GREGORIVS VATIS ADVENA

ARCHIVVM CAROLINGIVM

alle wörter sind gleich

Autoritäre züge können auch in der formalen gestaltung der sprachen fuss fassen. den schreibenden geistern ist es geboten den gebrauch äusserer normen in ihren schriften zu hinterfragen. die vorstellung dass literatur sich diesen normen unterordnen muss, darf eine kritische ästhetik nicht für selbstverständlich halten. selbstverständlich ist dass der offizielle und der literarische gebrauch der schrift getrennten wegen folgen können, und dass die umstände neben einer offiziellen oft auch unterschiedliche literarische rechtschreibungen verlangen. solche umstände liegen vor wenn unreflektierte normen der sprache und der gesellschaft schaden, wenn rechtschreibungen eine unnötige hierarchiesierung von wörtern und buchstaben zustande bringen.

In der märzrevolution von 1848 gab es versuche den deutschen schriftgebrauch dynamischer zu gestalten, nicht zuletzt durch eine vereinfachung der normen. so wurde die grossschreibung vielerorts an den globalen gebrauch angepasst grossbuchstaben nur bei eigennamen und satzanfang zu verwenden. schon damals wurde die grossschreibung von substantiven als eine altmodische praxis empfunden, die den eindruck einer künstlichen hierarchie der wörter vermittelte, als ob substantive wörter erster klasse und der rest wörter zweiter klasse wären.

Seit der einführung der karolingischen schrift wurden wörter je wichtiger sie empfunden je grösser geschrieben. die karolinger selbt hatten nicht nur zwei sondern Vier klassen von buchstabengrössen. dennoch drückt der versuch von 1848 die überzeugung aus dass Alle Wörter Gleich Sind, und dass die hervorhebung einer bestimmten wortklasse durch grossschreibung ein etwas autoritärer schriftgebrauch ist, ausdruck einer gesellschaft in der auch menschen nicht gleich behandelt werden.

2017 sehen wir immer noch überreste frühneuzeitlichen autoritarismus in der deutschen rechtschreibung. warum nur. in einer zeit in der autoritäre parteien ganz locker ins parlament einziehen, muss man die quellen dieser politischen gefahr auch ausserhalb der expliziten politik suchen und bekämpfen. das autoritäre das diese parteien verkörpern hat vor allem ästhetische wurzeln. die gut situierten anführer dieser bewegungen werden überhaupt nicht von wirtschaftlichen nöten sondern von ästhetischen fetischen und obsessionen getrieben. ihre unfundierte nostalgie gilt einer gesellschaft in der die abstraktionen der kultur und der identität sichtbar gemacht werden könnten. sie sehnen sich nach blonden blauäugigen menschen die elegante anzüge oder lange mäntel tragen und sich die haare nach rechts kämmen. sie wünschen sich eine welt voller rokoko- und downton-abbey-gepränge in der sich alle affektiert ausdrücken und gebärden. diese besessenheit mit sauberem schein und fassaden erheben sie dann zum politischen programm. raus mit einwanderern, zurück in die vergangenheit wo alle kultur und identität hatten, und bald werden alle wie bei Downton Abbey leben. aber jeder versuch identität sichtbar und handfest zu machen, wird stets in ästhetischem desaster enden. identität geht immer weit über formbesessenheit hinaus.

Darum ist es falsch und gefährlich zu denken dass deutsche identität oder irgendeine identität eine frage von gross- oder kleinschreibung, von schwarz oder weiss ist. identität ist vielfältig und belastbar. sie ist bereit ihre komfortzone zu verlassen. eine ästhetik die die komfortzone des schriftgebrauchs verlässt fördert die kultur und stärkt sie gegen die obsessionen des autoritarismus.

Ich versuche nicht eine apologie der gröbe und der hässlichkeit zu halten. im gegenteil, das was ich vorschlage betrachte ich nicht nur als politisch fundierter sondern auch als schöner. wir sind erben der karolingischen minuskel. dieses erbe kann seine ausgewogene eleganz aber nicht entfalten wenn jedes dritte wort mit einem grossbuchstaben beginnt. das stört die augen, das behindert das potenzial eines schriftbildes das am besten im schlichten gebrauch glänzt. die literatur, insbesondere die dichtung braucht keine rechtschreibung die das kognitive vermögen ihrer leser unterschätzt und annimmt, man kann einen text nicht verstehen wenn wörter klein geschrieben werden. grafisches gehabe ist nicht die lösung. literarisches schreiben ist viel eleganter wenn grossschreibung, abgesehen von eigennamen und absatzanfängen, nur zur subjektiven hervorhebung benutzt wird. Nur Zur Hervorhebung.

Auch die kommasetzung ist von ungewöhnlichem byzantinismus geprägt. ein komma ist nur nötig wenn der diskurs eine natürliche pause anbietet oder erfordert. man macht keine pause zwischen kurzen haupt- und nebensätzen wie „ich weiss dass du schreibst“. wozu die künstliche trennung zwischen prädikat und objekt. vor subjekt- und objektsätzen gehört grundsätzlich kein komma, zumal eine konjunktion bereits anzeigt dass ein neuer satz anfängt und zwar ohne pause. man würde es für undenkbar halten objekte oder subjekte zu isolieren wie „der mann, geht nach hause“ oder „wir sehen gerade, den mann“. das wäre syntaktischer pedantismus, und pedantismus ist es auch subjekt- und objektsätze von hauptsätzen zu trennen. allgemein beginnen nebensätze auch mit konjunktionen die den gebrauch eines kommas entbehrlich machen, es sei denn, es gilt eine natürliche pause zu markieren.

