Schneller?

Boß: Sicher! Will er nicht seine Urkunde verkaufen? Wir kaufen sie! Dann kann er seine Qualifikationen nicht nachweisen, wenn wir die Polizei dorthin schicken, um seine Schulbude zu schließen. Ich kümmere mich schon darum.

Sinnen: Das muss verdammt schnell passieren, Herr Boß, sonst wirbt uns der Betrüger die lieben Banditen alle ab. Das geht doch nicht, wir brauchen das ganze Geld. Der Mann muss richtig aus dem Weg geräumt werden.

Faul.: Wird er auch, warten Sie nur ab und –

Schreie von draußen.

was für ein Geschrei ist das?

Sinnen: Die Banditen? Ja, die kommen zuhauf!

Boß: Ich rufe die Polizei an.

Guth: Zu spät, Herr Boß, zu spät!

Faul.: Sie stürmen gleich das Gebäude.

Fürst: Es wird immer lauter.

Guth: Wir müssen raus!

Faul.: Aber sofort, meine Herren. Raus hier!

Die Herrschaften laufen hin und her.

Guth: Die Papiere da muss ich mitnehmen.

Boß: Die auch, die sind wichtig.

Faul.: Hier, durch diese Tür.

Guth: Um Gottes willen, nein!

Herr zu Guth öffnet das Fenster zum Hintergarten.

Hier, durch das Fenster.

Fürst: Und wohin dann?

Guth: Erstmal zum Keller!

Sinnen: Wohin?

Guth: Schnell, verdammt!

Alle klettern durchs Fenster hinaus.




III. Privatkabinett von Professor Guth, drei Tage später.
Die Herrschaften verbarrikadieren sich.

Geschrei von draußen. Schläge gegen die Haupttür.

Guth: Aber helfen Sie mir gefälligst, schauen Sie nicht nur zu! Ich bin zu alt, um diesen Riesenschrank hier allein zu bewegen, was meinen Sie denn?

Faul.: Warten Sie mal, ich komme schon, ich bin hier!

Boß: Den Schrank brauchen wir nicht. Wir nehmen den Tisch und die Stühle hier, Herr Faulleiter.

Guth: Aber schnell!

Sinnen: Haben Sie die Polizei angerufen, Herr Faulleiter?

Faul.: Natürlich, die müsste jederzeit da sein.

Sinnen: Ich kann kaum darauf warten. Mein Gott, was für ein Geräusch ist das am Fenster?

Faul.: Och, das wird ja nur unser Herr Laber sein.

Herr von Sinnen öffnet das Fenster, Herr Laber klettert herein.

Das Fenster wird geschlossen und verbarrikadiert.

Laber: Danke, vielen Dank! Ich habe ganz schlechte Nachrichten, meine Herren …

Boß: Was denn?

Guth: Raus mit der Sprache!

Sinnen: Die Banditen?

Laber: Genau!

Sinnen: Keine Einigung?

Laber: Genau!

Sinnen: Wir sind belagert?

Laber: Genau!

Sinnen: O je, das war’s mit uns!

Von draußen wird gegen die Tür geschlagen.

Fürst: Was machen wir denn, Herr Boß? Herr zu Guth, Sie sind der Rektor und Präsident dieser Universität! Reißen Sie sich zusammen und schlagen Sie doch was vor, bevor wir richtig geschlachtet werden! Letztes Mal konnten wir noch in den Keller flüchten. Jetzt ist es aber zu spät, der Eingang ist gesperrt. Wohin sich wenden?

Guth: Die Polizei braucht zu lange. Wir brauchen in der Zwischenzeit ein Ablenkungsmanöver, das ist die einzige Alternative!

Laber: Was?

Boß: Wann?

Fürst: Wie denn?

Unruhe.

Guth: Ein Gespräch! Was denn sonst? Wir müssen ein Gespräch mit dem Banditenwesen suchen, um irgendwie Zeit zu gewinnen.

Fürst: Das ist doch das Letzte vom Letzten, mein Lieber! Wenn wir erstmal die Tür öffnen, dann stürmt die ganze Herde herein und wir sind dran!

Guth: Von der Tür war doch gar nicht die Rede, Herr Fürst.

Fürst: Aha! Verstehe ich nicht …

Guth: Dann hören Sie erstmal zu: Die Herde wird irgendwelche Anführer haben, oder?

Fürst: Sicher!

Guth: Wir laden Sie dann zu einer Videokonferenz ein. Das Konzept erklärt sich von selbst: Wir hören zu, wir nicken zu, wir besänftigen jeden, und am Ende wird jeder verhaftet, abgeführt, meinetwegen – so ewig wird die Polizei auch nicht brauchen.

Laber: Eine Videokonferenz also?

Herr Guth bereitet seinen Laptop vor.

Guth: Hier, mein Lieber, letzte Version. Technisch müsste das super klappen.

Laber: Na gut, aber so ganz schwach im Geist sind diese Leutchen nicht. Nur rumlabern wollen sie auch nicht, sie wollen bestimmt Fragen stellen, sie wollen Antworten.

Boß: Das kriegen sie! Wenn sie mit zu viel Blabla kommen, dann habe ich schon ein paar Standardantworten parat. Keine Sorge! Da kenne ich mich aus. Immer sinnig bleiben. Wir schaffen das schon, wir schaffen das!

Laber: Ich hoffe, Sie haben mehr als ein Mantra parat, Herr Boß! Davon hängt unser Leben ab. Ich würde gern diesen Tag überleben. Ich möchte die Toilettenordnung umgesetzt sehen. Wissen sie, ich habe nicht umsonst so Tag und Jahr und Jahr und Tag daran gearbeitet. Das ist mein Blut und meine Lebensleistung.

Fürst: Meine auch, Herr Laber! Wir müssen uns in dieser schweren Stunde gegenseitig schwören, meine Herren, dass wir unerschütterlich bleiben und unser edles Ziel niemals aufgeben werden! Schwören wir? Ich schwöre!

Laber: Ich schwöre!

Alle: Ich schwöre!

Von draußen wird gegen die Tür geschlagen.

Guth: Gut, ich bereite alles vor, bevor es zu spät ist. Mein Gott, wo ist denn das Programm? Ach so, hier, ja, darauf klicken, genau, und jetzt darauf, und noch darauf, und – darauf auch, und auch darauf, und nochmal das hier eintippen, und nochmal hier klicken, und endlich darauf. War’s das? Das war’s! So einfach ist das. Ich verbinde, ja?

Stille. Herr zu Guth verbindet. Jemand erscheint am Bildschirm.

Bildschirm: Hallo! Ja, wer ist da?

Guth: Hier, Herr Boß, Sie sind die Seele dieser Universität. Jetzt übernehmen Sie!

Boß: Na bitte… Hallo! Hören Sie mich? Hier spricht Professor Boß, der stellvertretende Präsident. Was können wir für Sie tun? Sie versperren uns den Weg und das ist fürwahr kein gebührliches Benehmen, das wird in der Studentenordnung untersagt.

Bildschirm: Wir verhandeln nur mit dem Präsidenten!

Boß: Der ist hier aber nicht, der trifft sich gerade mit dem Bürgermeister. Was wünschen Sie denn? Erläutern Sie Ihr Anliegen!

Bilds.: Wir sind hier draußen vor der Tür, weil wir von euch die Faxen dicke haben!

Boß: Inwiefern? Was haben wir getan und was sollen wir tun? Und was wollen Sie denn tun?

Bilds.: Wir sind hier, um zu protestieren! Ihr sprecht von Studienordnungen, wir verlangen bessere Studienbedingungen.

Boß: Wie denn? Sind die Toiletten nicht sauber genug? Wenn das Ihre Sorge ist, dann wird die neue Toilettenordnung Ihre Studienbedingungen noch weiter verbessern. Sie können Ihren Haufen also gleich auflösen und friedlich nach Hause gehen.

Bilds.: Wer spricht denn von Toiletten hier? Was wir verlangen, ist mehr Mitsprache bei der Universitätsverwaltung. Wir verlangen ja demokratische Verhältnisse, denn es geht ja um unser Studium, unser Leben, unser Schicksal. Wir können nicht tatenlos zusehen, wie ihr dasitzt und über unsere Freiheit entscheidet. Die Universität ist da, um uns eine kritische Sicht der Realität zu vermitteln, und Sie sind ja Teil des unterdrückenden Systems, gegen das wir uns erheben. Wir wollen keine Toilettenordnung. Wir wollen Freiheit!

Boß: Das ist ja schön gesagt und mutig von euch, das sollt ihr weitermachen, ich meine, das mit dem Studium, dem Leben, dem Schicksal ist alles super, freut uns sehr. Ihr fragt nach Freiheit? Freiheit möchte ich auch haben, wenn ihr den Schlüssel zu ihr wisst, sagt einfach Bescheid. Wie, was guckt ihr denn so? Ist es nicht lustig, dass ihr zuerst bessere Studienbedingungen verlangt und dann Freiheit? Nun, Studienbedingungen sind ja immerhin Bedingungen, und wo es Bedingungen gibt, wird’s auch Bedingungen für die Freiheit geben, sodass ich mir nicht sicher bin, ob die Freiheit, die das Studium euch geben kann, tatsächlich die Freiheit ist, die ihr wollt. Aber was wollt ihr denn? Wollt ihr frei sein oder wollt ihr studieren?

Bilds.: Ihr sollt kein Dummzeug labern und lieber handeln. Das System unterdrückt uns! Kapitalistische und neoliberale Arbeitsverhältnisse können unser Studium nicht belohnen.

Boß: Was meint ihr?

Bilds.: Du hast doch Philosophie studiert, du weißt doch, wie das geht. Du studierst jahrelang und nach all deiner Arbeit kriegst du nur einen Scheißjob beim Scheißladen. Diese Verhältnisse müssen sich ändern!

Boß: Ach so, und was studierst du denn?

Bilds.: Na ja … die meisten hier sind Geisteswissenschaftler und ich mache zufällig auch Philosophie.

Boß: Das ist ja hübsch. Und wieso hast du denn dieses Fach gewählt? Hast du denn vor, Direktor bei Siemens zu werden?

Bilds.: Nein, es geht mir nicht ums Geld!

Boß: Aber dann kannst du doch beim Scheißladen arbeiten, was spricht dagegen?

Bilds.: Das ist doch unangemessen, ich bin überqualifiziert, ich habe doch nicht so viel Plato und Aristoteles gelesen, um danach beim Supermarkt zu landen.

Boß: Ich verstehe. Du meinst, es ist so toll, dass du es geschafft hast, so viel Plato und Aristoteles zu lesen, dass der Staat oder das System das anerkennen sollte, nicht wahr? Das tun wir ja. Du kriegst ein Diplom, eine Urkunde, wo der Staat dich doch lobt und sagt, wie toll du bist und wie viel du gelesen hast. Was willst du noch mehr?

Bilds.: Was soll der Quatsch jetzt? Ich muss doch bitte schön leben.

Boß: Ach so. Die Urkunde allein reicht also nicht. Du meinst, du bist so toll, dass der Staat dich unterhalten sollte, dir gleich nach dem Studium eine Lebensrente zahlen sollte als Belohnung dafür, dass du so viel gelesen und gelernt hast. Ist das so?

Bilds.: Schön wär’s. Sokrates wollte auch am Prytaneum unterhalten werden, in der Ehrenhalle, wo die Olympiasieger jeden Tag gratis fressen konnten.

Boß: Ja die, die sind besonders! Die Welt hat immer viel Bewunderung für die, die mit ihrem Körper was anstellen können. Das kannst du auch machen!

Bilds.: Ich? Ich bin ganz unsportlich.

Boß: Na ja, du kannst auch Pornodarsteller werden.

Bilds.: Wie? Meinst du das ernst? Hässlich wie ich bin?

Boß: Hässlich? Hässlich ist relativ. Es gibt ja Fetische in jeder Richtung.

Bilds.: Nein danke, das interessiert mich nicht.

Boß: Tja, dann willst du nichts Besonderes mit deinem Körper anstellen, um dein freies Essen in der Ehrenhalle zu bekommen.

Bilds.: Nein, das will ich nicht. Sokrates wollte auch nicht als Pornodarsteller oder Leistungssportler hin, er wollte als Philosoph hin.

