GEORG SOLZ

APOLLO AN DAPHNE

Index



© Greg Ory 2008 – 2018, Record L 5, Engl. Apollo to Daphne, june 2008 to november 2014, Hamburg and Hampshire, dactylic hexameter, 1033 lines, lyric-epic poetry, German.




I.

Singe, Muse, die Leiden eines seltsamen Herzens.
Daphne, die grausame, hat auch mich zur Liebe verurteilt
Ohne Hoffnung. Ich will nicht klagen laut in den Himmel,
Nicht auf den Boden werfen Leib und Träne - vergeblich.
Nur ein Pfeil des Cupido reicht und gleich sich verlieben 5
Jung und Alt und kein Gesindel wird jemals erspart.
Selten nur hat ein Weiser irgend Ruhe gekannt,
Wird ein Herz ja bald zum Himmel, bald zu der Hölle
Stürmen, nur in weiten, kaum erreichten Wüsten gesehen.
Was? Du willst noch preisen die Kinder solcher Gefühle? 10
Flieh, ich warne, vor diesem Begehren. Genügend Verwirrung
Hat ein Pfeil bereits gestiftet, das ohne dein Wünschen
Wütet in jenen dunklen Eingeweiden des Leidenden.
Willst du wirklich frei dem Sturme dich ergeben,
Ohne Kampf, um der Welt des Weisen Bestand zu beweisen, 15
Suchst ja sogar durch Trank und Tanz dein Verderben?
Alter Schwede! Dein Los hat man beweint - und zu Recht!
Allzu spät du wirst uns erscheinen und weinen herum,
Sollten Giftes Pfeile dich treffen. Du wurdest gewarnt! ||
Lasst uns lieber, Tante, die neuen, metallischen Schläge 20
Gegen die Brust des Phoibos beklagen. Willst du betrügen
Noch mein Herz? Ich weiß, dass meine seltsam Geliebte
Daphne mir entschwand, für immer. Wohin? Ich versuche
Umsonst, meine Spur zu finden. Wer hat, ich erflehe
Deine Antwort, mir die schönste der Dirnen entwendet? 25
Doch ich weiß es, mein Blümlein ging allein ihres Weges,
Liebte mich, den Armen, nie, und mein simples Schicksal
Soll ich nicht beklagen, habe doch immer gewusst.
Doch was macht ein Tor, wenn tief im Fleisch eine Lanze
Schon durchbohrt den Leib? Cupido sieht, wie er blutet, 30
Lacht aber nur. Und niemand wünscht, verliebt zu sein.
Der Wind, er weht und wütet, wohin er will, wie der Zufall,
Trifft mal diesen, trifft mal jenen: plötzlich sie lieben,
Wissen nicht warum und lieben - die einigen glücklich,
Manche schweigend. Wird zurückgewiesen der Komische, 35
Welche Mächte weisen die Strahlen im Herzen zurück?
Zeit, o Muse, Geduld allein soll Leidende retten.
Manche Liebe währt durch die Jahre, wartet auf Wunder,
Hofft beim mindesten Schein und schließt die Augen vergeblich.
Nicht zu Grunde richten du kannst, du sollst sie vergessen, 40
Solche Pein - das Übel der Brust behandeln zum Mindesten,
Denn es mag ja sein, dass es nimmer heilt in der Tiefe,
Und nicht des Arztes Hand wird greifen dort, nicht leicht. ||
Rosen? Die Zeiten, da man verwechselte Busen mit Blumen,
Sind vergangen, mein lieber, heute sind die Brillen viel besser, 45
Wagt ein Dichter lange nicht mehr einen solchen Vergleich!
Ist die Liebe die Blume, der Wind, der verblassende Duft?
Weniger, wohl, als das. Sie gleicht dem Grillen im Park.
Legt die Hand die Stücke roh und flach auf das Gitter,
Wer zuerst gegriffen, hat das Spielchen gewonnen. 50
Sorry, mate, ich wollte nicht verderben dein Hoffen,
Aber wenn du dorthin gehst, um nach Blumen zu suchen,
Kannst du kaum die Düfte riechen, es wird ja gegrillt,
Glaub es mir, wohin dein armes Auge nur reicht.
Jene holden Blumen, von denen du träumtest die Jahre, 55
Wirst du nur im Friedhof finden - krass ist der Geist.||
Daphne, liebes Wesen, wenn bloß ich hätte gewusst
Einst, dass es Herzen nicht gibt, dass wir sie erfinden
Wie ein Kinderspiel, das unerfahrene Hände
Werfen gen Boden, tretten gar mit Füßen wie Bälle, 60
Ulkrigen Fußball... Auch den Schmerz wir haben erfunden?
Blut ist noch lange kein Gefühl, aber ach, die Vergiftung
Dringt hinein und regt sich und pocht, betrügt den Verstand.
Plötzlich dünkt sich glücklich jener arme Verliebte,
Weiß nicht, welches Leid das Gift bereitet der Kiste, 65
Glaubt sogar, das Lächeln des Busens beweise die Liebe,
Lebenssinn in Leib und Seele. Die Blumen, sie schweigen.
Schlecht ist beraten, der wähnte, nur die eine, die einzige,
Könnte den Sturm im Magen stillen - die trotzigen Kinder
Geben sich zufrieden allein nach langem Beharren, 70
Zeitverlust und verlorenen Worten. Da helfen Gedichte
Wenig, auch die längsten Bekenntnisse, Briefe, Berichte -
Nur das Schweigen beruhigt. Daphne! Ich dachte sogar,
Du würdest bald Apollon lieben, sobald du erführest,
Welches Maß, mit welchen seltenen Worten sich kleidet 75
Meine Lust, die kaum gesprochen, gehört und gelesen.
Was vermag ein ganzes Wörterbuch zu bewirken?
Bald ein Gähnen. Mancher wähnte sich besser gestellt,
Gütiger Himmel, der lieber helle Farben betrachtete
Und wollte seine Liebe gar durch seltsame Rufe 80
Künden der Show und klagte, alles erinnert an seine
Schöne. Und dennoch gar kein Viech erbarmte sich sein.||
Öfter kam es vor, dass Liebende wurden verwundet
Öffentlich, auch gehasst, da sie das Schweigen gebrochen.
Noch erinnert sich Apollo, wie Daphne durch Nächte, 85
Wege, Städte Hilfe rufend rannte und keuchte.
Hasse mich, Geliebte, da ich nun lege zu Füßen
Dir mein Herz, verweise deines Wesens den Armen.
Mancher hat gesagt in solcher komischen Lage,
Seine Liebe reichte für zweie. Doch in der Liebe, 90
Ist sie ehrlich, findet Rhetorik keinen Gebrauch.
Willst du wirklich lieben solche grausamen Blätter?
Jede Rührung der Hand sie wies mit Dornen zurück!
Aber Tausende Dornen werden die Lust verletzen,
Nicht zerstören, nie, Begehren. Am Dorn ich erkenne, 95
Selbst am Dorne das Schöne. Blühe, Geminnte, und liebe,
Dass du mögest verstehen, wie ich verachte mein Blut,
Dieses, das gern dein Dorn vergießt. Ich harre der Wunden.||
Lasst uns aber vergessen, Mama, den härtesten Stein.
Daphne ist verloren. Alle Klagen sind lächerlich. 100
Lasst uns still mein Los beweinen, dass nie sie vernehme
Wieder meine Stimme, verhasst und des Geistes verwiesen.
Ich habe, Sterne, einst den Schein mit Augen verglichen,
Ihren Strahlen. Jeder tut es. Das Zimmer des Liebenden
Wird ja gern in den Himmel verwandelt. Lichter von ferne 105
Geben dem Sinn Vergessenheit, einen trügenden Flimmer,
Dunkel, verlassen - Tempel nimmer möglicher Freuden,
Nur ein Bild in der Seele: Verderben! Himmlische Hoffnung,
Jede Liebe glaubt sich göttlich. Doch Daphne allein,
Sagte ich einst, verdient mein Herz. Es glühen die Adern, 110
Doch die Sterne sind kalt, und fern. Nimmer erreichbar.
Nicht die Hand eines Traumes vermöchte, sie zu berühren,
Weilen doch die Träume im Bette, zwischen den Kissen,
Sorgen, Tränen, Wesen aus Wind - ein leeres Gedränge.
Lächle, verlorene Freude, ich drücke die Kissen und küsse. 115
Wie? Du willst mit Sternen sprechen? Ach, du erwartest
Wohl, dass die sagen, was nur ein Maul dir sagen könnte,
Nur ein einziges. Nicht die hellsten Lichter verkünden
Jemals, wann die Wunde vergeht und das Ende des Blutes.
Mancher hat die Größe des Kummers mit jener des Himmels 120
Gar verglichen. Was bezweckt dieses Lob der Tränen?
