INTERVIEW




Georg Solz und Georges Louis in einem Gespräch über Ästhetik, die Karolinger-Reihe und zeitgenössische Literatur

LOUIS: Herr Solz, man weiß nicht viel über Sie. Warum findet man keine Angaben über Ihre akademische Bildung?

SOLZ: Ich möchte nicht den Eindruck perpetuieren, dass literarisches Schreiben eine akademische Legitimierung benötigt. Thomas Mann hatte einen Realschulabschluss. Heute hat fast jede Vita einen Satz wie "hat dies und das studiert", als ob ein Germanistikstudium oder eine Promotion den besseren Schriftsteller machte.

LOUIS: Akademiker sollten also den Finger weg von Literatur lassen.

SOLZ: Das war bis Anfang des 20. Jh. Usus – eine Frage des Schamgefühls. Heute ist man lockerer, gewiss. Aber wer als Autor historisches Bewusstsein hat, sollte sich nicht zu sehr als Akademiker brüsten. Diskretion ist geboten.

LOUIS: Ist Ihre englische Anthologie Word and Dust eine Art Abrechnung mit der Modernität?

SOLZ: Keinesfalls. Ich bin ein Kind der Modernität, ich verdanke ihr meine Identität. Was ich kritisiere, ist eine gewisse Ideologisierung der Zeit und der Gegenwart. Wie jede Ästhetik ist die Ästhetik unserer Zeit bedenklich, und ich versuche zu zeigen, was daran bedenklich ist.

LOUIS: Zum Beispiel.

SOLZ: Zum Beispiel die Vorstellung, dass es zwischen dem Schönen und dem Vulgären keine Grenze gibt. Das Schöne kann durchaus alltäglich sein. Aber reines Unterhaltunsmaterial kann das Schöne nicht sein.

LOUIS: Also gehen Sie von der klassischen Dichotomie zwischen Kunst und Unterhaltung aus.

SOLZ: Ja und nein. Kunst darf unterhalten. Aber was unterhält, ist nicht unbedingt Kunst. Entscheidend ist immer der ästhetische Anspruch.

LOUIS: Dabei klingen manche Ihrer Verse sehr vulgär.

SOLZ: Sollen sie auch! Das ist eine Art Provokation, weil ich die Anspruchslosigkeit der Banalität ja gern vorführe und karikiere. Sie brauchen nur meine deutsche Elektra oder Medea zu lesen, um die Diskrepanz zwischen Sprachebenen zu erkennen. Aber die Diskrepanz ist auch ein Dialog, denn ästhetische Abschottung gegen den Zeitgeist ist keine Lösung. Was ich in ästhetischer Hinsicht nicht mag, ist nicht gleich wertlos, im Gegenteil, ich verwende es auch gern für Kontrasteffekte.

LOUIS: Sie haben ziemlich viel geschrieben. Wie gefällt Ihnen die Unterscheidung zwischen Autoren und Schriftstellern?

SOLZ: Sie wird immer schwammiger. Schriftsteller sind etabliert, leben von der Literatur und schreiben mit Niveau. Der Rest sind bloße Autoren. Das ist das klassische Verständnis. Ich bin ein Weder-Noch.

LOUIS: Sie geben ein Online-Zirkular heraus. Warum heißt es Der Karolinger?

SOLZ: Das ist eine Anspielung auf die Karolinger Renaissance. Zur Zeit Karls des Großen gab es keine Verlage. Es gab nur einen Kreis von Literaten am Kaiserhof, die ihre Schriften unter sich zirkulieren ließen. So wurde Literatur zu einer Zeit gepflegt, in der es keine Möglichkeit gab, eine breite Leserschaft zu finden. Das passt ja gut zu meinen Schriften, für die es nur eine kleine Leserschaft gibt. Wer keinen Mainstream schreibt, kann kein großes Publikum beeindrucken. Insofern lasse ich meine Schriften in einem kleinen Kreis zirkulieren.


Eine ausführliche Einleitung zur Karolinger-Reihe finden Sie >> hier.


LOUIS: Finden Sie das nicht elitär? Man könnte den Eindruck haben, Sie wollen die öffentliche Masse von Ihrer Kunst ausgrenzen.