Boß: Das hat bei ihm nicht geklappt und wird bei dir nicht klappen. Aber halten wir fest: Du erwartest immerhin, man sollte dich etwa durch eine Lebensrente belohnen, weil du so viel gelesen hast und jetzt so viel weißt. Ist das so?

Bilds.: Schön wär’s!

Boß: Das heißt, es lohnt sich für dich nur dann, so viel zu lesen und zu lernen, wenn du bezahlt wirst, und das soll ja der Staat machen.

Bilds.: Nein, das meine ich nicht. Es ist nicht so, dass ich nur auf Bezahlung lerne. Aber man möchte natürlich etwas mit seinem Wissen anfangen können.

Boß: Das halte ich auch für weise, aber jeder soll sich je nach seinem Wissen betätigen, nicht wahr? Wenn du also Philosophie studierst, sollst du dich auch entsprechend betätigen.

Bilds.: Wie denn, ich werde nur Scheißjobs kriegen, das ist doch ein Versuch von euch, uns für kapitalistische Zwecke zu missbrauchen!

Boß: Moment! Wenn du Philosophie studierst, womit sollst du dich beschäftigen?

Bilds.: Ich weiß es nicht, ich kann nur entweder Taxifahrer oder Kassierer werden.

Boß: Moment mal! Womit beschäftigt sich ein Philosophiestudium?

Bilds.: Ich denke mal, mit Philosophie.

Boß: Also sollst du dich mit Philosophie beschäftigen. Du sollst philosophieren.

Bilds.: Na super! Und wie werde ich dann bitte schön mein Brot erwerben?

Boß: Du wirst dein Brot erwerben, mein Lieber, indem du arbeitest, so einfach ist das. Und du wirst Philosoph, indem du philosophierst.

Bilds.: Ach so! Für dich sind es dann zwei ganz unterschiedliche Sachen, zu arbeiten und zu philosophieren.

Boß: Du sagst es ja. Kannst du denn philosophieren, wenn du Direktor bei Siemens bist?

Bilds.: Nicht wirklich.

Boß: Warum denn?

Bilds.: Weil ich dann keine Zeit haben werde.

Boß: Aber du wirst doch Geld haben.

Bilds.: Was nutzt es, wenn ich sonst keine Zeit habe?

Boß: Tja, mein Lieber, alles kann also auch der Direktor von Siemens nicht haben, und wenn nicht mal der Direktor von Siemens alles haben kann, überleg dir wohl, ob auch der Philosoph alles haben kann. Entscheide dich doch: Studierst du Philosophie, um Direktor bei Siemens oder Philosoph zu werden?

Bilds.: Eher um Philosoph zu werden.

Boß: Und der Philosoph muss doch philosophieren?

Bilds.: Das muss er.

Boß: Und was braucht man mehr, um zu philosophieren: Zeit oder Geld? Ich frage mal so: Wer ist denn der bessere Philosoph? Der viel Zeit und wenig Geld hat, oder der viel Geld und wenig Zeit hat?

Bilds.: Bestimmt der Erstere, ich meine, der, der viel Zeit und wenig Geld hat.

Boß: Dann ist dir Zeit doch wichtiger als Geld.

Bilds.: Das mag sein, aber verhungern ist auch nicht der Sinn der Sache, oder?

Boß: Verhungern? Wer soll denn hier verhungern? Du kannst doch arbeiten.

Bilds.: Aber ich brauche doch die Zeit!

Boß: Aber nicht die ganze Zeit. Der Direktor von Siemens braucht auch nicht das ganze Geld. Nach der Arbeit geht er nach Hause, um seinen Gedankenfürzen nachzugehen und sein Geld ein bisschen zu verbrauchen. Also denkt er doch, er arbeitet nicht nur. Trotzdem ist es so, dass seine Haupttätigkeit die Direktion bei Siemens ist, auch wenn er ab und zu über Gott und die Welt nachdenken muss.

Bilds.: Verstehe ich nicht. Was hat das denn mit mir zu tun?

Boß: Ist ja dasselbe, Mann, nur umgekehrt. Du brauchst Zeit, aber nicht die ganze Zeit der Welt. Nach dem Philosophieren gehst du doch ein paar Stunden arbeiten, um dir dein Brot zu verschaffen. Also arbeitest du doch, du philosophierst nicht nur. Trotzdem ist es so, dass deine Haupttätigkeit das Philosophieren ist, auch wenn du ab und zu oder für wenige Stunden arbeiten musst.

Bilds.: Mein Gott, aber was für ein Scheißjob wird das sein?

Boß: Das wird vergleichbar mit den Gedankenfürzen des Direktors sein, weil seine Stärke nicht das Philosophieren ist, so wie deine Stärke nicht das Schuften ist.

Bilds.: Aha! Du meinst dann, es ist egal, was ich mache?

Boß: Nein, nein, egal ist es nicht. Du sollst auf keinen Fall Direktor bei Siemens werden, sonst hast du keine Zeit. Es könnte ja sein, dass du beide Stärken hättest. Aber du hast dich für die Philosophie entschieden, also deine Priorität ist Zeit, nicht Geld. Ich glaube, ich weiß den idealen Job für dich.

Bilds.: Was denn?

Boß: Du sollst Toiletten putzen.

Bilds.: Das hat aber wenig mit Philosophie zu tun!

Boß: Ja drum! Wenn du schon deine kostbare Zeit für den Scheißjob opfern musst, dann sollte es ein Job sein, der deine Gedanken so wenig wie möglich beansprucht. Du stehst auf, du gehst ein paar Toiletten putzen, machst dadurch ein paar Leute glücklich, brauchst keine Sorgen nach Hause mitzunehmen, kommst doch nach Hause, machst eine halbe Stunde Pause und fängst an zu philosophieren. So einfach geht das.

Bilds.: Das ist so was von lächerlich, Alter, du musst ein bisschen gaga sein, oder?

Boß: Lächerlich? Für mich ist das sogar romantisch. Du arbeitest wenig, du denkst viel, und mein Lieber, überleg dir das: Du lebst viel besser als Sokrates. Wie denn nicht? Hygiene war nicht so die Stärke in der Antike. Die Toiletten, die du putzen wirst, da würde Sokrates gerne wohnen! Du kannst auch bei uns an der Uni putzen. Nach der Toilettenordnung wird’s noch sauberer sein, du wirst du noch weniger zu tun und noch mehr Zeit zum Philosophieren haben. Also, mein Lieber, wenn das nicht romantisch ist, dann weiß ich nicht weiter.

Bilds.: Dass du so ein Künstler, so ein Heuchler bist, hätte ich mir nicht gedacht. Jetzt, wo du mit dem fetten Arsch auf der Präsidentenbank sitzt, nachdem du selbst Philosophie studiert hast, jetzt kannst du schön sagen, die anderen sollen doch Toiletten putzen, ne? Toll!

Boß: Was soll das denn jetzt? Es war mir immer klar, dass ich kein Philosoph werden sollte. Mein Ding war immer zu dienen, und wer zu viel dient, der hat wenig Zeit übrig. Ein bisschen Geld habe ich schon, das gebe ich zu, aber hier mit dem fetten Arsch zu sitzen und gleichzeitig Philosoph zu sein, das geht nicht, dafür fehlt mir die Zeit. Aber, mein Lieber, wenn du mich so beneidest und wie ich sein willst, geh doch nach Hause, benimm dich anständig und mache deine Hausarbeiten. Verliere keine Zeit mit Demos und zu vielen Fragen! Das war mein Geheimnis, so hat es bei mir geklappt: Immer sinnig bleiben.

Unruhe draußen.

Guth: Da passiert was mit dem Bildschirm. Ach so, der gute Mann geht doch nach Hause. Prima, Herr Boß! Die Welt hat schon genug Philosophen und jemand muss doch bei der Verwaltung arbeiten. Schön, wie Sie den Menschen zu unseren guten Werten zu bekehren wissen. Aber da kommt ein anderer! Wer ist das? Was will er denn? Bitte helfen Sie uns, Herr Boß, retten Sie diese Uni, damit die Republik gerettet wird.

Boß: Ich glaube, das ist ein anderer Bandit, meine Fresse! Hallo! Wer ist da?

Bilds.: Hallo! Der, der vor mir hier war, der ist plötzlich nach Hause gegangen. Aber ich werde weiter für bessere, demokratische Studienbedingungen kämpfen.

Boß: Ach so, na gut, guten Tag, erstmal! Was studierst du denn, mein Lieber?

Bilds.: Chemie und Physik.

Boß: Wunderbar! Was hast du denn zu beklagen? Du kannst einen tollen Job bei Siemens kriegen als Naturwissenschaftler.

Bilds.: Eben, aber darum geht es, das will ich nicht, ich lehne mich auf gegen die technische Instrumentalisierung der Wissenschaft und die Entfremdung des Wissens zugunsten der neoliberalen Globalisierung und der unmenschlichen und menschenverachtenden Gewinnmaximierungsprozesse sowie die systematische Systematisierung des Systems.

Faul.: Mein Gott, du benutzt ja beeindruckende Begriffe, mein Lieber, bei mir würdest du sicher eine schöne Eins für die Darbietung bekommen. Gegen all dieses Zeug lehne ich mich auch auf, das ist gar nicht gut, was du alles nennst und erwähnst. Aber was ist denn das konkrete Anliegen? Für die Globalisierung kann ich nur so viel wie fürs Wetter.

Bilds.: Nein, das ist mir schon klar. Konkret will ich bessere Studienbedingungen.

Faul.: Na was denn?

Bilds.: Wie, was denn? Glaubt ihr wirklich, dass diese lächerliche Toilettenordnung uns das kritische Vermögen und die Aufklärung vermittelt, die wir im Kampf gegen dieses System der Unterdrückungsverhältnisse brauchen?

Faul.: Es vermittelt hygienische Verhältnisse! Bevor ihr euch schön überlegen könnt, wie ihr die Republik und die Welt rettet, müssen wir dafür sorgen, dass die institutionellen Rahmenbedingungen des Studiums angemessen sind, und dazu gehört ein sauberes Klo.

Boß: Und ein sauberer Po!

Faul.: Ganz genau, denn hör mal zu, mein Lieber: Wenn wir doch alles verkommen lassen wie bei Hempels unterm Sofa, dann werdet ihr plötzlich krank und könnt nicht richtig denken. Das geht nicht.

Bilds.: Na gut, aber das ist eine Selbstverständlichkeit, das muss sowieso gewährleistet werden. Die neue Toilettenordnung ist aber unzumutbar. Sie ist ein Angriff gegen unsere Freiheit und unsere Privatsphäre.

Faul.: Kontrolle muss sein! Genau diese Werte müssen wir euch für den Erfolg im Arbeitsmarkt vermitteln.

Bilds.: Aha! Jetzt entpuppt ihr euch doch als Betrüger. Der Markt hat euch alle gekauft, es geht euch gar nicht um höhere Bildung, ihr bildet nur billige Arbeitskräfte aus.

Faul.: Mein Lieber, wir wissen ja, wie das geht. Wenn du nicht bei Siemens arbeitest, dann wirst du sowieso in irgendeinem Büröchen zweiten Ranges landen. Wir müssen also dafür sorgen, dass ihr alle euch benehmen könnt. Unser Ruf steht auf’m Spiel! Ich darf doch ein bisschen Verständnis erwarten.

Bilds.: Verständnis erwarte ich dafür, dass ich nicht fünf Jahre meines Lebens investieren möchte, um danach als Bürohilfskraft bei Krethi und Plethi zu schuften.

Faul.: Du kannst machen, was du willst, aber die Werte müssen wir trotzdem vermitteln. Was stellst du dir denn vor? Was willst du denn mit Chemie und Physik machen?

Bilds.: Na ja, ich möchte forschen!

Faul.: Schön! Nach dem Studium kannst du dir ein Labor zu Hause bauen und in Ruhe forschen, wie es sich gehört. Wenn du dann Gold und Silber in deiner Spielbude herstellen kannst, da wirst du Millionär.

Bilds.: Du sollst mich nicht veräppeln! Wer kann sich denn so ein Labor leisten? Ich müsste gleich eine Villa kaufen.

Faul.: Tja, wenn du forschen willst, brauchst du ein Labor.

Bilds.: Das ist mir zu teuer.

Faul.: Dann musst du bei Siemens arbeiten.