Nein, es gibt natürlich mehr von Sternen im Himmel,
Mehr als Tropfen im Auge. Maße die Klage gefälligst
Nimmer derart sich an! Ein Seufzen bedeutet nur wenig.
Still ist der Tempel des Liebenden. Klein. Einfache Worte. 125
Niemand kümmert sich. Litanei gehört in die Kirche.
Viel Gelaber verwirrt sogar den besten der Freunde.
Lege dich hin aufs Bett und endlich vergiss die Geliebte!
Manches Bett ertränkte die Zeit. || Endet die Liebe,
Die wahre Treue? Ich wollte fragen die Götter, die krassen, 130
Doch die Himmlischen wissen wenig, ob jemand des Abends
Liebet noch wie des Morgens. Dieser weitere Morgen,
Wird er sein? Sobald es ist, es wurde zum Jetzt.
Dieser Eindruck, du werdest morgen lieben und länger,
weil du liebest jetzt, die Lehre hat manchen betrogen. 135
Dir erscheinen Ewigkeiten gleich einem Weilchen,
Mir erschien, mignonne, ewig ein Weilchen der Liebe.
Lasst uns aber solche Gedanken besser bedenken,
Ehe wir irren wie Rilke, lange Briefe verfassend.
Wie? Du wolltest nur beschützen einst die Geliebte, 140
Die Blume drücken an deine Brust? Lass die Geschichte,
Meister, bitte, du wirst nicht viel erreichen mit Sagen.
Dass solche Liebe waltet in dir, fließt in den Adern,
Macht dich nicht besonders, und nicht besonders du bist,
Wenn du versprichst, du werdest mehr als alle sie lieben. 145
Sage nicht, du willst sie tief berühren und streicheln.
Hats ja schon öfter gegeben, Händchen halten und tiefer:
"Gib mir, Daphne, deine Hand. Aus unseren Seelen
Wird ein Kuss nur Eine machen." Schlechte Rhetorik -
Wer kein Priester ist, der lasse die Seelen in Ruhe! 150
Ich hatte aber so tief an lachende Augen geglaubt.
Nie dein Herz war meinem nah, und ich wähnte zu sehen,
Grausame, Wunder - ach, Vergessen, ich möge vergehen. ||
Ich sollte lieber lachen, denken der klügeren Kinder,
Die ziehen durch die Reeperbahn mit saufenden Scharen, 155
Stets verwickelt in Fickereien, in wilden Gewimmeln
Durch die Gegend, abgefahrene Kneipen und Diskos,
Neuen Flirts mit krassen Mädels, gewaltigen Zicken,
Immer geil und nur gesichtet im Hamburger Berg.
Hast du wirklich Glück, dieweil du samstags treibst 160
Ungehemmt dein Unwesen? Nicht in höhlischen Nischen
Wird Apollo jemals die treffliche Muse finden.
Aber vieles hätte vielleicht der Werber gewonnen,
Hätte er nicht gezaudert, die Daphne einzuladen
Nach Hause - hätte sicher mehr erfahren, zum Mindesten, 165
Oder nicht, da eine wie Daphne öfter nicht wusste,
Was sie wirklich wünschte - abgesehen vom Flirt.
Manchem hat es geholfen, sie ins Zimmer zu nehmen,
Rasch die Tat zu ergreifen, gleich ein Quickie darauf:
Hat ja trotzdem bald die Greta Garbo verloren - 170
Wusste sie doch nicht, was oder wen sie begehrte.
Solchen schnellen Spaß du sollst dir lieber ersparen,
Spätestens nach den letzten pubertären Neurosen.
Toll, dein Auto hat schon richtige Wunder bewirkt.
Doch nach all den Jahren willst du Spiele noch treiben? 175
Irgendwann, mit der Reife, beruhigt sich das Gemüt.
Letzten Endes trifft dich früh oder später der Tod:
Ernsteres brauchst du dann als bloßer Flirt und Fick -
Eines aber ist sicher: zum Glück gehört eine Wette. ||
Meine Daphne bleibt mir nach wie vor die Rosette 180
Voller Dorne, eine, die nicht ein göttliches Auge
Mochte erkennen, womöglich nur bestehend aus Schein,
Bis sie welke, die kein Auge sie wollte erblicken,
Nimmer wird den Namen liebender Tropfen vernehmen,
Lieber vegetiert als regloser Baum ohne Früchte. 185
O des Verliebten tiefe Verwirrung, ich wähnte sogar,
Ein Blättchen jenes Baumes zu sein, gedankliche Frucht.
Ich? Gefallenes Laub. Der Wind wird fegen den Schatten.
Nicht eine leichte Regung meines Kummers sie merkte,
krasse Rosette, ist nun weit vom Verstande entfernt, 190
Unerreichbar wie ein duftendes, blödes Geheimnis.
Welkende Pflanze, möge mit dir die Hoffnung welken,
Erinnerung einer kaum erfahrenen Freude, entschwunden,
Denn mein Herz ist nur ein Kelch vergessener Tränen.
Bald ich werde mich verschütten und dürsten erneut 195
Nach solchem Trank, dem Kelche, ewig traurigem Traum. ||
Geheimnis lässt mich endlich ruhen im schwindenden Wahn.
Komme, Nacht, bedrücke die Brust, erlösche die Lichter,
Zeige dem Tollen das Tal, in dem die Stimmen verstummen,
Nicht die Klagen der Barbies, nicht Lieder werden vernommen. 200
Einst ich gedachte, Daphne mit Lyren, Lauten zu singen,
Lachte gar. Du lachst? Verschließe, Weiser, dein Herz,
Verwandle die Seele dein in einen kräftigen Stein,
Dass nicht der böse Wind, die See im Sturme sie schlage
Wie die Fluten einst des Nordens Länder verschlangen. 205
Anderen Falles wird dein Herz zum Fluss ohne Ufern,
Weder Schilder noch die Hand eines Schiffers dir helfen.
Wenn die Fluten weichen, Verliebter, lache noch nicht:
Oft in der Tiefe des Steins die böse Wurzel sich regt.
Zierlich sieht sie aus und einfach - zierlich und einfach. 210
Wie? Du wähntest, als erster des Übels Lösung zu finden?
Etwas Bescheidenheit schadet nicht. Erinnerung schadet,
Stetig Gedenken gewesener Tage, Verlangen nach Lippen.
Zeus! Du hast Apollon nicht gesagt, dass die Götter
Lieben, gleich der gängigen Brut vergänglicher Helden - 215
Nicht enthüllt, wonach das flüchtig Fühlen nur trachtet.
Dieses nennen olympische Götter Edles im Menschen,
Das jeder verständige Mann als bloßes Elend erkannte?
Sind die Schritte zwischen Freuden und Gräueln so kurz?
Anders hatte ich einst gehofft und anders die Tanten 220
Sangen Liebender Segen, Lieder, trügende Tänze,
Derer nur sich schämt im Schweigen verführtes Gemüt.
Singe, Muse, die Leiden meines hageren Herzens!
Ich erkenne, beim Zeus, des Busens grausam Gespött,
Und ich, verlorener Gott - der auserkorene Clown.|| 225
Jeder Kneipenkerl hat einst gewarnet Apollon,
Jeder dem Bacchus ergebene Schurke besser gewusst,
Dass nur in Märchen ein Mann die Blume wird finden,
Hat ja selbst der arme Werther erfahren, das Schwein!
Drum hasse ich Heiratsagenturen und Herzen und Kneipen. 230
Nicht Apollon genügen die Liebeleien des Netzes.
Halt, ich will nicht glauben, was ich gerade entdecke -
Freilich sind die Busen Tyrannen, Tränenbeförderer.
Krass, das Geschäft ist mächtig, müßig der Götter Gewalt,
Kann ja selbst das Finanzamt kaum verknacken die Frevler. 235
Wie? Man hat mich so zum Besten gemacht und ich träume
Noch von Düften? Doch ich träume wohl, ich gesteh es,
Spielt das niedrige Spielchen keine Rolle im Schweigen -
Übrigens, Zeus, ich bin nüchtern -, keine Rolle im Schweigen.
Also niemand wird die Tränen trocknen des Leidenden, 240
Keine Hand, und Gerüche schwinden wieder wie Schatten.
Doch ich bin stumm, seit ich erfahren die Enge des Himmels,
Klein wie eines Sterblichen Stück und schwer wie das Fleisch:
Selbst das liebend Gemüt ist lediglich Fleischers Genuss?
