GREGORIVS VATIS ADVENA

Seiner Exzellenz
dem Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland
Herrn Dr. Frank-Walter Steinmeier


Exzellenz,

zu Ihrer Wahl zum Amt des Bundespräsidenten möchte ich Ihnen gern gratulieren. Vor wenigen Jahren war die Rolle, die Deutschland in Europa und der Welt eingenommen hat, unvorstellbar. Ich wünsche von ganzem Herzen, dass Sie die Werte der Bundesrepublik wie ein unerschütterlicher Leuchtturm vertreten werden. Die getrübte Zeit, in der wir leben, hat dieses Licht nötig.

Zusammenhalt ist einer der größten altgermanischen Werte. In der Antike berichteten Römer, dass an germanischen Siedlungen niemand verhungerte, weil die Gemeinschaft die Armen versorgte. Die Römer, die sich dort niederließen, wollten nicht in die alte Heimat zurückkehren. Es ist vielleicht nicht überraschend, dass das heutige Deutschland sich zu den Werten des Sozialstaates bekennt.

Ich möchte hoffen, dass dieser Sozialstaat in den nächsten Jahren auch Künstler unterstützen wird. Es freut mich zu wissen, dass der Bund im letzten Jahr einen Überschuss von 24 Milliarden Euro erzielte und dass die Arbeitslosigkeit weiter sinkt. Wenn ich lese, dass die Arbeitslosenquote ca. 6% beträgt, finde ich etwas beachtlich: Ich wäre fast versucht zu glauben, dass 94% der Bevölkerung eine kommerziell-berufliche Initiative aus Leidenschaft ergreifen und damit erfüllt sind, und dass weniger als 6% das Bedürfnis hätten, für die Kunst zu leben. Es ist aber nicht so. Einem beträchtlichen Teil der 94% wird von außen ein Lebensprogramm oktroyiert: Schule besuchen, Steuern zahlen, Rente bekommen. Viele erkennen früh ein künstlerisches Talent oder suchen eine genossenschaftliche Alternative zum Standard-Lebensprogramm, scheitern aber an der Fragilität ihrer Mittel. Sie landen beim Jobcenter, wo der Staat versucht, aus Künstlern Taxi-Fahrer zu machen.

Eine Gesellschaft des Zusammenhalts muss die Vielfalt der Bedürfnisse akzeptieren. Dazu gehört das Bewusstsein, dass es in jeder Gesellschaft eine gesunde Arbeitslosigkeit gibt. Das ist die Beschäftigung derjenigen, die scheinbar nicht arbeiten, aber einen Beitrag für die Kultur, die Identität und die Kohäsion einer Gesellschaft leisten. Vielen fehlt das Herz, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Die Wahrnehmung von Kunst und Künstlern fällt oft negativ aus. Als berechtigter Künstler gilt nur derjenige, der reich, berühmt und preisgekrönt ist. Auch ein Mann sollte er sein. In allen anderen Fällen gilt Kunst als exzentrisches Hobby von Reichen oder Chaoten, die man am besten am Jobcenter heilt.

Das ist falsches Denken.

Es gibt in der Tat Menschen, die sich Künstler nennen und nichts hervorbringen. Aber es gibt viele, die mehr tun und für ihre Kunst leben, auch wenn sie nicht reich, berühmt und preisgekrönt sind. Die Existenz dieser Menschen ist von ihrer Kunst geprägt und das wird sich nicht ändern. Sie werden sich nicht an irgend ein berufliches Lebensprogramm vom Staat anpassen, und sie können zugrunde gehen, wenn sie es versuchen. Ohne jegliche Freude stelle ich dennoch fest, dass Deutschland ein Problem mit seinen Künstlern hat.

Es fehlt der politische Willen, Künstlern in der Not zu helfen. Es sind leider die meisten Künstler, die das Leben in all seiner Härte erfahren müssen: Ausgezeichnete Maler, Bildhauer, Musiker, Schriftsteller, die in Angst leben und oft als Abschaum betrachtet werden. Manche sind sogar preisgekrönt, manche berühmt. Aber sie haben nicht genug zum Existieren. Sie leben wie Phantombürger.