Bilds.: Nein, ich will mich nicht verkaufen, ich will mein eigenes Ding machen! Begreift ihr nicht, dass ich allein und frei forschen will? Das ist der Sinn der Sache!

Faul.: Ohne Labor geht’s nicht, mein Lieber.

Bilds.: Ihr sollt dann für bessere Studienbedingungen sorgen, damit ich bei euch an der Uni forschen kann.

Faul.: Aber du wolltest allein forschen! An der Uni bist du nicht allein.

Boß: Eines möchte ich dir raten, bevor du weitermachst. Ich wiederhole mich ein bisschen, aber das ist für einen guten Zweck: Wenn du forschen willst, brauchst du dann mehr Zeit oder mehr Geld?

Bilds.: Natürlich beides! Aber vielleicht ein bisschen mehr Zeit.

Boß: Dann vergiss die Uni. Du verstehst unser differenziertes Konzept nicht.

Bilds.: Wie bitte? Ha! Ihr wollt mich schon rausekeln, nicht wahr? Ich weiß es schon, ich stelle zu viele Fragen, das gefällt eurer Clique nicht, so ist das!

Boß: Du sollst den Mund nicht so voll nehmen. Was hat denn eine Universität mit Forschung zu tun? Wer hat denn hier Zeit zu forschen? Forschen kannst du zu Hause im Labor. Hier wird nicht geforscht, hier wird Karriere gemacht!

Bilds.: Verstehe ich nicht. Was meinst du jetzt?

Boß: Ganz einfach. Hier werden Scheine erworben, hier wird geguckt, wer zur Institution passt und wer auf dem freien Markt landen soll, ja? Gut, wer zum Markt geht, dem wünschen wir alles Gute und tschüs. Wer aber zur Institution passt, der macht, sozusagen, der macht Karriere. Der kriegt erstmal einen Bachelor, dann einen Master, das versteht sich von selbst. Wenn der sich dann benimmt und immer sinnig bleibt und kein Dummzeug redet, dann bekommt er auch eine Promotion, eine Habilitation, eine Professur, einen Raum für Sprechstunden und alles arrangiert sich. Dann wird ein bisschen gelehrt, ein bisschen verwaltet, und so vergeht bei uns die Zeit. Bei uns gibt’s ausgezeichnete Leute, jawohl, Leute von Karriere, ausgezeichnete Kollegen, alle teamfähig. Die sind leistungsstark. Sie leisten einander viel Konkurrenz und Widerstand, das leisten sie alle, und irgendwann steigen einige empor. Das ist die Seele, das Herzstück dieser Institution, die wir lieben und der wir dienen, das ist das Konzept, das Programm, die Dynamik. Zusammen bilden wir ein konkurrenzfähiges System, eine Familie, wenn du so willst. Aber, mein Lieber, sage mir doch um Gottes willen: Was hat denn all das mit langweiliger Forschung zu tun? Wo bleibt denn die Zeit für Spinnerei? Immer sinnig bleiben, das sagte schon mein Vater, der Matrose. Unser Geheimnis heißt Pragmatismus. All das geht dir verloren, wenn du allein in deinem Labor rumsitzt. Das wahre Leben ist hier bei uns!

Bilds.: Aha! Und die ganzen Artikel, die Bücher, die Forschungsergebnisse, wer schreibt sie denn alle, wenn hier nicht geforscht wird?

Boß: Ach, das meinst du? Für alles gibt es doch Hilfskräfte und Mitarbeiter. Wie gesagt, wir haben durchaus konkurrenzfähige Teams von Leuten, die Karriere machen wollen und gern bereit sind, ganz, ganz viel für uns zu schreiben, während wir uns ja um den Pragmatismus kümmern. Dann zeigen sie uns die paar Schriften, die sie verfasst haben, wir geben unseren Senf dazu, wie es sich natürlich gehört, und dann unterschreiben wir. Besser geht’s nicht.

Bilds.: Mein Gott, das ist ekelhaft. Ihr seid ja Mafiosi der schlechtesten Sorte!

Faul.: Ach, jetzt legt er seinen Puritanismus an den Tag.

Unruhe draußen. Schreie. Störung am Bildschirm.

Guth: Hören Sie das? Das muss die Polizei sein.

Faul.: Sie sind da!

Guth: Aber Gott sei Dank, meine Herren, Gott sei Dank wird der Haufen aufgelöst. Ich hatte bereits angefangen, um mein eigenes Leben zu bangen.

Sinnen: Die Entfremdung unserer Jugend, die in diesen Gesprächen zum Vorschein kam, hat mich tief erschüttert.

Fürst: Tja, schade! Offenbar wird kaum verstanden, wofür eine Universität da ist.

Laber: Sicher! Und wenn jetzt der Betrug dieses Universitätsgründers bei uns Fuß fasst, dann ist unsere Arbeit zerstört. Die Banditen werden uns den Rücken kehren.

Sinnen: Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Eines fällt mir aber immer auf.

Fürst: Was denn?

Sinnen: Sie kämpfen mit so viel Inbrust für bessere Studienbedingungen, aber sobald sie bei Siemens anfangen oder beim Kleinbüro und gleich ein bisschen Geld machen, da hört die Inbrunst auf, da haben sie plötzlich keine Zeit dafür.

Fürst: Ich kann mir das auch nicht erklären.

Laber: Immer dieselben Geschichten, immer dieselben Lieder. Mit der Lebensreife, meine Herren, stellt sich eine gewisse Hinwendung zum Pragmatismus ein, und wenn die Banditen in die Vergangenheit zurückblicken, werfen sie schließlich immer einen großzügigen Blick auf uns. Das wundert mich nicht! Was sie erreichen, das haben wir ermöglicht.

Fürst: Das kann ich nur bestätigen, Herr Laber! Auch die problematischsten Banditen, die bei mir in der Vorlesung und im Seminar waren, bestätigen das. Ich treffe sie zufällig hier und da nach vielen Jahren der Stille und das erste Wort ist immer dasselbe: Wie dankbar sie mir sind für das, was ich ihnen ermöglicht und vermittelt habe.

Guth: Fürwahr, meine werten Kollegen, das war eine Auseinandersetzung! Nach diesem Sturm der Ignoranz und des Barbarismus brauche ich ein bisschen Ruhe und frische Luft.

Boß: Aber Herr zu Guth, wir haben noch Termine und Sie haben so viele neue E‑Mails erhalten, teilweise von unbekannten Absendern.

Guth: Herr Faulleiter, hören Sie mich? Sind Sie noch fit?

Faul.: Jawohl!

Guth: Sie können das akademische Protokoll anwenden.

Faul.: Welches?

Guth: E-Mails werden ignoriert, abgesehen von internen.

Faul.: Und wenn jemand persönlich nach Ihnen fragt?

Guth: Dann soll er doch anrufen.

Faul.: Und wenn er anruft?

Guth: Dann soll er eine E-Mail schreiben.




IV. Vierte Sitzung, zwei Tage später.
Guth, Sinnen, Fürst, Laber

Guth: Meine Herren, ach, meine Herren! Eigentlich sollten wir über die übrigen Artikel der Toilettenordnung debattieren, aber die Ereignisse der letzte Tage erfordern eine Krisensitzung.

Laber: Sie meinen, wir werden die Debatte heute nicht beenden?

Guth: Wie denn? Die Welt ist nicht mehr dieselbe! Die Banditen haben eins unserer Gebäude erstürmt und sich dort verbarrikadiert. Das haben wir selbst gesehen, ja fast erlebt. Die Polizei wurde schon zweimal zusammengeschlagen. Der Bürgermeister überlegt sich, die Armee loszuschicken. Die Delinquenten haben eine Republik ausgerufen! Sie haben ihre eigenen Staatssymbole, ja Gesetze entworfen, und noch schlimmer, meiner Herren: Sie haben einen Verwaltungsapparat eingerichtet, einen eigenen! Sie haben ein eigenes Ministerium und ein Kabinett gebildet. Was schauen Sie mich so an? Das ist kein Spaß, wir sind wirklich verloren. Sie haben den Geschmack für Institutionen entwickelt, jawohl, und jetzt haben sie ein Gebäude, sie bestimmen ihre Fristen, sie geben ihre eigenen Scheine heraus. Unser Konzept haben sie gestohlen!

Laber: Ich weiß, wer das war! Das war der Bandit, der sich geweigert hatte, Pornodarsteller zu werden, oder? Aber sicher, der Philosoph ohne Philosophie, der Frustrierte. Schuld daran ist Herr Boß. Ich hatte ja versucht, die Videokonferenz zu unterbrechen, aber der war schneller. Nun hat er den jungen Mann zu sehr aufgeklärt. Nun schickt sich der Bandit an, einer wie Herr Boß, einer wie wir zu sein.

Fürst: Aber meine Herren, ich bitte Sie! Der Bursche hat gar keine Qualifikationen. Wer wird denn diese Republik anerkennen? Gewiss nicht der Bürgermeister. Und welche Studenten oder Bürger wird diese dubiose Anstalt anziehen? Wenn Sie es bei allem Respekt gestatten, werte Kollegen: Das, wovor Sie sich fürchten, ist nicht einmal der Rede wert. Ich habe mich genug über diese Banditen aufgeregt und möchte endlich zur heutigen Tagesordnung kommen. Um Delinquenten muss sich die Polizei kümmern. Also bitte zurück zur Toilettenordnung, Artikel eins und zwei!

Sinnen: Sie unterschätzen die Lage, Herr Fürst! Wir können nicht einfach weiter tun, als ob nichts passiert wäre, als ob diese Studenten nicht eines unserer Gebäude erstürmt und dort einen Parallelstaat gegründet hätten.

Fürst: Ja, was wollen Sie denn tun? Sollen wir jetzt selbst eine Strategie des Ansturms studieren und prüfen, wie wir das Reich zurückerobern? Ich darf daran zweifeln, ob wir dazu in der Lage sind. Nein, ich zweifle nicht, ich bin mir sicher, dass mir zumindest das strategische Wissen fehlt. Ich bin kein Befehlshaber, ich bin ein friedlicher Mensch, der in Frieden leben und fürs Allgemeinwohl und das Wohl dieser Universität arbeiten möchte. Jeder soll den Beitrag leisten, den er am besten leisten kann. Unser bester Beitrag, meine Herren, ist die Aufrechterhaltung der Ordnung an dieser Universität. Dafür brauchen wir unter anderem eine richtige Toilettenordnung, und deswegen treffen wir uns heute.

Laber: Sie haben wohl recht, Herr Fürst, jeder soll seinen Beitrag leisten. Was die militärische Logistik angeht, müssen wir uns auf die Waffen des Staates verlassen. Ich bin grundsätzlich mit Ihnen einverstanden, dass wir heute über die Toilettenordnung debattieren sollten. Der Widerstand, den wir leisten können, ist kein militärischer. Wir brauchen keine Waffen, wir brauchen das richtige Argument, meine Herren, genau, das Argument, um die Banditen wieder auf unsere Seite zu ziehen.

Guth: Das Argument brauchen wir!

Fürst: Aber ganz sicher! Die Videokonferenz mit Herrn Boß, na ja, das war schon ein Anfang. Wir haben aber Zugeständnisse in Bezug auf die Toilettenordnung versprochen!

Guth: Und das ist jetzt die Herausforderung, denn was gibt es noch zu ändern, meine verehrten Kollegen? Wir haben uns schon geeinigt, dass diese Toilettenordnung doch die bestmögliche Verfassung ist. Alles andere wird der Gesundheit dieser Burschen schaden. Hygiene muss sein!

Laber: Pragmatismus muss auch sein, Herr Präsident, das hat unser lieber Herr Boß immer betont. Wir können durchaus einige Zugeständnisse machen, um die Raserei der Banditen zu beruhigen. Wenn die Sache nach zwei Monaten wieder vergessen ist, was machen wir dann? Wir führen die gefallenen Regelungen wieder ein.

Guth: Das ist aber ganz gefährlich, Herr Laber.

Laber: Herr zu Guth, ich weiß, wie das geht. Wir machen das nur schrittweise und fast unbemerkbar. Wenn die Banditen das trotzdem merken, stehen sie dann plötzlich vor vollendeten Tatsachen und werden ohnehin andere Sorgen im Leben haben.