Schlage aus, mein Müdes! Ein himmlisch Gemisch nicht passte, 245
Nimmer, hinein in das schwache Gefäß. Ich gieße vergeblich,
Blume mein. Ein kleiner Topf ist mühlos übergelaufen,
Blüten deshalb bunt, weil sie der Liebe nicht fähig.||
Soll ich lieber hoffen als hadern? Der Winter bedeckt
Die Welt in Schatten. Dass Liebe Licht der Hölle bereitet, 250
Feuer, nicht gelöscht vom Herbst, und Glück in der Kälte
Funkelt, Lust im Leid, und nicht der nächtliche Schlund
Den letzten Schatz des Armen stiehlt? Verdächtiges Hoffen,
Frommer Wunsch, und dennoch, Daphne, ich hatte gehört
Im Himmel von Superlippen, in denen Sommer nicht endet. 255
Sollte ich alles verlieren, behalte vom Toten, ich bitte,
Nur den Atem, Verlangen nach Küssen bestatte mit mir.
Endlos werden Winter wehen dem Weinenden Nacht.
Jetzo schenket nur Hauch mir Hiebe. Täusche den Augen,
Sternenschein, und tröste zersetztende Wunden mit Wind. 260
Zeige wie einst dem Frohen Augen geliebter Gestalten,
Erneut ich möge sagen, ich möchte sie ewig erblicken.
Lieber soll ich erblinden, ertauben lieber, vergessen,
Je Gesang aus Daphnes Munde vernommen zu haben:
Noch erklingt im Sinne Singen, süße Verderbnis. 265
Erhebe, Mond, dein halbes Blau aus finsteren Höhlen,
Verschütte dunkles Denken über die seltsamen Seelen.
Wagte ich wirklich, Muse, Daphnes einst zu gedenken,
Sie mit Mondes Schein zu vergleichen - wagte zu lachen,
Ich, als malte der Flimmer geliebtes Antlitz im Wahne? 270
Ja, ich wünschte gar, dass der Mond den Händen glich,
Den meinen, dass ich vom Himmel herab berührte mir ewig
Verschlossene Löcher, ich dann entdeckte, welches Geheimnis
Herzen von Herzen trennt. Die Blumen aber verstummen.
Wird Apollo seiner Geliebten Händchen noch halten? 275
Schütze, lieber Mond, Gemüter vor Wahn und Verlangen
Nach Nimmermöglichem, ferner noch verborgen als Sterne.
Möge die Liebe der Toten sich verwandeln in Staub.
Sage nicht, ich bitte darum, dass Bilder betrügen,
Träume keinen Tag ertragen, dass Dämmerung Träne. 280
Habe ich nicht gekannt der Zeiten gemeines Geschäft?
Doch ich wähnte, ich liebte mehr als die Träume
Meine süß Geliebte. Mehr als die Träume Wahrheit
Waltet nur, doch Wahrheit Apollons einsames Harren.
Lass die Wellen, Poseidon, ertränken traurige Toren, 285
Die Farben mehr als Wahrheit lieben. Ich liebe die Lüge,
Daphnes Schein als ob der meine, und wäre sie wertlos,
Mir der Edelstein, dem Staub und Scharten nicht schaden -
Mir dieselbe bliebe das Blümlein, wie immer geminnt.||
Medizinische Kenntnisse schützen vor Schande, gewiss! 290
Kranke Gedanken wie Hirngespinste richtig zu deuten
Hilft bei der Wahl geeigneter, therapeutischer Stoffe.
Letzten Endes ersparst du deinen älteren Freunden
Famose Auftritte. Wie? Du hast vergessen, schon wieder,
Jenes Treppenhaus, da die Nachbarn morgens, um vier, 295
Dich nackt und fröhlich singend fanden? Möge lieber
Dein innig dem Poseidon geopfertes verschwiegen bleiben.
Nein, der Meldung solcher Highlights trefflicher Liebe
Tue ich Eintrag, dass die coole Selbstsophisterei,
Dergleichen damit sein Bewenden habe - und Schluss. 300
Jetzt ist Daphne ein krasser, schattenfettiger Baum.
Lass mich, Muse, menschlich reden. Die Nähe der Liebe
Scheint mir Ferne, Gefühle mir geschlossener Brunnen.
Nenne den Arzt, der meiner Heilung Mittel verschreibe,
Dass nicht ein zweites Mal ich kotze, einsam vergehe, 305
Seltsam, ohne Kenntnis und fest an Ewiges glaubend.
Werde ich aber wirklich geheilt? Es waltet im Wissen
Wenig Wert, und lieben zu wissen ist Liebe vermissen.
Weder weiß ich zu lieben noch die Worte zur Liebe
Findet mein Fluss, und ich beneide keinen der Weisen. 310
Ist es richtig, dass tief die Klage brennt in der Brust,
Keine Brücke nach außen findet, erkaltet im Ewigen?
Nie war mir die Liebe vom Mitleid so weit entfernt,
Trost ein Tropfen, kleiner gar als vergebliches Wort.
Mich, Poseidon, lass das Glück in den Wogen erfinden, 315
Meer der nimmermöglichen Antwort, ein flüssiges Glück.
Ob in mir das Menschliche nur, das Göttliche weint,
Will ich dem Rätsel überlassen verwirrender Fluten.
Lache, wer da leben will, und lasse das Trauern.||
Ich erkenne bereits die Witze olympischer Musen, 320
Einst mein Los zu belächeln, freche Götter zu warnen.
Spiele sollen Apollon Männer des Berges bereiten,
Jährlich ich werde bedenken, dass nimmer wurde gehört
Von Herakles, dieser ward mit Lebenskraft entbrannt
Je für irdisch, himmlisch Weib und zugrunde gerichtet. 325
Bann ich soll es nennen, im Banne Daphnes ich atme!
Aber wie gedachte die Daphne, mich zu verführen,
O Geheimnisse blöder, nie geheilter Verblendung,
Da seit der ersten Stunde der Wahrheit voller Verwirrung
Sie rannte schneller denn olympische Renner bei Flucht, 330
Als nicht die Ehre, sondern das Leben retten sie müsste,
Dass keiner wusste, ob einen Gott oder Gräuel sie sah?
Ward es, ich frage, je von höheren Göttern gewollt,
Dass unter allen Großen den Gott der größten Schönheit
Sie, die schönste der Frauen, wies Apollon zurück? 335
Unerhört! Ich hatte ja bessere Achtung verdient.
Gut, ich sehe, das Mädel hat sich nicht verknallt,
Braucht ja nicht. Doch so vor aller Augen abhauen
Von wegen meiner Blicke, gehört sich sicherlich nicht.
Heute gibts ja viel elegantere Arten und Weisen, 340
Einen Korb zu geben, wobei - und wohlbemerkt! -
Es ist nicht so, als ob ich mich völlig rangemacht,
Das Mädchen nicht richtig in Ruhe hätte gelassen;
Frage, wer da will, olympische Musen, ich bitte,
Ob Apollo sich als billiger Stalker entpuppte. 345
Bei aller Bescheidenheit - ich kenne bessere Arten.
Nur es ging mir echt auf den Geist, es hat mich empört -
Solch ein Auftritt -, ich wurde bloßgestellt und belacht.
Darum habe ich mich, ich gestehe, so quatschig betragen,
Hinter die Schritte gleich gerannt, um der Pute zu zeigen, 350
Wo der Hammer hängt. Und jetzo heißt es - wer glaubt es! -,
Ich vergehe vor Schmerz! Immer die Hälfte der Wahrheit.
Gut, ein bisschen amour passionnel mag liegen daran,
Hat von jeher mancher Freund versucht, mich zu warnen,
Aber dass Apollo durch Wälder und Wüsten gerannt, 355
Sinn und Verstand total verloren, Spritt verschwendet,
Solche Sprüche lasse ich mir mitnichten gefallen,
Stimmt das Ganze nicht! || Ich muss die Sache erklären:
Erstens, glaubt noch jemand, dass einer meines Ursprungs
Wohl geruhte, hinterherzulaufen den Sterblichen? 360
Nicht so dürftig, mein Lieber, ist olympische Wahl.
Zweitens, hinter Daphne rannte ich aus dem Grunde,
Weil den edlen Mädchen nicht ziemt ein solches Benehmen,
Ich wollte jenem dämlichen Leben Erleuchtung nur bringen,
Meinen Götterpflichten folgend. Ich folgte nicht willig! 365
Drittens, ich war in das Mädel nicht zum Sterben verliebt.
Ja, sie birgt einen Wunder in sich, ich bestreite das nicht,
Und Tugend nenne ich gar, den edlen Schein zu erkennen.
Augenblicklich ich konnte mich nicht länger beherrschen,
Sagte meinen Gefährten, wie sehr jene holde Gestalt 370
Mich an die immerholde Mutter des Himmels erinnerte,
Einst geweiht, dem Kosmos den weisen Zeus zu gebären.
Da geschah es doch, dass Daphne, die Worte vernehmend,
Anstoß genommen, und wider Vernünftiges eitel gewähnt,
Apollo nehme sich vor, sich ungebührlich zu zeigen. 375
Mando - meine Geduld ist Kriegern wie Feigen bekannt:
Solch ein Theater hätte mich nicht aus der Ruhe gebracht.