All dies hat einen Preis. Eine Gesellschaft, in der sich kreatives und kritisches Denken nicht entfalten kann, darf nicht klagen, wenn ihre Werte von einer Woge der Technokratie und des Populismus verschluckt werden. Der soziale Tod beginnt, wenn die Kultur stirbt. Kulturelle Öde führt zu politischer Stagnation. Die Menschen, die komplexen Problemen mit einfachen Endlösungen begegnen wollen, die Fremden- und Demokratiehass schüren, sind die Opfer einer Gesellschaft, in der anspruchsvolle Kunst und kritische Debatte erlahmen. Es sind Menschen, die der deutsche Staat hervorgebracht hat: Er hat ihre Bildung vernachlässigt. Er ist mitverantwortlich für ihr kritisches Unvermögen, das sich nun als eine Gefahr für die Demokratie erweist. Ich mag falsch liegen, aber dies ist meine Einschätzung: Es schien dem Staate wichtiger, diese Bürger in ein simples kommerziell-berufliches Programm einzubinden, damit die Statistik stimmt. Aber ein guter Staat braucht auch gute Werte. Statistiken reichen nicht. Der Milliardenüberschuss kann den alltäglichen Bürger nicht lehren, für welche Werte die Bundesrepublik steht und warum diese Werte wichtig sind.

Ich halte wenig von Volkswirten, die behaupten, Technologie sei das höchste Gut. Ich behaupte, Bildung ist das höchste Gut und das einzige Gut, das dem Begriff der Zivilisation gerecht ist. Die ganzen Kräfte einer Gesellschaft auf Komfortmaximierung zu lenken, den neusten Smartphone, das tolle Auto usw., wird keinen Staat vor dem Untergang retten. Die Stärke der deutschen Autoindustrie freut mich natürlich. Aber die Autoindustrie kann auch ohne Demokratie auskommen. Eine Nation ungebildeter Autofahrer kann nicht das Ziel sein. Neben der Innovation der Maschinen brauchen auch die Menschen Innovation, und diese kommt durch Bildung und Kultur, durch Kunst und Kritik. Seit langem gibt es einen Trend im deutschen Buchmarkt, dass nur Mainstreamliteratur angeboten wird – genrisierte Literatur für die Technokraten, die das Arbeitsministerium für die Statistik braucht. Eine Legion sogenannter Literaturagenten hat sich etabliert, so dass neue Autoren nur durch Agenten Zugang zu Verlagen, und nur eine kommerzielle Autorenoligarchie Zugang zu großen Buchläden findet. Ich möchte nicht arrogant erscheinen, aber ich muss sagen, dass in den letzten Jahren kaum ein anspruchsvolles Buch in Deutschland erschienen ist. Die Agenten und Verleger, die seichte Bücher begünstigen, sind mitverantwortlich für eine gewisse Wertekrise, die Deutschland im Moment erlebt. Sie wollten (vielleicht) der Literatur dienen. Sie wurden zu Agenten der Unbildung und des Populismus.

Aber selbst wenn der politische Willen fehlt, kann derjenige, der das höchste Amt im Staate bekleidet, für gesellschaftliches Verständnis werben. Die Künstler, die der Staat im Stich lässt, sie brauchen es. Verständnis für ihre Lage ist der erste Schritt für politische Änderung. Das Bewusstsein, dass Kunst keine Bagatelle ist, und dass gewissermaßen das Heil der Staaten von ihr abhängt, kommt nicht von alleine. Wer reich, berühmt und preisgekrönt ist, hat kein Verständnis nötig, aber der Kern aller künstlerischen Existenz hat nichts mit Reichtum, Ruhm und Preisen zu tun. Das sind seltene Zufälle, und selten sind diese die Ziele wahrer Kunst. Es bedarf einer gewissen Tiefe der Einsicht zu erkennen, dass die Kunst der unbekannten, alltäglichen Künstler nicht weniger Kunst ist. Es bleibt zu hoffen, dass Deutschland diesen Künstlern mehr germanischen Zusammenhalt und weniger römische Verwaltung entgegenbringt. Ich empfinde keinen Genuss, deutschen Künstlern die Auswanderung nahezulegen, geschweige denn die Auswanderung nach Brexitannien. Deutschland muss mehr für seine Künstler tun.