Sinnen: So ist das. Am Ende wird doch unser hygienisches Motto siegen: Ein sauberes Klo und ein sauberer Po! Das hört sich alles wunderbar an und es freut mich sogar, dass wir endlich beim Thema sind. Und da wir schon beim Thema sind: Was sind denn die konkreten Zugeständnisse, die wir den Studenten anbieten werden? Wir brauchen ja das entscheidende Argument, um ihre Banditenliebe zurückzugewinnen.

Stille.

Laber: Was schlagen Sie denn vor?

Sinnen: Mit Vorschlägen kennt sich Herr Boß am besten aus! Was macht er denn jetzt, was treibt der Mann, mit wem, und wo? Der sollte schon längst hier sein.

Guth: Herr Boß hat sich bereits entschuldigt. Er wird, wenn überhaupt, erst sehr spät kommen.

Sinnen: Warum denn?

Guth: Er hat eine wichtige Mission.

Sinnen: Ach so, der missioniert inzwischen gar.

Guth: Das meine ich nicht. Seine Mission ist aber gefährlich: Unser lieber Herr Boß ist mit Herrn Faulleiter losgegangen, um die Urkunde jenes Universitätsgründers, genau, des Betrügers, zu kaufen, bevor der Mann noch mehr Schaden anrichtet.

Sinnen: Ach so, ich verstehe. Dann sollten Sie etwas vorschlagen, Herr Präsident.

Guth: Warum nennen Sie mich die ganze Zeit Herr Präsident? Das hört sich fast wie ein Vorwurf an.

Fürst: Bitte nicht jetzt, meine Herren, die Lage ist kritisch. Ich würde gern einen Vorschlag machen, wenn ich darf.

Laber: Aber bitte, Herr Fürst. Retten Sie uns aus dieser Misere!

Fürst: Gut, wir haben drei Hauptprobleme: Die Kameras, die Kontrolleure und die Frage der Linkshänder. In all diesen Bereichen werden Zugeständnisse erwartet und in allen werden wir einige machen. Erstens: Wozu denn Kameras? Wir haben zu viele Toilettenkabinen und die Geräte sind teuer. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Banditen viele davon beschädigen werden, und zwar regelmäßig. Im besten Falle brauchen wir auch genug Personal, um sich die Videos live anzuschauen. Die Lösung? Zunächst keine Kameras. Wir sagen den Banditen, dass wir uns nach reiflicher Überlegung doch dazu entschieden haben, bis auf Weiteres keine Kameras in den Kabinen zu installieren – das zu den Kameras.

Guth: Aha!

Fürst: Zweitens: Wer braucht denn ständige Kontrollen? Statt einen Kontrolleur vor der Tür aller Toiletten zu platzieren, könnte man ein differenziertes Wanderteam haben.

Guth: Ein Wanderteam?

Fürst: Genau, gar nicht viele Leute! Sie würden gelegentlich von Toilette zu Toilette ziehen, bald für Aufklärungsgespräche, bald für Stichkontrollen. Das wäre viel effizienter und das sollten Sie sich überlegen. Drittens: Ja, die Linkshänder, was macht man mit denen? Ich würde sagen: Gar nichts! Sie fragen, warum? Weil wir sowieso keine Kameras brauchen. Wir brauchen nicht zu wissen, ob wir die Kameras links oder rechts platzieren – die richtige Position wäre sowieso die Mitte! Daher ist es egal, welche Hand die Banditen benutzen.

Langeweile.

Guth: Interessant.

Sinnen: Grundsätzlich interessant, Herr Fürst, aber das ist mir zu mild und lässig. Wir sollten nicht den Eindruck vermitteln, dass wir in allen Punkten nachgeben.

Fürst: Das auf keinen Fall! Wir geben nicht nur nach, wir fügen auch etwas Neues in die Toilettenordnung ein.

Sinnen: Und zwar …

Fürst: Und zwar – ein praktisches Handbuch zur Toilettenbedienung. Das sollte jede Toilettenkabine haben! Und noch mehr, meine Herren, ich bin noch nicht fertig: Künftige Studenten werden gleich nach erfolgreicher Bewerbung bei uns eine Kopie dieses Handbuchs erhalten und noch im ersten Semester eine kleine Klausur darüber schreiben.

Laber: Herr Fürst, das hört sich hervorragend an!

Fürst: … habe ich mir auch gedacht.

Sinnen: Ich bin mir nicht ganz sicher, aber das wäre bestimmt ein Anfang, ein Argument überhaupt, ein Entgegenkommen. Was glauben Sie, Herr zu Guth? Sollten wir neue Verhandlungen mit der Banditenrepublik aufnehmen?

Laber: Auf jeden Fall! Sobald Herr Boß wiederkehrt, besprechen wir alle Details.

Sinnen: Oder sollten wir warten, bis die Armee das Banditenwesen sowieso zerschlägt? Ich meine, das hätte einen Abschreckungscharakter. Wir könnten dann die Toilettenordnung ohne Zugeständnisse durchsetzen.

Guth: Meine Herren, Sie machen sich schon zu viele Gedanken! Wir sollten noch Einiges zum Inhalt klären, die Position der Kameras zum Beispiel. Sie würden nicht in die Mitte gehören, Herr Fürst, sonst könnten sie nicht aufnehmen, was die rechte und linke Hand sozusagen hinter dem Po machen.

Fürst: Wie meinen Sie das?

Guth: Na ja, der Körper steht ja dazwischen bzw. davor!

Fürst: Aber die Kameras kann man auch hinten installieren. Man soll sie nicht an der Türe vor dem Klo, sondern in der Mitte hinter dem Klo installieren.

Guth: Es ist trotzdem eine Frage der Präzision, mein Lieber. Man will nicht so viel Geld investieren, damit diese Spielsachen dann nur ein Flickwerk von sich geben.

Fürst: Inwiefern ein Flickwerk, Herr zu Guth? In der Mitte sind die Kameras so präzis wie links oder rechts.

Guth: Das stimmt nicht!

Fürst: Doch, das stimmt!

Guth: Stimmt nicht, verdammt!

Laber: Herr zu Guth, bitte beruhigen Sie sich. Was ist denn das für ein Benehmen, meine Herren? Die Lage erfordert Besonnenheit. Wir hatten uns doch fast geeinigt, dass wir bis auf Weiteres keine Kameras brauchen.

Sinnen: Das, was wir brauchen, ist ein gewisser Pragmatismus. Vergessen Sie das, was wir tatsächlich brauchen. Das arrangiert sich später. Wichtig ist nicht, was wir brauchen, sondern was wir sagen müssen, und zwar den Banditen. Wie denn nicht? Was wir zu sagen brauchen, das brauchen wir dringend. Das andere kommt später, eins nach dem anderen.

Guth: Gut, meine Herren. Wir sagen also, dass wir zunächst keine Kameras einbauen werden.

Fürst: Nicht zunächst, Herr zu Guth! Der bessere Ausdruck wäre „bis auf Weiteres“.

Guth: Na gut! Keine Kameras bis auf Weiteres. Zufrieden?

Fürst: Herr zu Guth, das meine ich in Ihrem Sinne! Wir werden alle davon profitieren, glauben Sie mir. Man muss nur das richtige Wort finden und bald kommen die Studenten zurück.

Sinnen: Das kann ich nur unterstreichen. Harte Taten verdeckt man am besten mit lieben Worten. Bald werden die Studenten wieder stolz auf ihre Uni und auch auf uns sein. Wir brauchen eine Strategie, um die Jugend vom Nutzen dieser Institution zu überzeugen. Die müssen erst einmal verstehen, was für ein Privileg es ist, eine Universität zu besuchen.

Fürst: Ein Privileg!

Laber: Ganz genau!

Fürst: Aber wie! Bei mir kann sich nicht jeder melden und eine Antwort erwarten. Natürlich nicht! Wenn ich irgendwelche E‑Mails bekomme von Leuten, die meinen, sie haben die Krebsheilung herausgefunden aber doch ein bisschen Hilfe und Fachliteratur brauchen und ein paar Fragen an den Professor haben und weiß der Geier was – um Gottes willen, das nehme ich nicht einmal zur Kenntnis, meine Herren!

Sinnen: Richtig!

Laber: … würde ich auch nicht machen.

Fürst: Wie denn sonst? Wenn ich so eine komische Nachricht bekomme, da frage ich meine Mitarbeiter sofort, ob ihnen der Name bekannt vorkommt, ob der Name ein Student von mir ist. Na gut, wenn das ein Student ist, dann verweise ich auf den Mitarbeiter. Aber wenn nicht, dann wird die Nachricht sofort gelöscht, in den Müll geworfen und alles. Was denken sich diese Leute denn? Ich verstehe nicht richtig …

Sinnen: Bei mir hat sich die Tage auch einer aus dem Nichts gemeldet mit einer Frage – was war das nochmal? – ach so, ja, eine Frage zum Thema volkswirtschaftliche Nachhaltigkeit oder Subsistenzwirtschaft oder Umweltverträglichkeit. Also wirklich … sofort gelöscht.

Fürst: So muss das sein. Ein Professor ist doch keine öffentliche Beratungsstelle. Ich bin bitte schön keine Mutter Theresa, die jetzt gratis lehrt und berät. Ha, ich muss mich schon um meine ganzen Banditen kümmern, meine Rechnungen zahlen – ja, ich muss leben, ich habe keine Zeit für so was!

Sinnen: Eben! Das regt mich so auf!

Fürst: Und dann gibt’s die moralischen Bedenken.

Laber: Moralische Bedenken?

Fürst: Selbstverständlich, Herr Laber. Ich möchte keine Studien und Forschungen unterstützen, die nicht von meinen Studenten kommen. Wenn man ein Unbekannter ist und mir eine E-Mail schickt, weil der bei mir promovieren möchte, gut, dann ist das was anderes. Aber wenn der sich einbildet, er hat was entdeckt, weil er ein Labor zu Hause hat, und möchte das jetzt in der Welt bekannt machen, was habe ich davon? Und wer ist das denn überhaupt? Das muss einer sein, der es selbst gelernt hat, und das ist schlimm, ich will niemanden dazu ermutigen. Wie denn? Sie sollen doch bei mir lernen, Gebühren zahlen, Klausuren schreiben, Scheine und Urkunden kriegen.

Sinnen: So sehe ich es auch.

Fürst: Wenn ein Student von mir etwas entdeckt, dann gehört die Entdeckung so gut wie mir. Natürlich. Man wird den Studenten sehen und sagen: Aha, der war das? Das war doch ein Student von Herrn Fürst, Herr Fürst hat ihm das alles beigebracht. Da könnt ihr sehen, was für tolle Leute Herr Fürst ausbildet. Ohne Herrn Fürst hätte der Typ nichts erreicht. – Das werden sie sagen, das sollen sie auch. Aber wenn der Mann kein Student von mir ist, warum soll ich ihm helfen?

Sinnen: Um Gottes willen, Herr Fürst, Sie werden sich voll und ganz diskreditieren. Die Leute werden auf Sie schauen und sagen: Aha, das ist der Herr Fürst? Der muss sich inzwischen auf fremde Forschung verlassen, weil er selbst und seine Studenten nichts mehr leisten können, die faulen Säcke! – Das werden sie sagen. Nein, nein, das, was Sie machen, ist ganz richtig, man soll niemandem den Eindruck geben, sie können oder sollen etwas Richtiges lernen außerhalb einer Universität.

Laber: Bei mir im Büro werden solche Leute sowieso ignoriert. Nur, ich bin da etwas konsequenter: Auch wenn es ehemalige Studenten sind, das ist mir egal. Wenn sie keine Gebühren mehr zahlen und nicht zur Verwaltung gehören, dann war’s das: Schluss mit lustig! Sie sollen nicht zehn Jahre später an meine Tür klopfen und sagen, sie haben die ganze Zeit selbstständig geforscht und wollen jetzt über Inhalte debattieren.

Fürst: Nein, um Himmels willen, das ist auch das Letzte vom Letzten, Herr Laber, wenn so einer bei mir persönlich erscheint, dann schlage ich ihm sofort die Tür ins Gesicht, damit es wehtut, genau, damit er lernt, wie man sich benimmt. Ha, Inhalte! Das fehlte gerade noch …

Sinnen: Allein die Zeit! Wer hat denn so viel Zeit?