Aber die Art und Weise, beim Zeus, wie das Ding reagierte,
Als ob ein bloßer Hund erschienen, ihr Hintern zu riechen,
Wer vermag bei Verstand ein solches Zeug zu ertragen? 380
Völlig ungehalten ich war - und ich habe gehandelt!
Missverstand ich etwas? War der Spruch des Mädchens
Etwa der Ausdruck einer jokosen Lebensermüdung?
Solch ein Wesen ich traute diesem Mädchen nicht zu,
Nicht bei ihrem frischen Alter, kaum noch gereift. 385
Sicher Männer-, Götterverachtung bewog sie allein.
Doch ich wollte ganz bescheiden die Lachende fragen:
"Verzeih," ich sagte, "ich habe keine Begabung zum Labern
Und möchte nicht ohne Weiteres inkommodieren die Dame,
Aber hat sich vielleicht dies Lachen bezogen auf mich?" 390
"Digga," sie mahnte, "wird ja Zeit, die Kurve zu kratzen!"
Jeder reagiert, in der Tat, auf verschiedene Weisen,
Doch die robuste Antwort hatte mich voll überrascht.
Wie denn? Ich sollte mich gebieten lassen vom Baby,
Mich bereits zu empfehlen, mich vom Acker zu machen? 395
Wir hatten uns doch zuvor getroffen! Die heißen Details
Erspare ich erstmal dem Ohr. Ich hielt ja noch für gewiss,
Ich sollte in Bälde Lady Hoffart wieder begegnen -
Denn ich müsste erfahren, ob Daphnes Anmut am Tage
Wie bei Nacht sich bewahre, im Lichte nüchterner Sinne. 400
Dieses geschah! || Bevor ich dennoch komme zu solchem
Langen Bericht, das Was und Wie des Treffens erkläre,
Gönne, Schicksalstante, dem Traurigen eckige Klammer,
Dass ich dem Hörer meines Liedes ein Leiden gestehe,
Welche nur ein Dämlicher kennt. Ich habe mich langsam, 405
Ohne der Weisen Rat zu folgen, in Daphne verliebt,
Nur ein bisschen zuerst - und dann mit endlosem Biss.
Ich erkenne nicht ohne Schande, dass Daphne die einzige,
Vielleicht die eine war, die ich habe wollen beglücken.
Zeus ich hatte vom Liebesblitze verständigen lassen, 410
Diesem, der meiner Sinne, meines Seins mich beraubte,
Plante gar die göttliche Hochzeit in attischen Fluren,
Gab den Bauern bindenden Auftrag, Glück zu erfinden.
Ach, Poseidon, noch ich träumte und wusste noch nicht,
Dass ich den flüchtigen Schein nur liebte, ohne Beziehung 415
Gar zum Realen - ich liebte nur ein trügerisch Abbild
Meiner Lügen und ließ mich lenken durch innere Leere,
Eine, die keine Lüge erfüllt und keine Träne vergisst.
Soll ich meine Leiden vergessen und lustig vergessen,
Wie einst ich lachte vor Liebe? Liebe lachte mich aus! 420
Sage, Tante, wohin der Welt ich soll mich begeben,
Meine Traurigkeit vor Gott und Mensch zu verbergen!
Wird ein Ort mein Haus noch sein? Ich werde bewohnen
Höhlen wie Königshöfe, verlassene Orte wie Städte,
Nirgends zu Hause, nirgends im Herzen meiner Geliebten. 425
Hilft es, die ganze Welt zu besitzen, wenn jenes Gemüse
Nicht ein winzig Zimmer für meine Schmerzen noch hat?
Zeige mir Welt, mir Göttergewalt, gewaltsame Wunden
Tief im Schlund zu heilen! Niemand ist grausamer je
Als wenn er sich geliebt erkennt und Liebe verschmäht. 430
Soll ich sagen, Daphne, welchem dürren Geschlecht
Deine Brust gehöret an? Du verkehrst mit den Tauben,
Jenen, die nicht allein die Liebesten weisen zurück,
Sondern Liebe kränken und Wunden, tiefere, bohren.||
Lieber will ich jenen verzeihen, die nimmer gewusst, 435
Welche Steine mitunter die Brust zu tragen sich müht.
Zwang? Die Königskrone meines Herzens ich wollte,
Mama, ihr geben - meine Sklavin soll sie nicht sein.
Sei mir gut oder böse, ich soll mich grämen allein -
An meiner Unschuld, Muse, ist die Liebe nicht schuldig. 440
Schuldig ist immer grausame Zeit, ob lang oder kurz,
Dass ich dem Lorbeerbaum nicht zeigte meine Wahrheit.
Sicher hätte mich dann ein grünes Blatt verherrlicht,
Dass nicht zu früh Verwandlung wäre zu Tage getreten,
Gar ein Funken ihres Herzens mich hätte begrüßt. 445
Doch die Strafe des Himmels zahle ich ohne Bedauern.
Ich gedachte zu haben, was nur den Göttern gehört.
Lass mich nur, Geliebte, aus deinen Blättern Kränze
Binden zum Siegen meiner Liebe gegen das Ewige.
Dachte Zeus, die Strafe breche die liebende Brust? 450
Sieger wird Apollo mit Lorbeerblättern beschenken,
Dass jeder wisse, wie edel liebendes Harren ich lohne.
Habe ich wirklich nicht gelernt in helleren Tagen,
Fremder Herzen froh zu machen? Das Lorbeer ist Zeichen
Eines Unerfahrenen. Ich hatte die Krieger verwundet, 455
Liebende einst wie Feinde behandelt. Ich habe geirrt.
Erkläre deinem Sohne, Zeus, das Rätsel der Schwäche -
Ich bin zum Knechte meines eigenen Fleisches geworden,
Ich bin so wenig ein Gott wie wenig richtiger Mann,
Fern von mir Erkenntnis. Habe ich nicht vergeblich 460
Einst versucht, Liebesleid in die Lethe zu werfen?
Du hast in der Not verlassen solch ein zartes Gemüt
Und nicht vermagst du wieder Sinn dem Los zu verleihen.
Spät erreichten deine Hände mein inneres Feuer,
Nun zu Asche geworden. Ich habe deiner gewartet. 465


II.

Lasse, Muse, solche traurigen Töne verstummen,
Gehe deines Weges, vergiss die kitschigen Liedchen.
Heutzutage spielt der Kram eine winzige Rolle.
Gut, ich fahre fort und erzähle deiner Neugier,
Wie ich Daphne verloren, ohne sie zu gewinnen. 470
Zweifelt jemand noch, dass ich ein trutschiger Werber,
Nur ein biederer bin, dem selbst ein missliches Viech
Gleich einen Korb nur gibt? Es ist ja völliger Wahnsinn,
Aetzend, wie ich mich benehme, die komische Sprache
Törnt schon jeden ab und geht ja daneben - total. 475
Daphne hatte nichts für solche Schelmen übrig.
Jenes Abends wollte sie zum Date mit dem Dealer.
Ohne zu wissen, ich störte das liebe Rendez-vous -
Wie denn nicht? Das Ding erkannte an meiner Visage,
Dass ich zum Postillon-d'Amour mich wenig eignete, 480
Der Vögelliebelei wahrscheinlich richtig im Wege.
Doch ich wusste nichts, das Newsfeed ihres Facebooks
War mir völlig unbekannt, und den ganzen Account
Suche ich immer noch vergeblich - nun ist es egal,
Ich war dazu bestimmt, der Spaßverderber zu sein. 485
Hermes ich schickte los, die Lage auszukundschaften,
Wollte wissen, mit wem und wo genauer sie feierte,
Welche Bewegungen vorgezogen und welche vermieden.
Sicher warnte mich der Kumpel. Es war mir wurscht,
Daphne musst' ich jedenfalls zu sprechen bekommen. 490
Also ging er und hielt die kleine Freundin von ihr
Auf dem Weg zur Toilette: "Kurze Frage, Madame..."
"Was?" - die Barbie wollte richtig Remmidemmi,
Hermes aber ließ sich so was nicht gefallen:
"Hast Du Borderline oder was?" Bevor sie erwiderte, 495
Kam er direkt zur Sache: "Ist die Daphne vergeben?"
"Weiß ich nicht, es war die Rede vom Dealer die Tage."
"So", der Kumpel sagte, "wird es ernst mit den beiden?"
"Ist der Typ verknallt?" - sie meinte, versteht sich, mich,
Aber Hermes verzog das Gesicht: "Er möchte sie sprechen." 500
"Meinetwegen, you go ahead, ihr wisst, wo sie ist.
Beißen tut sie meistens nicht." Er zog sie zur Seite:
"Würdest du so gütig sein und mit Daphne reden..."
"Was?" "Na ja, mein Kumpel ist ein wohl erzogener,
Möchte sich erst durch diesen Weg bemerkbar machen." 505
"Pfui, das hört sich..." "Bitte", Hermes flehte sie an
Und fort sie ging und kam zurück, dem Kumpel zu sagen,
Daphne wolle gnädig sein und wir könnten uns treffen
Vor der Tankstelle, wo sie Gras zu kaufen gedachte.