Es wäre edel, wenn der Bundespräsident jede Gelegenheit nutzen könnte, um den Bürgerinnen und Bürgern eines geliebten Staates vor Augen zu führen, was eine Gesellschaft ohne Kunst und Künstler bedeutet. Ein Sozialstaat könnte diese Menschen besser berücksichtigen. Trotz des Jobcenters werden Künstler nicht aufhören, Künstler zu sein. Der Staat kann selbstverständlich nicht entscheiden, wer wahrer Künstler ist oder nicht, was Qualität ist oder nicht. Aber der Staat kann feststellen, wer eine künstlerische Existenz führt. Wer z.B. nachweisen kann, dass er oder sie zehn oder fünfzehn Jahre lang seinem oder ihrem künstlerischen Schaffen regelmäßig nachgegangen ist und in der Not lebt, dieser Mensch hat einen natürlichen Anspruch auf Unterstützung, und sei es nur durch Materialiengeld, damit er mindestens sein Schaffen fortführt.

Moderne Demokratien sind stolz auf ihre Errungenschaften. Sie haben adelige Privilegien abgeschafft. Aber Beethovens Werk schulden wir größtenteils den Zuwendungen von Erzherzog Rudolf von Österreich. Darf ich fragen, Exzellenz: Durch welche Instanzen hat der Sozialstaat die adelige Gunst und Unterstützung für Künstler ersetzt? Im demokratischen Prozess muss man oft erkennen, dass nicht alles automatisch besser wird, wenn man nur den Erzherzog entfernt. Ich fürchte, dass selbst Beethoven nach heutigen Verhältnissen beim Jobcenter und schließlich beim Discounter landen würde. Ich glaube nicht, der Staat sollte Kunst und Künstlerförderung nur der adeligen Gunst und der Privatinitiative überlassen. Unter Förderung verstehe ich nicht etwas wie einen järhlichen Wettbewerb, und dann mal gucken wer gewinnt. Dafür gibt es Stiftungen. Ich spreche eher von struktureller Unterstützung.

Es ist mir bewusst, dass die Entwicklungen der letzten Jahre das politische Gleichgewicht weltweit belasteten und dass Deutschland in einer sehr schwierigen Lage ist, die viel Takt verlangt und deren Ausgang ungewiss ist. Prioritäten müssen gesetzt werden. Aber die Herausforderungen aus der Außen- und Innenpolitik können nicht als Grund dafür dienen, die Werte eines Landes zu vernachlässigen. Deutschland wird stärker und gesünder, wenn es im Bewusstsein gedeiht, dass ein Land ohne Kunst ein Land ohne Wert ist. Ich wünsche Ihrer Amtszeit und Ihnen selbst viel Segen, Glück und Frieden.

Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung,

Georg Solz


Petersfield, 2. Mai 2017

English version






BUNDESPRÄSIDIALAMT

Antwort
an Herrn Georg Solz


Sehr geehrter Herr Solz,

der Bundespräsident hat mich gebeten, Ihnen für Ihr Schreiben vom 2. Mai zu danken und Ihnen zu antworten.

Sie machen darauf aufmerksam, dass Kunst und Kultur für die moderne Gesellschaft äußerst wichtig sind und fordern eine staatliche Unterstützung für in finanzieller Not lebende Künstler. Es gibt in der Tat eine Vielzahl von Bildenden Künstlern, Musikern und Schriftstellern, die finanziell kaum über die Runden kommen und denen die Altersarmut droht. Dass sich einzelne von ihnen von den Sozialbehörden ungerecht behandelt fühlen, wurde mir von vielen Künstlern und Schriftstellern, mit denen ich zu tun habe, auch mehrfach geschildert. Hier ist grundsätzlich ein Umdenken erforderlich, wie Sie auch in Ihrem Brief formuliert haben.

In den letzten Jahren konnte einer Vielzahl von in Not geratenen Künstlern und Schriftstellern seitens des Staates bereits geholfen werden. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie auf die Deutsche Künstlerhilfe des Bundespräsidenten aufmerksam machen, die 1953/54 von Bundespräsident Theodor Heuss ins Leben gerufen wurde. Die Stiftung wird von dem jeweils amtierenden Bundespräsidenten treuhänderisch verwaltet. Ihr stehen jährlich 3,3 Millionen Euro an Mitteln zur Verfügung.

Im Übrigen verfügen einige Kultusministerien der Länder ebenfalls über Haushaltsmittel, die ausschließlich für in Not geratene Künstler bereitgestellt und in Form eines Ehrensolds ausgezahlt werden.

Die Förderung von Kunst und Kultur liegt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sehr am Herzen. Wie hat er es neulich so treffend formuliert: "Kunst lässt uns begreifen, was uns ergreift".

Ich wünsche Ihnen alles Gute und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag

Petra Hoffmann


Bundespräsidialamt


Berlin, 1. Juni 2017




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