Fürst: Ja, drum! Ich sage ja: Man muss dem Banditenwesen schon klarmachen, aber ganz deutlich, was für ein Privileg es ist, hier bei uns zu studieren. Sie können E-Mails schicken, sie können anrufen, sie dürfen in die Sprechstunde. Was will man mehr, meine Herren?

Sinnen: Was will man mehr, Herr Fürst?

Fürst: Das Problem dieser Banditen ist mir klar: Sie haben zu viel, sie sind verwöhnte Kinder. Sie lernen das Leben im Campus kennen, sie hören von irgendwelchen Ideen auf den Partys, wo sie nur kiffen und ficken, und plötzlich sind sie sozial engagiert, politisch engagiert und so weiter und so fort. Opposition wird zum Selbstzweck. So ist das! Und dann treiben sie ihr Unwesen durch den Campus, jahrelang, und wenn sie erkennen, was für ein Blödsinn das ist, dann ist das Studium schon zu Ende, dann ist der Zug abgefahren, zu spät für sie.

Sinnen: Es ist eigentlich schade.

Fürst: Natürlich ist es traurig. Glauben Sie nicht, dass ich mich darüber freue. Aber es ist so. In jeder Menschenmenge, die Sie zufällig nach einem beliebigen Kriterium nehmen, taugen die Meisten gar nichts und die Guten sind nur ein paar. Bei den Banditen ist es genau so: Die meisten wollen nur kiffen und ficken und prahlen und nach dem Studium heiraten und reich werden. Diejenigen, die wirklich das Privileg erkennen und bei denen es um Inhalte, aber auch um diese ehrwürdige Institution geht, das sind nur einige wenige. Der Rest ist nur Durchschnitt, Mittelmaß und Gesindel.

Sinnen: Eben! Drum sagt ja Herr Boß: Immer sinnig bleiben!

Fürst: Heute bekommt jeder einen Studienplatz. Früher musste man schon ein kleines Genie sein, man musste schon was leisten können. Es hat sich geändert: Der Bürgermeister will ja nett sein und meint, wer einigermaßen sein Abitur schafft, der kann zur Uni. Na gut, das wollte der Mann und das sei ihm gegönnt. Nur, es sind plötzlich zu viele, die jetzt meinen, sie wissen irgendwas. Und wir müssen tatsächlich den Eindruck vermitteln, dass sie was wissen! Sonst haben wir ein Problem.

Laber: Alles arrangiert sich, Herr Fürst, Sie machen sich zu viele Gedanken. Sie stellen ja selbst fest, dass die Mehrheit sowieso Mittelmaß und Gesindel ist. Für sie geht es Gott sei Dank nur um Scheine und Urkunde. Das Studium ist nur ein Weg in die Karriere, oder die Karriere selbst, und das ist gut so. Das Problem sind eher die wenigen. Die sind anspruchsvoll, und diese ganzen Ansprüche, das geht bei uns nicht mehr, das war vielleicht mal so, als es den Kaiser gab, aber jetzt ist es so und so soll es sein. Wir sind pragmatisch, modern und konkurrenzfähig. Was will man mehr? Was braucht man mehr?

Guth: Man braucht jetzt eine Toilettenordnung, meine Herren!

Laber: Hören Sie das?

Fürst: Was für ein Geräusch ist das?

Sinnen: Da kommt jemand!

Herr Boß und Herr Faulleiter treten ein.

Guth: Ach, da sind sie!

Faul.: Da bin ich!

Sinnen: Mein Gott, Herr Boß, Sie haben ganz lange gebraucht. Ich dachte fast, Sie wären schon gestorben.

Boß: Gestorben nicht, aber fast!

Guth: Wie, fast gestorben? Was ist passiert?

Boß: Sie können sich jetzt beruhigen. Ich habe jedenfalls eine wunderbare Nachricht, meine Herren, eine fröhliche Kunde, die mir seltene Tränen bereitet hat.

Fürst: Was ist passiert? Wir möchten doch mit Ihnen weinen!

Boß: Ach, meine Lieben, stellen Sie den Champagner schon bereit und hören Sie genau zu: Die Republik ist gerettet!

Faul.: Gerettet!

Guth: Erzählen Sie, meine Herren, erzählen Sie bitte alles, aber sofort!

Herr Boß zeigt eine feierliche Urkunde.

Boß: Hier! Die Rettung der Republik halte ich in meinen eigenen Händen. Wissen Sie, was das ist? Erinnern Sie sich an den Universitätsgründer, den Betrüger?

Sinnen: Der seine Pamphlete in den Toilettenkabinen aufklebte?

Boß: Genau!

Fürst: Der aufs Land zieht, um dort eine Universität zu gründen?

Boß: Genau!

Laber: Der nur Weberei und Philosophie anbietet?

Boß: Genau!

Guth: Der in der Mensa selbst kochen will?

Faul.: Genau!

Boß: Und der seine Urkunde verkaufen wollte, das Schwein, um einige seiner Kosten zu finanzieren! Ich habe seine Urkunde gekauft.

Fürst: Donnerwetter!

Laber: Meine Güte!

Guth: Zeigen Sie mal!

Boß: Hier! Und damit können wir mit dem Plan gleich loslegen: Herr von Sinnen, rufen Sie bitte den Bürgermeister an. Er wird heute ruhiger schlafen. Herr Laber, rufen Sie gleich die Polizei an. Wir erstatten Anzeige wegen Betrugs. Wie denn nicht? Der Mann kann seine Qualifikationen nicht mehr nachweisen, wenn er das vorher überhaupt konnte. Herr Faulleiter hat bereits die Presse kontaktiert: Ein Skandal kündigt sich an!

Guth: Das hört sich herrlich an! Es freut mich, Herr Boß, dass mindestens eines unserer Probleme nun gelöst zu sein scheint. Ich muss aber sagen, ich war verwirrt, als Sie die Rettung der Republik gerade bekanntgaben, natürlich, denn Sie wissen wahrscheinlich, dass der Staat nicht mehr die einzige Republik in dieser Stadt ist. Seit die Banditen das große Gebäude erstürmt und ihre eigene Republik ausgerufen haben, scheint das ganze Spiel dieses Betrügers ja nur das kleinere Übel zu sein.

Boß: Es freut mich auch, Herr zu Guth, dass Sie die Lage mit Ruhe und Besonnenheit betrachten. Es stimmt, wir haben jetzt mit einer Banditenrepublik zu tun. Aber auch daran dachte ich, als ich vor einigen Stunden meine gefährliche Mission erfüllte. Wir müssen die Sache so sehen: Die Entlarvung des Betrügers wird die Angelegenheit der Banditen schwächen. Sie wird alle Gegner unserer ehrwürdigen, traditionsbewussten Institutionen in ein dubioses Licht stellen. Verstehen Sie, was ich meine? Genau! Die Banditen werden bald erkennen, dass ihre Revolte nicht zukunftsfähig ist und sich nicht einmal finanzieren können. Keine Sorge, Herr zu Guth! Die Abtrünnigen kommen zurück.

Guth: Das hört sich aber sehr selbstsicher an, Herr Boß, mehr vielleicht, als die Besonnenheit empfiehlt. Oder wissen Sie etwas, was ich noch nicht weiß?

Boß: Lieber Herr zu Guth: Die Abtrünnigen kommen zurück, weil wir ein besseres Konzept bieten.

Guth: Aber welches? Sie lehnen sämtliche Institutionen ab!

Boß: Weil sie nicht daran teilnehmen.

Guth: Aha! Jetzt sind Sie ein Verfechter der Partizipation geworden?

Boß: Aber nein! Die Banditen sollen an der Verwaltung teilnehmen, aber nicht an Entscheidungen.

Guth: Und sie werden sich das gefallen lassen?

Boß: Es geht diesen Menschen nicht um Entscheidungen. Sie beneiden die Macht und den Glanz der Verwaltung, sie bewundern Autorität.

Guth: Solange sie nicht gehorchen müssen.

Boß: So ist das. Was machen wir also? Wir engagieren diese Menschen bei uns in der Verwaltung. Herr Faulleiter hat bereits Verhandlungen aufgenommen. Das Konzept ist wie gesagt ganz einfach: Die Anführer der Banditen arbeiten bei uns als Koordinatoren für dies und das. Ihre Jobs werden schöne Titel haben. Man wird auf sie schauen und sagen: – Mensch, der sitzt jetzt bei der Verwaltung, guck an, der ist jetzt ein ganz Großer, und der macht bestimmt was für uns! Früher war der doch bei uns! – Verstehen Sie, was ich meine? Die angestellten Banditen werden sich wichtig fühlen. Das wollen sie alle, dafür erstürmen sie ja Gebäude. Na gut! Wir gönnen ihnen gern die Wichtigtuerei, und sie werden sich so wichtig fühlen, meine Herren, dass sie gar nicht merken werden, dass sie gar nichts zu sagen haben, dass sie gar nichts entscheiden. Urteilen Sie nun selbst, Herr zu Guth, ob die Republik gerettet ist oder nicht.

Guth: Fürwahr, Herr Boß! Sie sind die Seele dieser Universität. Ich weiß nicht, was ich ohne Sie machen sollte.

Boß: Aber mein Gott, wo ist denn der Champagner? Wir haben zu feiern, meine Lieben, und ich habe Durst!

Herr Laber bringt Flaschen und Gläser.

Laber: Gedulden Sie sich noch, Herr Boß, ich bin doch kein guter Kellner, geschweige denn, wenn ich vor solcher Freude überwältigt bin! Ich schenke schon, ich schenke schon! Aber erzählen Sie bitte, Sie meinen, Sie wären fast gestorben. Wie haben Sie denn diese schöne Urkunde gekauft?

Herr Boß labt sich am Champagner.

Faul.: Das kann ich selbst erzählen, während unser Held seinen Durst löscht. Gleich am Morgen gingen wir los, und am Mittag erreichten wir das Zelt, die Bude des Betrügers, wo er gerade eine Vorlesung über differenzierte Gewinnmaximierungsprozesse bei Plato und Aristoteles hielt. Herr Boß ergriff dann die Initiative und stellte sich als Herrn Cornelius de Cornus vor, eine weltanerkannte Autorität in klassischer Philologie und angewandter Medizin. Der erlauchte Herr Cornelius de Cornus hub gleich an und erläuterte sein Vorhaben, eine stattliche Internistenpraxis in der Hegenhagener Hauptchaussee zu gründen, spezialisiert auf Magenspiegelung und seltene Darmphänomene. Mein Gott, war der Mann beeindruckt! Der ehrwürdige Herr de Cornus erläuterte sein Bedürfnis, die Praxis nur mit der crème-de-la-crème auszustatten, damit seine Patienten sich gleich beim Betreten seiner Stätte eines wohligen Lebensgefühles erfreuen. Eine Urkunde wie jene im Angebot wäre selbstverständlich die exquisiteste Krönung einer ganz einmaligen, ja, wie soll ich sagen: eines exklusiv luxuriösen Dekorationskonzepts, an dem der hochverehrte Herr Cornelius de Cornus mithilfe seines bescheidenen Sekretärs, den der Betrüger in meiner Person erkannte, zehn Jahre lang in peinlicher Sorgfalt arbeitete. Das gefiel dem dubiosen Anbieter, und er verlangte viel Geld für sein Stück. Ein Betrag wurde genannt, worauf der erlauchte Herr Cornelius de Cornus sofort aufstand: Er sei nicht daran gewöhnt, mit Geld umzugehen, und seit zwanzig Jahren berührt er aus ethischen wie hygienischen Gründen weder Münzen noch Scheine. Das ist, so habe ich dem niedrigen Mann höflich geflüstert, ganz unter der Würde eines Medizinkönigs, eines Menschen seines Ranges, und der Betrüger zeigte viel Verständnis dafür. Da setzte sich Herr de Cornus wieder und erklärte leise, freilich etwas verlegen, dass eine solche Transaktion leider nur in Gold möglich wäre, und siehe, da nimmt der weltberühmte Doktor und Altphilologe aus seiner Tasche aus englischem Edelleinen zwei gewaltige Barren in Glanze sondergleichen, und dies mit einer frommen Diskretion, die manche von Ihnen zu Tränen gerührt hätte. Der Universitätsgründer zeigte aber nach wie vor viel Verständnis für die schwierige Lage und den Adel seines Käufers, und nach reiflicher Beratung mit seinem Verwaltungsapparat erklärte sich der Bandit zur Transaktion bereit. Dies geschah. Wir waren beide schon glücklich auf dem Rückweg, meine Herren, als ein bedrohlicher Haufen uns zu verfolgen begann, und zwar mit dem ungebührlichen Vorwurf, Herr Cornelius de Cornus hätte falsches Gold von sich gegeben. Die Bande geriet außer sich. Sie waren bewaffnet, sie schossen auf uns. Da ereignete es sich, dass der ehrwürdige Herr Cornelius de Cornus beinah sein Leben verlor, als ein Schuss die edlen Locken seiner Rokokoperücke traf und meinem Herrn ein unwohliges Gefühl bereitete. Ich rettete sein Leben! Ich warf mich der ungebändigten Menge entgegen, während der andere die Perücke gen Boden warf und hinter einem Gebüsche verschwand. Nur ich blieb, umschlossen von Menschen verderblicher Sorte. Ich wurde bestraft. Ich musste meine Freiheit mit wahren Münzen bezahlen, meine werten Kollegen, und mit Diensten, die ich nicht näher erläutern sollte. Aber ich hatte stets das Allgemeinwohl vor Augen und pflichtbewusst erbrachte ich dies unrühmliches Opfer. Nun ist die Angelegenheit des Gerechten siegreich. Wie lauten noch die ersten Zeilen unserer Hymne? O Hegenhagen, du bist gerettet!