Vor solch ominösen Orten versuchte Hermes vergeblich, 510
Mich zu warnen, denn ich fand den Vorschlag famos.
Also ging ich und hegte frische Hoffnung im Herzen.
Der erste Beweis, dass sie verliebt war? Sie wartete
Schon auf mich, bevor ich eben die Stelle betrat.
Lasst mich meinen Bericht auf nur die nötigsten Worte 515
Beschränken. Wir unterhielten uns wie alte Bekannte,
Teilten Geheimnisse miteinander. Sie glaubte an Ufos.
Ich erzählte ihr von Gott und vom Ursprung der Welt,
Metamorphosen des Wasserstoffes. Es war nicht genug,
Ich wollte noch mehr über die Geliebte erfahren. 520
Daphne hatte eine Art zu lachen, mich zu erblicken,
Dass selbst ein Blinder konnte leicht erkennen,
Wie das Mädel für mich entbrannte, mich verherrlichte,
Gleich zur Seite nehmen würde, hinter dickem Gebüsch
Oder im Häuschen daneben ungebändigt zu küssen. 525
Ihr Gesicht verwandelte sich in ein Facebook-Smiley,
Wurde immer rötlicher, die Atmung immer nervöser.
Sie schaute hin und her - ich wusste, was sie wollte.
Ach, ich gestehs, ich nahm ihre Hand und sagte verzaubert:
"Liebste mein, ich will dir nahe sein und für immer!" 530
Sie nahm die Hand zurück und was für Augen sie machte!
Sie drohte, sie werde gehen, sie ging, sie kehrte zurück
Und lag ja verstört in meinen Armen und sagte bedächtig:
"Alter, ich weiß nicht, was ich will!" Und wollte sie gehen,
Hielt ich sie auf: "Mein Herz, ich weiß genau, was ich will 535
Und weiß, wie viel du mir bedeutest." Sie staunte zurück.
Ein Kreis erlauchter Tankstellenkunden sammelte sich
Gleich vor uns, um das Ende der Novela zu schauen,
Pop-corn in der Hand. Daphne aber ward ungehalten:
"Bist du blöd?" Sie wusste nämlich nicht die Bedeutung 540
Meiner Worte. Sie fragte danach, ich sagte die Wahrheit.
Klar, es war zu viel für sie, ich kann es verstehen,
Denn erst gerade hatten wir beide uns kennengelernt:
"Was hast du denn in mir gesehen?" Die Frage war ernst,
Die Antwort zögerte. Diesmal war Apollo erstaunt. 545
War das ihre Stimme, die mich verzaubert hatte?
"Was? Du hörst allein eine arme Synkronisierung!"
Meine Herren, ich wusste nicht, ob ich sollte erwidern:
"Wie," ich fragte, "du meinst: im aristotelischen Sinne?"
Aeltere Frauen im Kreis der Zuschauer lachten inzwischen. 550
Der Dealer aber sollte gleich erscheinen, bestimmt.
"Was hast du denn in mir gesehen?" Die Frage war tief.
Warum verliebet sich und leidet die Seele des Menschen?
Ich erinnerte mich an die ersten olympischen Tage,
Als ich rann wie gestirne Lichter unter den Bäumen, 555
Reife Früchte wie Farben im Schoss der Musen berührte,
Tobte im Garten aller Freuden. Ich hörte die Lieder
Des Immer-Schönen und lernte Lyrasaiten zu streichen.
Meine Seele erblühte durch einen heiteren Berg,
Da nur die Liebe zum Schönen, nur das Wahre Bestand 560
Und Zutritt hatten. Begierde hat es nimmer gegeben,
Denn Olymp war groß wie das All und alles in Fülle.
Mitten im Tale floß eine nie versiegende Quelle,
Deren Wasser jedem Wanderer Wahrheit bescherten.
Im Dämmerungstraume drei Gestalten versammelten sich, 565
Und Pallas und dann Aphrodite saßen und später Diana
Wie Geschwister auf goldenen Thronen. Aber die Augen
Konnten in voller Verblendung keine von ihnen erblicken,
Denn sie waren, im wahrsten Sinne des Wortes - nackt.
Formlos verkörperten sie das unberührbare Schöne. 570
Umsonst wird die Hand des Menschen suchen die Stelle,
Wo das Fleisch und das Holde dort ein Einziges bilden.
Also verreist die Karawane des Himmels das Ewige.
Blitze des Zeus und Feuerflüße, das All überquerend,
Umschlingen Haupt und Zepter der drei und strahlen heraus 575
Und dringen Geist gebärend durch Gefilde hindurch.
Frisch geborene Seelen betrachten weinend das Bild,
Das einst am Ende aller Zeiten wieder zu sehende,
Am Ziel ihres Lebens. Sie rennen, die Hände zum Himmel
Weit emporgehoben, das Dämmerungslicht zu umarmen, 580
Doch Gesicht und Gestalten bleiben ihnen verborgen.
Viele werden zielverfehlt erlöschen, die edleren nur
Wahrheit erkennen, am höchsten Tage Gesichter erblicken.
Mit auf die Reise zum Abgrund nehmen die Herzen Verlangen
Nach dem unerkannten Geheimnis, und jeder der Scheine, 585
Welcher sie leicht erinnert an ihrer Seelen Geburt,
Erweckt ein altes Feuer der Traurigkeit und Begierde.
Am Tage meiner Herrlichkeit ich wurde zum Himmel
Vor den Richtern gebracht und Pallas weihte mich ein:
"Knie, Liebesdichter, vor den Göttern der Weisheit 590
Und wisse, dass du trägst im Brunnen befreiendes Feuer.
Drum handele Deiner Göttlichkeit gemäß und verachte
Besitzende Liebe. Du kennst der Seelen Ursprung bereits:
Jedes Wesen besitzt in sich ein Teilchen der anderen."
Also spricht Athena und opfert dem Tische des Zeus. 595
War es Apollon damit verboten, sich zu verlieben?
Aphrodite sich nahte und reichte die glänzende Hand:
"Du bist nicht Herr im deinem Herzen, liebende Flamme!
Wenn ein Antlitz dich an göttlich Schönes erinnert,
Liebe es und führe edel Geliebtes zum Göttlichen. 600
Die höchste Lust, Apollo, gehört dem Tage der Wahrheit."
Aphrodite sprach und der helle Blitz ihres Wesens
Verklärte sich, dass ich Gesicht und Augen erkannte
Und wusste, ich hatte dort für das ganze Leben geliebt.
Meine Schwester, Diana, die meine Träne berührte, 605
Streichelte meine Haare und sagte: "Also, mein lieber,
Nur unter uns gesagt - es ist nicht so, natürlich,
Dass du leben sollst wie Mönche. Gönne dir gern
Ein Gelage ab und an, das schadet keinem Gemüt.
Sicher, du sollst ja nicht den gogo-boy, den player 610
Spielen, passt ja nicht du deiner Natur, nicht wahr?
Aber wenn das liebe Ding sich schmeißt an dich ran,
Meine Güte, nimm es so wie es kommt und Schluss,
Kannst ja nichts dafür und sollst auch dankbar sein.
Aber hinter Weibern hinterherzulaufen, mein liebster, 615
Lass das sein." Sie gab mir einen Kuss und ein Heft
Voller kitschiger Sprüche, mit roten Herzen verziert,
Einte sich dem Kreise der Liebesgöttinen wieder
Und schöner Ernst aus ihrem Antlitz strahlte heraus.
Ich wollte meine Augen schließen, um nichts zu vergessen, 620
Musste sie aber geöffenet halten, um Daphne zu sehen.
"Was hast du denn in mir gesehen?" "Diana und Pallas,"
Sagte ich, "und vieles, Unbeschreibliches noch."
Später im Wirtshaus lachte der böse Hermes mich aus.
Zwanzig Leute besprachen inzwischen am langen Tische 625
Meinen Fall, den der Schelm beschrieb in allen Details.
Dieser, ein großes Glas in der Hand, bezichtigte mich
Mehr als alle Männer zusammen: "Dein Auftritt war schön,
Mag ja sein, dass du der Daphne das richtige sagtest,
Aber, mein lieber, das war zu doll, das tut man nicht." 630
Umsonst erwiderte ich, es war für mich das korrekteste.
Einer vom Geschlechte des Herakles umarmte mich fast,
Sagte: "Apollo, wir lieben dich!" und legte sein Bier
Auf dem Tisch, bevor er lachte: "Nimm es nicht übel,
Master, deinen Fehler dennoch werde ich dir sagen. 635
Zuerst du legst sie flach, das ist natürlich Gesetz.
Danach erst man guckt ja weiter, was ist und was wird."
Ich, der ich ein solches Reden für lächerlich hielt,
Stand entschieden auf und sagte: "Kennst du die Daphne?