SOLZ: Keinesfalls. All meine Werke sind im Netz frei zugänglich für jeden, der sie lesen will. Die Aufgabe des Karolingers ist ja zu zeigen, dass diese Werke überhaupt zugänglich sind. Neben des virtuellen gibt es aber auch den gedruckten Karolinger. Das muss man unterscheiden: Der virtuelle Karolinger macht auf Einzelarbeiten aufmerksam und berichtet über Neuigkeiten. Der gedruckte Karolinger ist eine Reihe ausgewählter Schriften, die ich in kleinen Mengen herausgebe und vorsichtig zirkulieren lasse. Das sind Zirkularbücher, oder Rundbücher.

LOUIS: Und das sind...

SOLZ: Bücher, die in einem kleinen Kreis von Leser zu Leser wandern. Sie gehören mir als Herausgeber und die Idee ist, wenn Sie mit dem Lesen fertig sind, geben Sie es einem Freund weiter oder mir zurück. Deswegen heißen sie Rundbücher. Sie wandern in einem Kreis, der mit mir beginnt und wieder bei mir endet. Glauben Sie mir, Herr Louis: Das schont auch die Umwelt!

LOUIS: Und wer kann diese Bücher lesen?

SOLZ: Jeder kann ein Zirklularbuch bei mir bestellen. Das wird per Post verschickt. Der Besteller muss sich nur verpflichten, das Buch zurückzuschicken oder mir durch andere Wege wieder zukommen zu lassen.

LOUIS: Also werden die Bücher nicht verkauft, weil sie zu Ihnen zurückkommen, und von Bestellern verlangen Sie auch keine Zahlung. Warum denn nicht?

SOLZ: Tja, wie soll ich das sagen? Das entspricht nicht dem Geist, in dem diese Schriften verfasst werden. Wenn Sie an den inneren Wert eines Werkes glauben, gehen Sie davon aus, dass solches Werk etwas Gutes in der Welt bewirken wird, von dem letzten Endes auch Sie selbst profitieren werden. Das ist ja schon mehr Bezahlung, Herr Louis! Wenn Sie aber zusätzlich Geld verlangen, dann sind Sie nicht wirklich vom inneren Wert des Werkes überzeugt. Ich wiederum bin nicht überzeugt von denen, die Literatur als Geschäftsmodell betrachten. Aber wahrscheinlich ist das nur Ansichtssache.

LOUIS: Herr Solz, Ihr Gedankengang erinnert mich stark an Plato, genauer gesagt an den Dialog Gorgias.

SOLZ: Ich weiß, ich habe auch meine Schwächen und Vorlieben. Niemand ist perfekt!

LOUIS: Und was ist der erste Titel, den Sie in der Karolinger-Reihe veröffentlichen?

SOLZ: Ich betrachte das nicht als Veröffentlichung, sondern nur als Vorstellung. Es ist ja wie gesagt nur für ein kleines Publikum gedacht und steht nicht zum Verkauf. Der erste Titel ist aber mein englischer Essay on Existence, eine literarische Arbeit über Ontologie.

LOUIS: Und wann erscheint denn der erste Titel auf Deutsch?

SOLZ: Hoffentlich bald, aber wenn Sie den Umfang der englischsprachigen Welt bedenken, werden Sie vielleicht verstehen, warum es Sinn macht, dass der erste Titel ein englischer ist. Ein deutschsprachiges Publikum zu finden ist viel schwieriger. Aber keine Sorge: Deutschsprachige Titel werden auch erscheinen. In due course, wie man im Englischen sagt.

LOUIS: Kann man Ihr Werk einem Genre zuweisen?

SOLZ: Niveau kennt kein Genre. Was ist denn Günther Grassens Genre? Welches Genre schreibt Herta Müller?

LOUIS: Aber haben Sie nicht den Eindruck, dass Verlage und Agenten eine Art Genrisierung der Literatur bewirken?

SOLZ: Das tun viele, weil es bequem ist. Es erleichtert die Arbeit. Aber die Literatur ist nicht da, um Verlagen und Agenten einen Gefallen zu tun.

LOUIS: Das klingt ziemlich harsch.