Alle trinken und singen.

Alle: O Hegenhagen! Du bist gerettet!

Laber: Zum Wohl, meine Herren, auf Herrn Boß, auf Herrn Faulleiter!

Sinnen: Sie verdienen ein Verdienstkreuz. Ich kann meinen tiefsten Dank für Ihr Opfer nicht genug zum Ausdruck bringen. Auf die Retter der Republik!

Fürst: Retter der Republik!

Das Telefon klingelt. Herr von Sinnen nimmt den Anruf an.

Sinnen: Von Sinnen! Ja … Guten Tag, Herr Bürgermeister.

Laber: Alles gut?

Sinnen: O nein! Das kann nicht wahr sein, Herr Bürgermeister!

Boß: Was?

Sinnen: Bis gleich! Auf Wiederhören.

Boß: Was ist passiert, Herr von Sinnen? Sie sind ganz blass.

Guth: Dem Mann schwindelt! Was ist denn los?

Unruhe.

Sinnen: Die Banditen …

Guth: Was?

Sinnen: Der Betrüger …

Fürst: Wie?

Sinnen: … sind jetzt zusammen … (Herr von Sinnen fällt in Ohnmacht.)




V. Privatkabinett von Professor Guth, am folgenden Tag.
Guth, Sinnen, Fürst, Laber

Guth: Wir müssen schnell handeln, bevor es zu spät wird.

Laber: Aber was sollen wir tun?

Sinnen: Wir haben schon alles versucht.

Fürst: Fast alles, aber eben nicht alles. Es muss noch eine Lösung geben.

Guth: Es wird eine Lösung geben! Herr Boß und Herr Faulleiter sind wieder auf Mission.

Fürst: Sie schaffen das, das schaffen sie! Ich kann nicht im Ernst glauben, dass diese unglückliche Zusammenkunft der Elemente überleben kann.

Sinnen: Wer hätte das gedacht, verehrte Kollegen? Was für ein Schwindler! Sobald der Mann erkennt, dass er falsches Gold in der Hand hat und seine Karriere kurz vor dem Aus ist, was macht er? Na, was macht er? Er geht zu den Banditen, er bietet Himmel und Erde an, und was machen die Banditen? Na, Sie schweigen schon? Was machen denn diese Banditen, meine Herren? Sie ziehen los und folgen dem Mann! Da kampieren sie alle vor dem Zelt des Betrügers und hören sich irgend eine Platovorlesung an, während der Mann mit der anderen Hand seine Kartoffeln für die Mensa kocht! Ist das eine Universität? Ha! Und das ist nicht alles. Die Hälfte, die da sitzt, arbeitet schon in der Verwaltung. Es heißt, sie sind ja Selbstverwalter. Genau! Da sitzen der Vizepräsident, der Schatzmeister, der Koordinator, der Geschäftsführer, der Teamleiter, weiß der Geier was noch. Alles Studenten im ersten Semester. Partizipation nennen Sie das?

Laber: Was das ist, meine Herren, das wage ich nicht zu sagen!

Sinnen: Dann schweigen wir lieber! Lieber sollen wir schweigen!

Guth: Das ist das kleinste Übel! Das würde für sich allein noch nichts, aber gar nichts bedeuten. Hier! Sehen Sie das?

Herr zu Guth zeigt auf die Zeitungen.

Laber: Wie jetzt? Wieso zeigen Sie uns diese Zeitungen, Herr Präsident? Kann es sein, dass eine gewisse Vorahnung, die ich hatte, eine ganz böse, sich nun bewahrheitet hat?

Fürst: Sie sind ein bedächtiger Mann, Herr zu Guth! Sie wollen doch nicht insinuieren, dass …

Guth: Wir sind auf der ersten Seite aller Zeitungen in Hegenhagen, wir alle ohne Ausnahme: Der größte Skandal der Hegenhagener Geschichte. Alles schonungslos aufgedeckt! Ich weiß nicht, ob wir diesen Schlag überleben.

Fürst: Meine Güte, wir sind verloren! Was sagen sie denn, Herr zu Guth? Nehmen sie überhaupt Stellung zur Sache?

Guth: Die Sache ist gegessen! Stellung nehmen sie natürlich, und zwar gegen uns. Und der Bürgermeister ist beeindruckt. Der lässt sich seit heute morgen nicht mehr erreichen. Dreimal habe ich schon versucht. Ich glaube, er will nichts mehr von mir wissen.

Fürst: Wahrscheinlich von uns allen. Ich kann’s nicht fassen!

Sinnen: Moment mal! Wir müssen klar denken! Der Bürgermeister ist kein Idiot. Er wird die Lage in Ruhe bedenken und erkennen, dass die Banditen doch Banditen sind. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass der Mann sich von einem Betrüger zweiten Ranges beeindrucken lässt.

Guth: Verstehen Sie noch nicht, Herr von Sinnen, dass diese gefährliche Mischung aus Betrug und Banditenwesen dieser Institution das Wichtigste zu stehlen droht, wenn sie es noch nicht gestohlen hat? Unser Konzept haben sie gestohlen! Verwaltungsapparat, die Scheine, die Urkunden, die Fristen, die Regeln: Alles gestohlen, alles verloren. Das ist eines der größten Plagiate aller Zeiten.

Fürst: So wird’s nicht bleiben! Wir ziehen vor Gericht: In Hegenhagen gibt es nur eine anerkannte Universität und das sind wir, andere darf es gar nicht geben. Wer hat sie denn akkreditiert? Und was haben sie denn zu bieten außer Verwaltung und Kartoffeln?

Guth: Mehr bieten wir im Grunde auch nicht, Herr Fürst. Im Grunde war das unsere Stärke! Aber was machen wir jetzt?

Laber: Herr Boß kriegt das schon hin, der Mann ist nicht dumm!

Guth: Genau das ist meine Sorge, Herr Laber! Ich wäre froh, wenn er dumm wäre.

Laber: Wie bitte? Nein, Sie meinen nicht, dass … Nein, ich verstehe nicht richtig, was Sie meinen, Herr zu Guth. Herr Boß?

Das Telefon klingelt.

Sinnen: Das muss er sein!

Guth: Ich mache das schon … zu Guth! Hallo! Hören Sie mich? Ach ja, da sind Sie, Herr Boß, um Gottes willen, wir dachten schon … was geht? … wie? … unmöglich! … nein, das dürfen Sie nicht, Herr Boß, hören Sie mal zu … ja … aber … versuchen Sie mindestens … ach so! … ja … ich verstehe … und sind Sie sicher, dass … aha! … aber das können wir uns nicht leisten, das ist zu viel … o je … das hört sich katastrophal an …

Sinnen: Was ist denn los?

Guth: Augenblick bitte, Herr Boß! … Meine Herren! Herr Boß wurde entführt, Herr Faulleiter ist verschwunden.

Laber: Wie bitte?

Fürst: Verdammt!

Guth: Und die Banditen verlangen jetzt eine halbe Million, um die Geisel freizulassen. Warten Sie mal … Herr Boß? Sind Sie noch da? Hören Sie mich? Ach ja, da sind Sie. Wir brauchen doch Zeit, wir müssen uns überlegen, ob … nein, aber, wer wird das denn bezahlen und wie? Außerdem … Der Bürgermeister? … Aber der will nichts von uns wissen, der ignoriert uns schlicht und einfach! So ein Schwein ist das. Ich meine … ganz genau! Nur … ich weiß, ich weiß … alles klar, Herr Boß, aber Sie müssen uns auch helfen!

Fürst: Ich brauche meine Tablette, mir geht’s gar nicht gut.

Guth: Gut, Herr Boß. Dürfen wir die anrufen? Gibt es eine Nummer? Ach so! Und wann rufen sie uns wieder an? Es ist ja … aber Herr Boß, ich bitte Sie … und wer ist denn der Anführer? Dürfen wir nicht mit ihm sprechen? Wenn … na gut, wir warten dann. Bis bald! Aber Herr Boß! Bitte vergessen Sie uns nicht. Wir brauchen Sie … wir werden alles tun, um zu … alles klar! Wiederhören.

Sinnen: Nun raus mit der Sprache! Mein Gott, lebt er noch?

Guth: Das war’s mit uns …

Sinnen: Wie?

Guth: Na was wie?

Sinnen: Na wie was wie?

Guth: Natürlich war’s das! Wo werden wir das Lösegeld finden? Die Kassen sind fast leer. Drei Viertel unserer Studenten sind auf einmal weg. Wenn wir eine halbe Million ausgeben, um den Mann zu retten, bleibt uns nichts übrig: Wir müssen die Uni schließen.

Sinnen: Und wenn wir das nicht ausgeben, dann ist der Mann tot?

Guth: Noch schlimmer.

Laber: Wie, noch schlimmer?

Guth: Dann behalten sie Herrn Boß bei sich in der Verwaltung!

Fürst: Noch eine Tablette!

Sinnen: Ich verstehe. Wenn dem so ist, Herr zu Guth, dann brauchen Sie sich keine weiteren Gedanken zu machen. Herr Boß ist verloren, das heißt, wir sind alle verloren. Wie denn nicht? Versetzen Sie sich in seine Lage hinein. Er ist umgeben von motivierten, verwaltungsfreundlichen Banditen, die ihm alles bieten werden, damit er bleibt und uns nie wieder sieht. Was wird ihm denn nutzen, zu uns zurückzukehren? Herr Boß ist ein Pragmatiker. Für richtige Treue ist er zu pragmatisch. Der wird da bleiben!

Laber: Mein Gott, ich bitte Sie, Herr von Sinnen! Wie reden Sie über Ihren Kollegen?

Sinnen: Ich meine nicht, dass er bereits losging in der Absicht zu bleiben. Aber es ist so gekommen, wie es eben gekommen ist, der Mann muss jetzt zwischen zwei Alternativen entscheiden und der wird sich schon mit dem Besten arrangieren. Anders kann ich mir das nicht vorstellen, nicht im Fall von Herrn Boß.

Fürst: Es wundert mich nicht, dass der Bürgermeister sich nun von uns fernhält. Dahinter steckt bestimmt auch die Hand von Herrn Boß. Ach, Herr von Sinnen, Sie sind zu naiv, das war schon alles so arrangiert. Der Betrüger hat Herrn Boß schon vorher bekehrt, als er die Urkunde kaufen wollte. Der ist dann zum Doppelagenten geworden. Das ist seine Art.

Laber: Und jetzt sind wir dran!

Sinnen: Aber richtig dran!

Guth: Herr Boß wird gar nicht wieder anrufen. Ich kann mir schon vorstellen, wie er gerade sein Know-how anwendet, um die Verwaltung der neuen Institutionen auszubauen. Der hat so gut wie im Lotto gewonnen. Der wird so viel Macht wie noch nie in seinem Leben haben. Mein Gott, was für ein Verräter.

Sinnen: Verräter der Republik!