Weißt du etwas Ernstes über die Frau, die ich liebe?" 640
"That is just a crush, it's been going on for too long,
Far too long, my dear - forget about her and move on!
Shall I tell you what I know? I know her quite well!"
Besser schien es mir, mich hinzusetzen, zu schweigen,
Denn ich dachte, ich könnte etwas Wahres erfahren. 645
Und jener heraklische Kerl bestellte Bier für mich:
"Viele wollten, viele von uns, ein Date mit der Daphne,
Eigentlich dachte ich, ich würde heute dran kommen.
Jemand war schneller da, nicht wahr? Beruhige dich,
Ich wollte, anders als du, die Frau ja nur flachlegen. 650
Bedenke nur eines: Entweder wollte sie es mit dir
Treiben, oder nicht - und wenn sie es wollte von dir,
Du aber nichts unternommen hast, verlierst du ja schon,
Denn versuchen tut schon jeder, selbst der Caruso.
Aber, mignon, wenn sie es wollte und du nur gelabert 655
Hast von Gott und Aristoteles, hast du verloren!"
Hermes, dachte ich mir, der mir dies Leiden bereitete,
Würde gleich intervenieren dem Freunde zu Liebe,
Mich vor dieser peinlichen Lage retten und trösten.
Aber das Wort von seinem Munde war wenig erfreulich: 660
"Siehe, der heldenhafte Dealer, der Macker von ihr
Ist vor kurzem in einer Schlägerei umgekommen.
Sicher war sie außer sich. Er schuldet ihr Geld!
Wie denn nicht? Das Gras, das sie heute eben gekauft,
Sollte der Marlon Brando zahlen. Sie wurde verlassen, 665
Mein lieber Gott, sie wäre leichte Beute gewesen!"
Aber weiter ging es. Geheimnisse wurden enthüllt,
Deren Details ich muss dem keuschen Hörer ersparen.
Ein Zornesspruch von mir unterbrach das Gequatsche:
"Meine Angelegenheit, o himmlischste Freunde, 670
Ist die Liebe! Euer Urteil bekümmert mich nicht.
Welche Lebenseinstellung hegt ihr, um Gottes willen?
Dies Geschwätz von Schwanz und Fotze behaltet für euch,
Eure schlüpfrigen Aventüren ermüden mich höchstens.
Poppen können auch die Esel. Ich möchte bescheren 675
Meinen süß Geliebten etwas erst, was nicht ein beliebiger
Ihnen schenken kann, und dies unterscheidet Apollo."
Aber meine Wörter wirkten ja nicht überzeugend,
Ebenso wenig wie die Handy-Nummer der Daphne.
Fast die ganze Kneipe erwiderte: "Habe ich auch!" 680
"Ich gratuliere!" begnügte sich Apollo zu sagen,
"Lasst uns sehen, wie viel ihr noch damit erreicht."
Doch die Wette einzugehen brauchte kein Schwein,
Denn ich galt bereits, na klar, als verlorener Fall.
Aber dieses verzieh ich ihnen und lauschte sogar 685
Der amourösen Epik weiter. Ich suchte nach Lücken.
Da Hermes nämlich & Co. mit viel grandezza berichteten
Ueber Liebelei und gern mit Sprüchen sich brüsteten,
Bald erkannte ich schwache Stellen im billigen Kiki:
"Darf ich auch, signori, zum erlauchten Symposion 690
Meinen Senf mal geben? Seid so gut und erläutert
Bitte das Ziel eurer Liebessiege." Ich wusste bereits
Die Antwort: Liebe selbst und wohl Beziehungen bilden.
Hermes und Herakles' Sohn und auch der englische Typ
Einigten sich: ab dreißig braucht der Mann ein Weib. 695
Darum muss man ja schon früh in die Diskos gehen,
Viel erleben, viel erfahren - sich für Eine entscheiden.
Jedes Dorf, sie sagten, hält seine Tanzveranstaltungen,
Sofern es überleben möchte. Sie wussten von Beispielen!
Sie hatten selber hinter sich ein Dutzend Beziehungen, 700
Doch bevor die prä-historischen Lebensgeschichten
Zu Ende erzählt wurden, achteten sie auf mein Gähnen,
Schwiegen lieber. Also gab ich den giftigen Senf:
"Eure Beziehungen sind höchstens spannend, fürwahr,
Schade ja nur, wenn ich so viel Berührendes höre, 705
Schade nur für euch, dass einer weniger liebt!"
"Wie?" der eine holte gleich sein Schweizer Messer,
"Was unterstellst du meiner Freundin, Digga, fuck off!"
Hermes musste den Mann beruhigen, da ja das Pärchen
Schon seit Jahren zusammen war. Aber mein Spruch, 710
Es war nun herrschende Meinung, bedürfe einer Erklärung.
Also ließ ich mich ein zweites Mal nicht bitten:
"Auch dem Gaga-Guffi scheint es lächerlich, Kinder,
Dass von zweien liebenden Täubchen beide sich lieben
Gleicher Maßen, die eine genau so viel wie die andere. 715
Eine Taube wird ja mehr, die andere weniger lieben.
Wie denn nicht? Verschiedenen Seelen Liebe geschieht
Anders. Nur in euren Träumen ist möglich ein Bild,
Da Liebe jeden nach dem gleichen Maße bewegte.
Quatsch! Vergleichet wohl in jedem Pärchen der Welt 720
A und B und eins und zwei, mit dem ersten den zweiten.
Wo in den Erden findet ihr das merkliche Paar,
Da weder A noch B den anderen weniger liebte?"
Wortgefechte breiteten durch die Kneipe sich aus,
Doch die allgegenwärtige Frage umschlang die Gemüter. 725
Leute von draußen schauten hinein, ob alles in Ordnung,
Ich aber schob mein Glas zur Seite, gedachte der Daphne.
Sie wäre die weniger liebende Seele in unserem Bunde,
Aber dieses betrübte mich nicht. Die größere Liebe
Oft ergänzt die Seelenlücke. Ich wäre bereit, 730
Dem mahnenden Worte Aphrodites Folge zu leisten,
Und meine Liebe würde Daphne zum Göttlichen führen.
Nicht mein Herz sie sollte lieben, sondern das Schöne
Selbst, das Wahre, die unberührbare Blöße der Pallas.
Jeden Tag ich sollte Freundschaft pflegen und Neigung 735
Zueinander sollte wachsen - ein innerer Garten.
Jener aber, der weniger liebt, ist weniger stolz -
wie denn nicht, wenn Liebe bloß Begierde bedeutet?
Weniger edel ist jener, der liebend vieles begehrt.
Wenn ich von Musen erführe, dass eine Seele mich liebt 740
Vom ganzen Herzen - in mir ein himmlisch Holdes erkennt,
Gerne ich wäre der diese Seele weniger liebende.
Welchen Adels sollte sich lieber rühmen ein Herz
Als dieses höchsten: Liebesseelen zum Edlen zu führen,
Ihnen die Sterne zu zeigen, hinter denen das Innere 745
Aller, das Schöne betrachtend, dieselbe Neigung hegte
Gegeneinander, jeder eines jeden Teilchen beglückte?
Aber Begierde wird schwer gestillt. Wenn also Verlagen
Immer mehr sich wünscht und mäßige Neigung nicht reicht,
Schwindet das Wahre. Apollo aber ist befreiende Flamme, 750
Mehr als viel und als wenig genügende Liebe die wahre.
"Dein Gedankengang ist Kokolores, mein göttlicher,
Soll ich dir erklären, warum?" Es war der heraklische
Sohn, der mich vom Tutti-Frutti-Taumel der Freude
Holte zurück, nachdem er lang im Stuhle gegrübelt, 755
Gleich den einstigen Al-Kaeda-Jüngern, verschwörend
Im ruhigen Schosse der Hamburger Terroristenschule.
Einsatzbereit, es schien, der Junge hatte die Bombe
Und warf sie mit Stolz auf mich: "Höre also, warum!
Allzu schlicht ist dieses Bild der Liebe, zumal 760
Liebe keine numerische Wesenheit darstellt, hallo!
Als könnte ein dubioser Frommer Gefühle vergleichen."
Hermes und viele andere stimmten dem Herakles zu,
Insbesondere, wohl bemerkt, der englische gentleman:
"Ur talking throu your ass!" Er wusste klarzustellen 765
Meinen Nonsens. Wenn Liebe anders jedem geschehe,
Sei sie nimmer derart, dass jemand die Liebe von A
Vergleichen könne mit jener von B, aus logischen Grunde:
Liebe sei in jedem sie hegenden "something unique!"
Viel Applaus der Weisere wusste sich zu erwerben, 770
Wieder der treue Hermes schloss sich an und belachte
Meine Einfalt. Ich, für meinen Teil, ennuyierte
Sicher solche bunte Gesellschaft, young and virile:
Yet I knew the truth and enjoyed my clever wit.