Explikative relativsätze brauchen komma, aber restriktive relativsätze brauchen kein komma. man sollte schreiben „der mann der dich sucht ist hier“, denn hier wird der begriff „mann“ auf einen bestimmten mann begrenzt und diese restriktive erläuterung ist nötig, so nötig dass eine pause in dem zusammenhang unzulässig ist. aber man sollte schreiben „der professor, der übrigens nie pünktlich zur vorlesung kommt, hat heute auch die unterlagen vergessen“, denn hier wird der begriff „professor“ nur nebensächlich explikativ erläutert.

Ein komma ist auch sinnvoll wenn verben aufeinander treffen und man eine verwirrung auschliessen will. „bevor wir schreiben, sollten wir denken“ ist besser als „bevor wir schreiben sollten wir denken“, da man nicht sofort erkennt dass Sollten sich auf Denken und nicht auf Schreiben bezieht. aber „bevor wir schreiben denken wir auch“ bietet keinen raum für verwirrung. wozu komma.

Doch es geht weiter. auch die interpunktion eines guten schriftgebrauchs ist durchaus in der lage nur mit komma und punkt auszukommen. kann man denn nicht erkennen dass dieser satz eine frage ist. wer braucht denn ein fragezeichen wenn der satz schon Selbst mit einem fragewort beginnt. ja, es gibt fragen die ohne fragezeichen schlecht zu erkennen sind und bei denen ein fragezeichen angebracht ist. aber die meisten fälle brauchen kein solches zeichen. es gehört nicht viel anstrengung und kreativität zu erkennen dass die meisten zeichen unserer interpunktion nur grafisches beiwerk sind. das was wir brauchen ist jedoch eine belastbare ästhetik jenseits des pompösen beiwerks. dekadente pomp nährt nicht die tiefe des inhalts sondern nur die oberflächlichkeit autoritärer fetische.

Wir haben eine archäologische rechtschreibung. muss literatur einem gehabe gehorchen das nur die obsessiven träume von rokokoparteien bestätigen. nein, das ist nicht der weg. eine ästhetik die sich in einer welt globaler herausforderungen behaupten will muss aufwachen, denn komplexe probleme brauchen ausgereifte lösungen. alles andere wird untergehen. vielleicht, wer weiss, ist die deutschsprachige literatur noch vom willen beseelt zu überleben, damit auch das schönste und das beste der sprache überlebe. ich für meinen teil kann den schreibenden geistern nur ermuntern sich in ihrem schriftgebrauch von allem abzuwenden was nach autoritarismus riecht. das ist der grund warum ich einen anderen weg suche, einen weg der mehr politische verantwortung und sensibilität, aber auch zweifel zum ausdruck bringt.

Das internet ist durchaus ein privileg. dieser scheussliche segen erlaubt es mir meine seeflaschen ganz bequem ins deutsche festland zu schicken, ohne mit einer miesen geldstrafe für wiederholte infragestellung einer verbindlichen rechtschreibung rechnen zu müssen. verbindlich wo. ja, man könnte ganz glamourös meine webseite im bundesgebiet sperren, aber das internet ist eine weite welt die man nicht abschaffen kann. ich schreibe also im bewusstsein dass die deutsche sprache nicht das eigentum eines staates oder eines volkes ist. sie gehört, wie jede andere sprache, der ganzen welt und bedarf keiner deutschen oder nicht-deutschen identität.

Ich möchte diese gelegenheit nutzen um wieder an mein stück Medea zu erinnern, das übrigens diesem neukarolingischen schriftgebrauch folgt. Medea ist das opfer einer gesellschaft in der nationale hysterie die oberhand nimmt, in der die menschenwürde einem illusorischen ästhetischen fetisch weichen muss. in dieser dystopie, der agonie der oberflächlichkeit unter dem hohlen mantel von kultur und identität, kann Medeas antwort aus der verzweiflung nicht anders als dystopisch fallen. Medea ist allgegenwärtig und doch nirgends bekannt. wahres leid ist unbekanntes leid, und Medeas tragödie ist eine tragödie sozialer gleichgültigkeit.

Nicht überraschend ist dass meine Medea ziemlich unbekannt ist. wahre kunst ist unbekannte kunst. wie denn nicht. bekannte kunst ist das ergebnis von kompromissen, doch in den kompromissen lügt sich der künstler an, er widerspricht seiner eigenen kunst, er gibt sich auf um der hedonik von geld und beifall zu dienen. da entpuppen sich geld und beifall als den wahren zweck einer kunst die zum blossen mittel wird. daher kommt es dass, wie wahres leid, auch wahre kunst unbekannte kunst ist. in der gleichgültigkeit die sie überall findet zahlt sie den hohen und dennoch unvergleichbar edlen preis dafür, dass sie niemandem etwas schuldet und dass trotz ihrer obskurität ihre integrität sich selbst genügt. mich muss man nicht lesen. nur klage man nicht wenn plötzlich seine kinder sich im bann einer politischen obsession einlullen. an warnungen fehlte es nicht.

Gestattet zur klassischen dämpfung eine kleine coda. inzwischen, so habe ich neulich gehört, lehnen verlage bücher ab mit dem zugeständnis dass die entscheidung nichts mit der qualität des werkes zu tun hat. da fragt man sich was der zweck eines verlages sei wenn literarische qualität keine rolle spielt. aber die antwort ist doch offensichtlich.