Guth: Und wehe, wenn wir die halbe Million zahlen! Noch ein Grund für ihn zu bleiben. Tja, meine Herren, was soll ich noch sagen? Das ist so bedauerlich. So sollte es also kommen.

Sinnen: So nicht, Herr zu Guth! So nicht! Sie sind noch der Präsident dieser Universität. Es tut mir leid, wenn ich Sie daran erinnere und Sie dadurch verletze, aber das muss jetzt gesagt werden. Wir brauchen eine starke Führung, mein werter Kollege, um dieses, wie soll ich es nennen, ja, dieses richtige Unheil zu überwinden. Zögern Sie nicht, Herr zu Guth, wir hören zu. Was haben Sie denn vor, was können wir machen?

Stille.

Guth: Eines ist sicher: Gegen Herrn Boß können wir nicht konkurrieren. Das wäre Zeit- und Geldverschwendung. Nein, wir brauchen gar nicht daran zu denken.

Sinnen: Definitiv nicht!

Laber: Und was brauchen wir dann?

Guth: Wir brauchen ja … ein Gegenkonzept! Und zwar ein ganz radikales.

Fürst: … verstehe ich nicht.

Guth: Ganz einfach. Das muss ein einzigartiges Angebot sein – etwas, was nur wir bieten können, etwas Einmaliges.

Fürst: Das leuchtet mir ein, aber es kommt auf die Idee an. Was haben Sie denn vor?

Guth: Tja, wie soll ich es sagen? Im Grunde brauche ich mehr Zeit, um das Konzept selbst zu verstehen. Ich kann nur versuchen, Schlüsselgedanken zu äußern.

Laber: Aber bitte, Herr zu Guth. Darauf kommt es jetzt an, wir haben nicht so viel Zeit. Aber wir sind hier zu helfen. Vier Köpfe denken besser als ein Kopf.

Guth: Möge das wahr sein, Herr Laber!

Laber: Erläutern Sie nur Ihre Idee, verdammt nochmal, und dann sehen wir weiter.

Guth: Im Grunde ist es sehr simpel, Herr Laber. Man muss nicht wirklich philosophieren. Man muss nur fragen, was die Lage ist und was Sache ist. Die Lage ist die: Wir haben jetzt einen Gegner, und der Gegner ist übermächtig. Wir können dem nichts entgegenstellen. So! Was bietet denn der Gegner an? Na ja, der bietet alles, was wir bisher geboten haben, und zwar mit viel mehr Erfolg und Vorteilen. Und was ist das? Das sind: Institutionen, bald auch richtige Gebäude, Scheine, Fristen, Regeln, Urkunden und alles, was dazu gehört, kurzum ein Verwaltungsparadies für Durchschnitt, Mittelmaß und Gesindel. Das war bis vor Kurzem unsere Spezialität, das geht aber nicht mehr. Das ist jetzt Tatsache.

Laber: So kann man das sehen.

Guth: Schön! Das Gegenkonzept? Das ist eine Universität, die für Durchschnitt, Mittelmaß und Gesindel nichts zu bieten hat. Ja, was gucken Sie mich so an? Das geht nicht mehr, das ist passé, unser Konzept wurde geklaut! Es bleibt uns nichts übrig, denn die Banditen haben alles mitgenommen, sie haben sämtliche Strukturen dieser Universität geklaut, sie haben uns Herrn Boß geklaut, soll ich noch mehr sagen? Was haben sie zurückgelassen? Na! Sie schweigen? Ich sage ja, was sie zurücklassen haben. Sie haben nur Bücher zurückgelassen, nur irgendwelche Bücher. Nur, irgendwelche Bücher handeln ja von irgendwelchen Inhalten. Und jetzt ist es so: Geblieben sind nur irgendwelche Inhalte, und mit irgendwelchen Inhalten muss man sich jetzt auseinandersetzen. Den Zenit, den wir damals erreichten, den können Sie vergessen. Die Zukunft ist düster, ich weiß, sie mündet in eine Dystopie, wo wir uns nur noch um irgendwelche blöden Inhalte kümmern können. Stellen Sie sich das vor, meine Herren!

Laber: Das ist fürwahr eine Tragödie, Herr zu Guth. Wir werden uns degradieren.

Guth: Wir müssen uns aber profilieren, Herr Laber, das müssen wir! Wir sind zwar geschlagen, aber nicht tot, noch nicht. Wir sind zwar in Ungnade gefallen, aber noch dürfen wir weitermachen. Ich weiß nicht, wofür Sie bereit sind, meine Herren, aber ich bin bereit, alles für dieses Gegenkonzept zu geben. Ich fange sofort an. Wo ist mein Stuhl? Ach so, hier, ich setze mich hin, denn ich muss die Verfassung dieser Universität radikal umschreiben.

Sinnen: Nur eine technische Frage, Herr zu Guth.

Guth: Ja?

Sinnen: Kommen wir noch zurück zur Toilettenordnung?

Guth: Die fetten Zeiten, mein Lieber, sind vorbei. Toilettenordnung ist was für Durchschnitt, Mittelmaß und Gesindel. Das gibt’s nicht mehr bei uns. Und zwar, das geht schon gleich mit dem Bewerbungsverfahren los. Die Banditen haben uns die Massen geklaut? Na gut, wir wollen keine Masse. Von nun an ist es so: Bei uns studiert nur, wer sein Abitur mit mindestens 1,0 bestanden hat. Genau!

Fürst: Aha! Sie planen also eine Eliteuniversität, Herr zu Guth?

Guth: Sie können sie nennen, wie Sie möchten, Herr Fürst. Für mich ist es aber ein Gegenkonzept. Schluss mit lustig! Zweitens: Wer hier studieren möchte, der, oder auch die, bitte schön, muss eine Aufnahmeprüfung bestehen, bei der es um Inhalte geht, irgendwelche Inhalte. Und das wird keine leichte Prüfung sein.

Fürst: Das kommt mir bekannt vor.

Guth: Also muss es noch radikaler sein. Bei uns geht es von nun an um Gelehrsamkeit. Wir müssen Leute anziehen, für die Wissen und Erkenntnis alles im Leben ist. Dafür brauchen wir noch mehr Auslese. Was tun wir also? Sprache der Aufnahmeprüfung soll Latein sein. Wer nicht fließend Latein schreiben kann, der braucht gar nicht an uns zu denken. Noch mehr? Na gut! Die Verkehrssprache im ganzen Campus wird auch Latein sein.

Fürst: Aber Herr zu Guth, das ist ein bisschen „out of touch“ mit der Realität, wer spricht denn Latein, und dann auch fließend?

Guth: Realität, Herr Fürst? Realität finden Sie bei Herrn Boß und seinen Banditen. Bei uns finden Sie keine Realität. Bei uns finden Sie ewige Wahrheiten und Gelehrsamkeit über alles. Wer kein Latein kann, das ist Durchschnitt, Mittelmaß und Gesindel, das ist der intellektuelle Abschaum, den wir nicht mehr haben können. Tja, meine Herren, wir müssen uns abheben. Wir müssen zeigen, dass wir anders sind. Und wir sind anders, indem wir radikal sind. Das Engagement gegenüber diesen blöden Inhalten muss kompromisslos und bedingungslos sein. Mit dem alten Konzept wollen wir nichts mehr zu tun haben. Das machen wir klar.

Sinnen: Interessant. Aber wer wird sich dann bei dieser Universität bewerben, Herr zu Guth?

Guth: Die Guten! Gelehrte, Genies, Intellektuelle. Der Bewerber schickt sich an, Philosophie zu studieren? Dann muss er doch nachweisen, dass er mindestens das ganze Werk von Plato, Aristoteles und Kant gelesen hat. Wie denn nicht? Für uns ist das Allgemeinwissen. Der will Linguistik oder Philologie studieren? Schön! Er muss dann sieben Sprachen sprechen, und vier davon dürfen keine indogermanischen Sprachen sein, wobei Latein und Altgriechisch nicht dazu zählen, die sind noch weniger als Allgemeinwissen, die sind Elementarwissen. Ja, was denn sonst? Ein Gelehrter liest keine Übersetzungen.

Laber: Aber ich bitte Sie, Herr zu Guth, wie können sich die Bewerber leisten, schon so viel Wissen vor ihrer Bewerbung zu erwerben, auch wenn es Allgemeinwissen ist? Dafür brauchen sie viel Zeit und Muße, das heißt, sie brauchen auch viel Geld.

Guth: … sollen sie auch haben. Unbedingt! Es ist leider so, Herr Laber: Wer sich kompromisslos und bedingungslos für Bildung und Erkenntnis engagieren will, der braucht Muße. Wer sich Sorgen um seine Zukunft machen muss, wer an eine Karriere denken muss, wer überhaupt arbeiten muss, der kann zu Herrn Boß und seinen Banditen gehen, der bildet dann aus. Ich bin mir sicher, sein Verwaltungszirkus hat einen Platz für jeden. Erkennen Sie jetzt das schöne Theater, das uns gestohlen wurde? Herr Boß hat im Lotto gewonnen, meine Lieben, aber richtig! Seine Uni ist modern, berufsqualifizierend und konkurrenzfähig. Mit offenen Türen empfängt sie alle, die ein akademisches Alibi für irgendwelche Karrieren brauchen. Dieses Alibi bietet Herr Boß, das kann er wie kein anderer. Na gut, die angehenden Banditen sollen natürlich den Eindruck haben, dass das Ganze eine gewisse Tiefe hat, das ist auch wichtig. Aber letzten Endes geht es Gott sei Dank nur um die Karriere. Bei uns ist es jetzt anders: Wir dürfen kein akademisches Alibi bieten, das Theater ist vorbei. Wir bieten Bildung als Selbstzweck. Wir bieten Wissen und Erkenntnis als unabhängige Größen.

Fürst: Ich fange an, Ihr Konzept zu verstehen, Herr zu Guth. Es ist jedenfalls eine Universität für wenige – für sehr wenige.

Guth: Das hängt mit der Natur der Sache zusammen, Herr Fürst. Von allen Menschen, die sich mit einem Fach, einer Kunst, einem Wissensbereich beschäftigen, sind die meisten immer nur Durchschnitt, Mittelmaß und Gesindel. Die Guten und die, die wirklich einen Unterschied machen, sind immer nur wenige. Genau diese wenigen wollen wir: Nur diese!

Laber: Schön und gut! Wo bleibt denn der Pragmatismus, Herr zu Guth? Wie wird sich diese Universität der wenigen finanzieren? Der Bürgermeister wird uns kein Geld geben.

Guth: Ich wollte gerade dazu kommen, Herr Laber. Wir haben keine Wahl: Wer sich bei uns bewirbt, muss zweierlei tun. Erstens muss er oder sie nachweisen, dass sein Lebensunterhalt fürs ganze Leben gesichert ist. Er soll einen Eid ablegen, dass er sich sein Leben lang ausschließlich mit der Wissenschaft beschäftigen wird. Er darf nicht arbeiten. Zweitens soll er bei erfolgreicher Bewerbung eine einmalige Gebühr entrichten und zwanzig Prozent seines Vermögens mit sofortiger Wirkung der Universität vermachen. Das nenne ich natürliche Auslese. Man wird sich schon zweimal überlegen, bevor man sich bei uns meldet.

Sinnen: Ich kann kaum mein Lachen unterdrücken, Herr zu Guth. Wenn es so weitergeht, wird diese Universität bald zu einer Heiratsagentur werden.

Laber: Wie?

Fürst: … verstehe ich nicht.

Guth: Heiratsagentur?

Laber: Wie meinen Sie das, Herr von Sinnen?

Sinnen: Nun ja, es ist klar, dass dies nur eine Akademie für Reiche sein kann wie mancherorts in England, wo adlige Eltern ihre Kinder in ein oder zwei Unis schicken, damit sie dem Ruderclub beitreten, und wo alle Reichenkinder unter sich sind, damit die Oligarchie genau unter sich bleibt und Mann und Frau sich kennenlernen und heiraten und das Vermögen erweitern – also doch ein akademisches Alibi für Reichtumsabsicherung.

Guth: Sie haben die Sache nicht begriffen, Herr von Sinnen: Nur weil Bobby Reich eben reich ist, kann er doch lange nicht sein Kind zu uns schicken, nein nein! Das Kind muss sein Abitur mit 1,0 bestehen, es muss das entsprechende Allgemeinwissen eines Universalgelehrten wie Leibniz haben und eine langwierige Aufnahmeprüfung auf Latein bestehen.