I turned to that innocent youth, so full of furore, 775
Graciously gazing upon his hair, and opened my mouth:
"Höre, ὦ παῖ καλέ, ich hätte mich beinah verloren,
So überzeugend du deine Sache weißt zu verteidigen.
Gerne gestehe ich, die Rede hat mich überwältigt,
Weder in Hamburg noch im Olymp ich hätte gefunden 780
Solch erlauchten Kreis und weiser gar als die Greisen
Einst von Theben am Tage des Zornes. Love is unique!
Doch, Gelehrte des Hamburger Berges, kläret mich auf:
Welchen eurer weisesten Sprüche soll ich verwerfen?
Denn es passt, so scheint es mir, gar nicht zusammen, 785
Dass einerseits ein jeder liebe nach seiner Natur,
Wie euer Herold hier verkündet - dass andererseits
Es sei natürlich Gesetz, ich müsse meine Geliebte
Daphne flachlegen gleich beim ersten Date im Gebüsch?
Was für Gesichter sind das? Wenn jeder anders liebt, 790
Apollo kann sich leisten, nach seiner Weise zu lieben.
Eine euerer heraklischen Phrasen ist für die Katz,
Entscheidet welche!" Freilich wollten sie rebellieren,
Aber diesmal stand ich selber auf und erwiderte
Ihren Gedanken: "Was die Liebe des weniger Liebenden 795
Anbelangt, sei beruhigt, o Sprößling des Halbstarken,
Denn es könnte durchaus sein, dass in deiner Beziehung
Du derjenige bist, der weniger liebt - und wahrscheinlich!"
Eine neue Bescheidenheit beschlich die Kneipengelehrten:
"Mein lieber," sagte Hermes, "wir verwerfen den Satz, 800
Dass man mit Geliebten umgeht als wären sie leges naturæ."
Doch der englische bon vivant, pragmatischen Geistes,
Zündete etwas Herrliches an zu rauchen und fragte:
"What are you going to do - next? You have her number,
Great, but is that all?" Am Dienstag rief ich sie an: 805
"Ich habe gehört, ein guter Freund von dir ist gestorben,
Tut mir leid!" Sie nahm davon gebührende Kenntnis:
"Ach, Apollo, das Leben geht ja weiter, was solls?"
Ich habe ja erst, nachdem sie Baum geworden, erfahren
Von ihrer Schwäche für schwere Chemie: "Ist es vielleicht 810
Möglich, Daphne, dass wir uns diese Woche noch treffen?"
"Gucken wir mal, ich rufe dich an." Und ich habe gewartet -
Sicher nicht aufm Sofa sitzend. Ich musste entscheiden,
Wie ein Gott, Aphrodites Regel folgend, sein Liebchen
Führt zur Lust am göttlich Schönen. Also begab ich 815
Mich zum Colonnaden und kaufte der holden Geliebten
Gleich eine Video-Aufnahme, die unwiderstehlichste,
die sagenhafte crème de la crème vom Bolschoi-Ballett!
Dies allein genügte an sich, doch ich fügte hinzu,
Um nicht pedantisch zu wirken, eine Bild-Reportage 820
Ueber Ufos. Tagelang ich versteckte mein Treiben,
Ließ mich weder von Hermens noch in Kneipen erblicken.
Später ward ich dessen gewahr, ich könnte die Daphne
Mit meiner DVD ennuyieren, und hielt es für sicherer,
Zunächst eine progressivere SMS zu verschicken, 825
Damit sie meine coolness erkannte. Ich faßte Mut
Und traf die gute Wahl: "I want to hold your hand!"
Der Paul-McCartney-Spruch vollbringt ja Wunder, bestimmt.
Sorgen begann ich mir erstmal am Samstag zu machen,
Da die liebe Daphne mir jegliche Antwort verweigerte: 830
Nicht ein :-) geruhte die dumme Kuh zu verschicken.
Hatte ich etwas Falsches gemacht? Der Hermes bekam
Den krassen Molotowcocktail zu sich nach Hause geschickt
Und ich ertränkte meines Boten Schultern mit Tränen.
Hermes aber wusste, ein krankes Herz zu behandeln 835
Und wies mein antikes No-llores-por-mí-Argentina zurück.
Daphne sei die schlechteste Wahl. Er habe seit immer
Gewusst, die Novelle werde wohl in Tränen enden.
Doch bevor er griff zum kläglichen Facebook-Account,
Die Zwanzig rief zur Krisensitzung im Hamburger Berg, 840
Nahm ich seinen PC und drohte, das Ding aus dem Fenster
Zu werfen. Doch er bediente sich eleganterer tools -
Schon um Viertel-vor-Sieben saß der Hof in der Kneipe.
Der Sohn des Herakles moderierte den Wiener Kongreß,
Doch mit viel Elan und mal du siècle entmutigte 845
Ich die Gemüter. Daphne, erklärte ich den Erlauchten,
Liebe die Freiheit. Wider Erwarten erwiderte jemand,
Ich hätte sie flachlegen sollen, bevor ich das Mädel
Frei der Lust der Welt übergäbe: "Liebe Berater,"
Sagte ich, der ich inzwischen bereute die Tränen, 850
"Behaltet eure Schwanz-und-Fotzereien für euch
Und seid, ich bitte, einmal etwas ehrlich im Leben.
Diese Erlebnisse stärkten meine alte Gewissheit:
Der Edle soll das Schöne mehr als die Schöne begehren."
Hatte doch nicht Athena am Tag der Geburten verkündet: 855
Erkenne dich selbst? Das Wahre sucht ein Weiser in sich.
Schön ist aber keines Falls ein Wechsel des Scheins,
Blüte heute, morgen Wind. Die Regung der Saiten
Tief in der Brust, Geburt des allerhöchsten Gefühles
Führt und offenbart in uns des Erhabenen Blöße. 860
Schön ist dem bloßen Gemüt geschehende Wahrheit,
Blüte der Rest und rauer Staub. Verlorene Zeit
Bereut das Eitle. Gefühlenwerdung beständigen Seins
Berührt allein den Abgrund, viel betrachtende Langmut
Nur Bestand, Athenas Geheimnis. Aber der wackere 865
Herakles vom Hamburger Berg ließ sich nicht überzeugen:
"Schön und gut, die alten Sprüche gegen Vergängliches.
Möge Pallas die Frechheit verzeihen: Ist eine Blüte
Vergänglich, die zwar ein wenig nur besteht und verwelkt,
Die aber sich stetig wiederholt und gedeiht überall? 870
Meine Güte, ich wirke poetisch - ist der Orgasmus,
Apollo, vergänglich oder kurz? Es scheint mir mitunter,
Dies Gespür, obwohl im Menschen kurze Erscheinung,
Stets sich wiederholt und ein Leben lang uns gehört.
Nimmt es also nicht am beständig Erhabenen teil? 875
Ist ein guter Fick verpönt?" Ich begriff die Gefahren
Meiner Lage und überließ Aphrodite die Antworten:
"Schöner Freund, durch welche Schicksalsfügung getroffen
Kommst du darauf, den Gebrauch der Natur in uns zu befürchten?
Was du treibst und mit wem, es ist dir selbst überlassen. 880
Doch der Orgasmus des Liebenden hat vielleicht einen Zusatz,
Etwas vom Schönen, was den Spritzen des Lüsternen fehlt.
So genießt es der Liebende mehr. Der Lüsterne leidet."
Doch ich wurde gefragt, ob ich wegen Daphne nicht leide:
"Ja! Ich leide aber bewusst und in Maßen. Der Lüsterne 885
Weiß aber nicht um sein Leid und also leidet am meisten."
"Kokolores," versetzte der Hermes, "ich sage warum:
Eben habe ich Daphnes leckere Freundin getroffen,
Jene vom letzten Mal, und hörte die traurige Wahrheit:
Daphne hatte Lust darauf - sie hat ja gewartet, 890
Doch du hast über Ufos gelabert und ergo, signori,
Der Schluss: Wer solch ein Angebot erhält und verpasst,
Ist entweder schwul oder schlecht im Bett oder dumm.
Entscheide selbst, Apollo, was für dich ist der Fall."
Die Zwanzig bescherten unisono Beifall dem Redner, 895
Ich aber lachte und machte mich gemütlich im Stuhl:
"Deine Kategorisiegung der Welt ist bombastisch,
Hermes, mein lieber Schwan, du bist gewiss Philosoph.
Doch ich dachte, wir hätten letztes Mal entdeckt,
Liebe geschehe jedem anders, nach seiner Natur 900
Ein jeder liebe und seine süßen Tropfen gebrauche.
Danke, Merkur, du klärst mich über vieles nun auf."