SOLZ: Das ist vielleicht kritisch, aber freundlich gemeint. Der Mensch ist ein unternehmensfreundliches Wesen, jawohl, und es ist schön, mit Literatur zu handeln. Aber es gibt ein gesundes Gleichgewicht zwischen ästhetischem Puritanismus und reiner Geldmacherei. Literatur soll nicht nur verkaufen. Sie soll auch schön sein.

LOUIS: Aber glauben Sie nicht, dass im Umgang mit Instanzen, die letzten Endes entscheiden, wer veröffentlicht wird, eine gewisse Diplomatie gehört? Nach dem Motto: Klein anfangen!

SOLZ: Man soll richtig anfangen! Entweder fängt man richtig an oder man fängt nicht wirklich an. Respekt ist immer wichtig, natürlich, aber Respekt existiert nur in einem Verhältnis unter Gleichen. Alles andere ist Duckmäuserei. Verstehen Sie, was ich meine? Man vollzieht den Schritt vom Bürgertum ins Künstlertum nicht, um als Ja-Sager zu leben. Kunst umfasst ja die Fähigkeit zu sagen, was nicht jeder hören will.

LOUIS: Sie haben gerade das Bürgertum erwähnt. Ist der Künstler etwa ein Revolutionär?

SOLZ: Nicht unbedingt. Kunst ist keine Ablehnung des Bürgertums. Sie ist aber ein Ausdruck der Freiheit. Wenn sich Autoren klischeehafte Verhaltensmuster aneignen, dann hat die Kunst ein Problem. Denken Sie an Autorenfotos, z.B. für einen Zeitungsartikel, Feuilletons etc. Was sieht man immer darauf? Ein junger Mann mit Lederjacke und zerfetzter Hose steht vor einer Grafitimauer. Soll das ein Ausdruck von Modernität sein?

LOUIS: Jedenfalls ist es schon weit vom Bürgertum entfernt.

SOLZ: Das weiß ich nicht. Wenn die Lederjacke schon teurer ist als ein Frack, dann sieht man sofort, wie präsent das Bürgertum ist.

LOUIS: Aber ist die Lederjacke vielleicht nicht ein Ausdruck von Innovation?

SOLZ: Innovation bringt etwas Neues zustande. Wenn man sich ein Verhaltensmuster aneignet, um sich nur der gängigen Cool-und-Geil-Mentalität anzupassen, was ist denn innovativ dabei?

LOUIS: Also doch lieber Frack tragen!

SOLZ: Man kann alles tragen, solange man nicht versucht, eine Künstleruniform durchzusetzen, wie es leider bei Autorenfotos so oft der Fall ist.

LOUIS: Auf Ihrer Seite liest man, dass Sie in social media nicht aktiv sind. Warum denn nicht?

SOLZ: Kunst zielt ja auf kulturelle Bereicherung und ästhetische Differenzierung. Social media bewirken genau das Gegenteil: kulturelle und ästhetische Nivellierung.

LOUIS: Glauben Sie aber nicht, Twitter oder Facebook könnten Ihnen als Schriftsteller helfen und Ihnen ein Publikum verschaffen?

SOLZ: Von Twitter und Facebook halte ich wenig. Ein Künstler kann nicht sagen: Ich trete Facebook bei, weil meine Freunde schon da sind. Das wäre eine Frivolität. Seine Freunde trifft man persönlich. Man kann sonst anrufen und Emails schreiben. Ich habe kein Bedürfnis, das gestrige Menü eines früheren Schulkameraden zu sehen. Meine Entscheidung hängt vor allem mit der Natur meiner Tätigkeit zusammen. Ein Schriftsteller ist ein Künstler. Man erhebt nicht die Flagge der Originalität, um zugleich Mitläufer zu werden.

LOUIS: In Ihren Schriften ist Musik fast allgegenwärtig. Spielen Sie ein Instrument?

SOLZ: Ja. Klavier! Aber nicht zu gut...

LOUIS: Was spielen Sie momentan?

SOLZ: Ich übe jetzt die Nocturnen Op. 48 Nr. 2 wie auch Op. 37 Nr. 1 von Chopin.


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