Fürst: So sehe ich es auch. Das Kind muss alle Voraussetzungen erfüllen, ohne Ausnahme. Nun, es wird schon vorkommen, dass zwei hochbegabte Gelehrte, Mann und Frau, sich ineinander verlieben und heiraten. Aber dafür können wir nichts.

Guth: Ganz genau! Eine Heiratsagentur für Reiche wird das nicht sein. Es wird auch Arme bei uns geben, meine Herren.

Laber: Arme?

Sinnen: Aber wie? Wie können sich Arme all das leisten und die Voraussetzungen erfüllen?

Guth: Unmöglich ist es nicht. Ein Mensch kann arm sein und sein Abitur mit 1,0 bestehen. Er kann arm sein und Latein sprechen. Er kann arm sein und sich lebenslang für Bildung, Wissenschaft und Gelehrsamkeit aufopfern wollen.

Sinnen: Und was für ein Vermögen kann er dann spenden?

Laber: Und wie soll er nach dem Studium weiterleben, wenn er nicht arbeiten darf? Er wird doch einen Eid ablegen.

Guth: Genau hier werden wir den Unterschied machen! Wir werden diesen Menschen helfen.

Fürst: Sie meinen – durch Stipendien?

Guth: Nicht wirklich.

Fürst: Wie denn sonst?

Guth: Wenn ein Mensch die Aufnahmeprüfung besteht und die radikalen Voraussetzungen erfüllt, dann hat er automatisch einen Platz bei uns. Wer kein Geld hat, meine Herren, der wird gar nichts bezahlen! Dafür wird’s genug Spenden geben, und für diese Fälle sind die Spenden da.

Fürst: Interessant. Und nach dem Studium werden sie … Toiletten bei Herrn Boß putzen?

Guth: Nein! Hören Sie zu, ich trage das Konzept vor! Die Akademie muss dafür sorgen, dass ihre Gelehrten nach dem Studium ausschließlich für ihre Gelehrsamkeit leben.

Laber: Aha! Wie Sokrates am Prytaneum?

Guth: Nein.

Sinnen: Durch eine Lebensrente?

Guth: Nein.

Fürst: Wie denn?

Guth: Sie kennen wohl das Universitätsgut unweit des Feenwaldes, oder?

Fürst: Ja …

Guth: Sie wissen ja, dass das Land momentan ungenutzt ist, oder?

Sinnen: Ja …

Guth: Dort werden wir eine akademische Siedlung gründen, genau, eine selbstgenügende Siedlung für lebenslange Forschung.

Sinnen: Wie bitte?

Guth: Sicher! Nach seinem Studium wird ein jeder dieser Siedlung beitreten dürfen, der kein Vermögen hat.

Sinnen: Aber sie sagen selbstgenügend! Das ist dann eine unglückliche Wortwahl. Sollen sie dort etwa arbeiten?

Laber: Wie sollen sie denn forschen?

Guth: Gemach, gemach, meine Herren! Nein, in dieser Siedlung kann die Arbeit leider nicht abgeschafft werden. Die Siedler werden arbeiten.

Laber: Mein Gott, das hört sich furchtbar an.

Guth: Dann hören Sie mal zu: Jeder wird höchstens vier Stunden pro Tag auf dem Land arbeiten, damit genug Essen und Kleidung produziert wird. Für den Rest des Tages darf und sollte man sich seiner Wissenschaft und seinen persönlichen Projekten widmen.

Laber: Interessant.

Fürst: Diese Siedlung ist nicht zukunftsfähig.

Guth: Warum nicht?

Fürst: Was passiert mit den Paaren, den Familien und ihren Kindern? Wo werden die Kinder zur Schule gehen? Und werden die Kinder so intelligent wie ihre Eltern sein? Und was machen wir, wenn die Kinder dumm sind? Sollen wir Doofe unterhalten?

Guth: Nein, gar nicht. Es wird keine Familien geben. Wer braucht denn Familie? Wer eine Familie will, der muss seine Forschung aufgeben. Die Angelegenheit der Wahrheit, meine Herren, verlangt ein kompromissloses, bedingungsloses Opfer. Tja … bei Klöstern gibt’s auch keine Familien. Man kann nicht alles haben.

Fürst: Wunderbar! Wie wollen Sie denn die ganze Fickerei bei den Alumni unterbinden, Herr zu Guth? Wie soll das gelingen?

Guth: Was für Begriffe, Herr Fürst. Selbstverständlich werden Männer und Frauen in unterschiedlichen Siedlungen leben.

Fürst: Aber auch da kann es zur Fickerei kommen.

Guth: Dafür kann ich nichts, Herr Fürst. Hauptsache, keine Kinder werden gezeugt.

Fürst: Aha! Aber dann können Mann und Frau doch zusammenleben. Sie brauchen nur die richtige Verhütungsmethode.

Guth: Was sie wirklich brauchen, Herr Fürst, ist ein priesterlicher Zugang zur Erkenntnis. Sie sollen ausschließlich dieser Angelegenheit dienen. Sie sollen nicht heiraten. Sie sollen sich nicht verlieben. Sie sollen als Freunde leben, welche die Menschheit als Ganzes lieben.

Fürst: Aber Herr zu Guth, ein bisschen Lebensfreude …

Laber: Eine erotische Dimension sollte es schon geben, Herr zu Guth.

Guth: Man kann nicht alles haben, meine Herren. Wer heiraten will, muss für seine Familie sorgen. Das ist eine schöne Mission, aber das ist nicht die Mission derer, die nach der Wahrheit suchen.

Sinnen: Und kann man nicht das eine mit dem anderen verbinden …

Guth: … sodass das eine nur als Alibi für das andere dient oder im Weg des anderen steht? Das ist ein ganz frivoler Zugang, in dem wir übrigens Herrn Boß nicht überbieten können. Wir hatten uns doch geeinigt, dass wir ein Gegenkonzept brauchen.

Fürst: Sie können sich auf mich verlassen, Herr zu Guth! Ich werde Sie unterstützen.

Laber: Ich auch! Nur, wie wird man diese Siedlung von der Globalisierung fernhalten, damit sie wirklich in Ruhe forschen kann? Sollen sie keinen Zugang zur Technologie haben?

Guth: Grundsätzlich spricht nichts gegen Technologie, Herr Laber. Ein Gelehrter, ein Wahrheitssuchender braucht aber keine Unterhaltung. Den Zugang zum Wissen werden wir natürlich so gut wie möglich in der Siedlung erleichtern. Unsere Gelehrten sollen aber nicht leben wie die Banditen von Herrn Boß, die ja gern den ganzen Tag vor dem Fernsehen, vor Google und Facebook sitzen, am Sack rumkratzen und alles cool finden, bevor sie ein bisschen lesen – vor der Studentenparty, wo sie wieder kiffen und ficken. Das wird’s bei uns nicht geben, das gehört zu Durchschnitt, Mittelmaß und Gesindel.

Laber: Kein Internet also.

Guth: Internet schon – für die Bücher, für das Wissen. Aber keine frivole Unterhaltung. Wer sich unterhalten will, der kann beten, der kann sich mit seinem Nachbarn unterhalten oder einen Spaziergang im Grünen versuchen. Man kann auch meditieren. An Zeit für Entspannung wird’s nicht fehlen, definitiv nicht.

Fürst: Ein paar Zeitungen müssen wir aber schon abonnieren, damit die Banditen – ich meine in diesem Fall die Gelehrten – wissen, was sich in der Welt abspielt.

Guth: Ganz genau. Aber bitte gedruckte Versionen, Herr Fürst.

Sinnen: Und wenn sie sich mehr Freiheit wünschen, Herr zu Guth?

Guth: Dann können sie gehen. Wir werden niemanden aufhalten. Sie können Karriere machen, heiraten und reich werden. Die Welt wartet nur auf sie!

Sinnen: Aber dieses Phalansterium oder wie auch immer Sie es nennen darf sich nicht abschotten. Der Staat wird das nicht dulden, er wird die Siedlung in das ganze System integrieren wollen. Schließlich wird der Staat seine Steuern verlangen.

Guth: … darf er doch, das zahlen wir gern. Indem wir zahlen, setzen wir uns durch! Wir haben gar nichts gegen den Staat. Es geht nur um eine friedliche Siedlung, Herr von Sinnen.

Sinnen: Aber Latein muss trotzdem jeder können. Doch wer braucht noch Latein?

Guth: Gerade weil niemand Latein braucht, verlangen wir Latein, damit nur Leute sich bewerben, die das Studium nicht als bloßes, urkundlich dokumentiertes Alibi brauchen, um bei Siemens einen Job zu bekommen, wie Herr Boß gesagt hätte. Wer genau wusste, dass keine Karriere etwas von Latein wissen will, und trotzdem Latein lernte, dem geht es tatsächlich um Gelehrsamkeit. Den brauchen wir unbedingt.

Sinnen: Das ist ein durchaus gewagtes Konzept, Herr zu Guth! Das muss ich wohl sagen.

Guth: Gewagt soll es auch sein, meine Herren, denn darauf kommt es jetzt an. Das sind im Grunde meine ersten, lückenhaften Gedanken zum Gegenkonzept.

Laber: Was haben wir alles verloren, mein Gott, und mit was für Monstrositäten wir uns nun auseinandersetzen müssen. So eine Dystopie steht also bevor! Das ist fürwahr ein schwerer Tag für Verwaltung und Beamtentum.

Guth: So ist das. Mein Gegenkonzept freut mich überhaupt nicht, aber wir müssen konsequent sein. Wenn Sie bereit sind, mir zu helfen, wird das Gegenkonzept uns doch gelingen, so dystopisch es auch ist.

Laber: Tja, Herr zu Guth, was haben wir dem entgegenzustellen? Was sein muss, muss sein. Ich werde Sie nicht verraten.

Fürst: Und ich habe genug bekräftigt, dass ich auf Ihrer Seite bin und bleibe, Herr Präsident.

Guth: Herr von Sinnen?

Sinnen: Ich bleibe bei Ihnen!

Das Telefon klingelt.

Guth: Warten Sie, meine Herren! Das könnte doch Herr Boß sein.

Unruhe.

Fürst: Mein Gott! Und wenn er doch kein Verräter ist und zurückkehren möchte?

Laber: Und wenn die Banditen ihn freilassen wollen? Herr Boß ist in Lebensgefahr, wir dürfen ihn nicht im Stich lassen.

Guth: Soll ich wirklich den Hörer abnehmen?

Sinnen: Wenn Sie abnehmen, welches Konzept nehmen Sie an?

Laber: Wenn er nicht abnimmt, wird jemand ermordet, verdammt!

Unruhe.

Guth: Ich weiß nicht, was ich tun soll …

Laber: Nehmen Sie doch ab! Es ist ein Fall von Leben und Tod.

Sinnen: Nein, bitte nicht!

Fürst: Schnell, entscheiden Sie sich, die Zeit vergeht!

Herr zu Guth nimmt den Hörer ab.

Guth: Zu Guth! Hallo? Wer ist da?

Fürst: Ist er das? Was will er? Kommt er zurück?

Guth: Ich verstehe, aber … und die Entführer überlegen sich … und was macht Herr Faulleiter? Wo ist er? Ach so … Dann muss der Bürgermeister … noch mehr Geld? Aber … ich bin mir nicht mehr so sicher …

Unruhe.

Laber: Herr zu Guth, wir sollen doch gemeinsam entscheiden, bitte sagen Sie uns kurz, was Herr Boß von uns möchte!

Sinnen: Bereut er jetzt seine Taten?

Guth: Ich glaube, Herr Boß, das geht zu weit. Das können wir uns nicht leisten.

Laber: Herr zu Guth, es ist ein Fall von Leben und Tod!

Guth: … nein … nein, das machen wir nicht, weil Sie uns verraten haben! Herzlichen Glückwunsch, Herr Boß, Sie sind ein Retter der Republik! Sie haben das ganze Ministerkabinett für sich gewonnen und es wird jetzt ein Leichtes für Sie sein, Ihr eigenes Konzept zu retten. Bei uns haben Sie nichts mehr zu suchen!

Herr zu Guth legt den Hörer auf.

Stille.


ENDE




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