Jener englische gentleman, der schweigend alles vernahm,
Merkte nun an, die zarten Zeiten von Schlegels Lucinden
Und Goethes "Trocknet nicht, Tränen der ewigen Liebe," 905
Sind vorbei, und ich komme nicht so leicht davon,
Ich müsste meinen Touché vor aller Augen erkennen,
Sonst man werde denken, ich habe Daphne, die Lüsterne,
Gönnerhaft behandelt in Zeiten von Freiheit und Pille -
Denn es sei ein Werk der Frauenbewegung, dass Daphne 910
Sich erlauben könne, sich ranzuschmeißen an mich:
Frauenemanzipation. Der Schlag war verheerend,
Doch ich faßte Mut und sagte die alberne Wahrheit:
Daphne wollte nicht mich - Orgasmus wollte sie nur.
Ich aber wollte Daphne - nicht Orgasmus allein. 915
Fragt sich jemand noch, was ich von Daphne gewollt?
Sie den ganzen Abend halten gegen die Brust,
Haare streicheln, Hände küssen, herzliche Hoffnung
Hegen, einen sanften Atem im Stillen belauschen,
Viele Liebesgedichte auf der Stelle erfinden 920
Und später, nach dem Sternenflug im ewigen Kuss,
Gemütlich liegen, viel zusammenfurzen im Bett,
Unter der Decke. Alles wird geteilt in der Liebe.
Meine de-profundis Bekenntnisse hörten die Zwanzig
Und konnten sich in voller Ekstase kaum noch halten. 925
Alles, was einer Erklärung bedurfte, wurde gesagt,
Nur dem eigenen Hauch ich musste bringen Erkenntnis
Über die Kälte. Ich, der ich nun klagte so lange
mit Schillers Liedchen: "Ihrer Flamme Himmelsglut,
Stirbt sie, wie ein irdisch Gut?" und hatte erkannt, 930
Wo der Wind zur Liebe wird, ich bedurfte der Wahrheit
Noch über mehr, der ich zwar wusste, was es bedeute,
Nicht zu lieben, aber wusste noch nicht die Bedeutung
Dessen: Nicht geliebt zu werden - die Seele verschütten
In einen löchrigen Eimer. Nicht ein einziger Schlag 935
Deines Herzens, Daphne, hast du Apollon geschenkt,
Während ich saß und dachte dein. Ich könnte die Sterne
Gar umarmen - du wärest auch deines Weges gegangen.
Wenn ich mich allein in einem Garten ergehe,
Sitze ich lange unter dem Schatten eines Baumes, 940
Auf einer Bank, und weiß es, bald ich werde betreten
Jene himmlische Stätte der immer-währenden Blöße,
Werde einst am Arme der Pallas die Tränen vergießen,
Doch Betrachtung des ewig Schönen wird löschen das Leid,
Denn dort ich werde sehen die wahre, erhebende Wonne, 945
Deren nur der Schein du warst. Du ahmtest sie nach.
Es mag ja sein, dass wir uns wieder treffen am Tage
Der Seelen, dass ich an jedem der Herzen habe teil und
Möge auch dein Herz in der Halle der Wahrheit erkennen.
Aber wenn ich dich verlor, ich berühre im Garten 950
Tote Blumen und weiß, ein einziges Feuer belebt
Alle Herzen, meines und deins. Im endlosen Feuer
Leben wir zusammen, in mir ein Schweigen von dir.
Dieses also bedeutet, nicht geliebt zu werden,
Echo des Leeren. Meine Erklärungen machten bestimmt 955
Großen Eindruck im Wiener Kongreß. Die Kneipe schwieg.
Kurz danach ich sah die Daphne. Die ganze Geschichte
Ueber Apollos Verfolgung begann, als ich mich entschied,
Der Geliebten die herrliche DVD vom Bolshoi-Ballet
Zu überreichen. Wie denn nicht? Ich wusste natürlich, 960
Daphne wollte nichts von mir, und dennoch erfuhr ich,
Sie tanzte grade frohen Muts in der Disko daneben.
Also fuhr ich schleunig nach Hause, packte das Ding
In eine Tüte - wahrscheinlich Aldi, ich musste ja sparen -,
Rann zum Hamburger Berg zurück und erreichte die Fete. 965
Hermes und seine Zwanzig rochen Lunte und folgten.
Da ereignete sich das vorher Erzählte. Sie sah
Mich und dachte, ich wollte ihre Freude verderben.
Ich sprach sie über das Lachen an und sie wurde zornig:
"Digga," sie mahnte, "wird ja Zeit, die Kurve zu kratzen!" 970
Sicherlich war ich ungehalten: "Ich wollte nur sagen..."
Aber sie gab mir keine Chance, die Tüte zu zeigen,
Und ging heraus. Also folgte ich und versuchte
Zu rufen: "Halt, ich möchte dir was schenken, hallo!"
Doch sie lief durch die ganze Reeperbahn - und sie schrie 975
Wie geisteskrank, wie dicke Kinder gebärend um Hilfe.
Ich übequerte die Straße, die Marathon zu verfolgen,
Aber Hermes trat mir mit seinen Zwanzig entgegen:
"Bist du verrückt?" "Es geht um Ufos auch, du Pute,"
Rief ich ins Leere, denn weder konnte sie mich vernehmen 980
Noch der Hermes den Sinn verstehen. Er hielt mich fest
Und wir gingen, bevor die Polizisten verständigt wurden.
Zu Hause sah ich die Tüte wieder an und begriff es:
Daphne hält ja nichts von Ufos! - Aber das Video
Hätte sie bekommen können, erbärmliches Viech! 985
"Stell dich nicht so an, das ist ja völlig peinlich,"
Warnte Hermes. Ich erging mich in tiefen Gefühlen.
Doch Suizidgedanken ließen den Merkur nur kalt:
"Hör doch auf, du kaufst ein Auto, das war's - fini."
Der Schelm überredete mich, ich kam zurück in die Kneipe, 990
Den Carlton-Club St. Paulis, wo Apollons Aventüren
Eine Stimmung von Billie-Holiday-Liedern kreierten,
Bedrückend wie ihren eigenen Tod. Aber die Daphne
Folgte ihr durch ähnliche Wege: Nach wenigen Wochen
Erfuhr Apollo von ihrem Todeskampf auf der Straße, 995
Begleitet vom Chor der Koksen-Freunde. Man sagte sogar,
Sie sah so aus wie ein Baum, so grün und blau und so gelb.
Daphne rannte wie verrückt durch die Straßen und flehte
Um Hilfe. Ich hätte ohne Zweifel ihr Leben gerettet.
Aber den Rausch, dem sie erlag, ich konnte nicht bieten 1000
Diesen Orgasmus. Sie bat die chemischen Götter um Beistand
Und Beistand sie gaben gern, verlangten aber den Preis:
Daphnes Metamorphose, die Blüte des Todes im Blute.
Wer den Zufall nicht beugt, ergebe sich und betrachte,
Wie es dem Schicksal beliebt, die Elemente zu einen, 1005
Auseinanderzunehmen, in ewigem Rätsel zu herrschen:
Nicht ein Gott vermag es, Fortunas Willen zu brechen.
Also ergehe ich mich in Ohlsdorfs grausamen Gärten,
Klage umsonst am Grabe des Baums. Am Morgen des Unfalls,
Da Hermes, die Zwanzig und ich - in voller Unkenntnis - 1010
Die Kneipe verließen und gingen die alte Straße herunter
Richtung Fischmarkt, wusste ich, dass keine der Straßen
Meiner Liebe Bestand noch bietet. Wir wussten es alle:
Aus Hamburgs Gassen ist keine wahre Liebe gekommen.
Kommt, ihr Musen, nehmt mit mir die Blätter des Baumes, 1015
Lasst uns Siegeskränze binden für leidende Liebende,
Zarte Herzen mit Lorbeer zu krönen. Saget dem Edlen,
Dass göttliche Liebe nicht verliert und nicht vergeht,
Erhebt den Geist am Tage der Blöße und lässt ihn genießen
Nie versiegende Quelle, Trost, Erkenntnis des Schönen. 1020
Ist die Liebe Erkenntnis? Ich komme nach Hause zurück,
Das Bild vom schwarzen Fluß im Sinn, ich lege mich hin
Und finde Ruhe im Schoße meines Kissens. Mein Kissen
Kleidete einst ein blumenverzierter Bezug - ein Idyll
Lud den Müden zum Träumen ein. Die Blüten vergingen. 1025
Später umarmte ich die Formen des Maßes, der Ordnung,
Legte den Kopf auf ein dunkleres Muster, kariert
Mit Rot und Gold. Ich nahm die weißen Daunen heraus
Und füllte das Universum mit Träumen. Aber die Farben
Haben mich betrogen. Ich habe die Stoffe gewechselt 1030
Und einen weißen Bezug gewählt. Und keine Bilder
Behält mein Kissen noch, ich fülle nun sein Inneres
Nur mit Schaumstoff, Stille nur - um schöner zu schlafen.



ENDE




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